Unter Buddhisten

Berliner Abende Kolumne

Lina hat einen neuen Nebenjob. Es ist schon der fünfte in diesem Jahr. Nach Kellnern in einem Kreuzberger Café, Kartenabreißen im Cubixkino am Alex, Putzen im Bundestag und Aktensortieren in einer Rechtsanwaltskanzlei auf dem Ku´damm, scheint dieser Job endlich ein Volltreffer zu sein.

Sie arbeitet dienstags, donnerstags und am Sonntag, und seit einiger Zeit freue ich mich drei Mal die Woche auf die Abende, wenn sie vom Geldverdienen nach Hause kommt und mir Geschichten von ihrer Arbeit erzählt. Es ist wie eine skurrile, freundliche Telenovela, bei der man nicht weiß, was in der nächsten Folge passieren wird, weil es täglich neue Protagonisten gibt. Stammpersonal, das regelmäßig auftaucht, gibt es natürlich auch: Der emeritierte Professor, der in der Seitentasche seines Leinensakkos ein Pendel mit sich herumträgt und damit alles auspendelt, bevor er es kauft. Der kleine Sohn der Putzfrau, der immer nach einem Bonbon fragt und auch immer eines bekommt, und als Dankeschön dafür jedes Mal fünf Liegestützen vor Lina macht, weil er genau so alt ist. "Jedes Jahr eine mehr", sagt er. "Wenn ich so alt wie mein Opa bin, mache ich 67 Liegestützen." Und dann ist da noch die Frau, die jeden Donnerstag um 16 Uhr 30 an der Kasse steht und immer die gleiche Postkarte kauft: Ein Schneidersitzbuddha mit geschlossenen Augen und goldglänzendem Bauch.

Lina arbeitet in einer Buchhandlung. Es ist nicht irgendeine Buchhandlung. Sie arbeitet in der Buchhandlung Walther König, die sich im Museum Dahlem befindet. Genau genommen sind es sogar zwei Museen. Das ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst. Und die Buchhandlung ist der einzige Ort im Museum, in dem man Dinge kaufen und mit nach Hause nehmen kann.

Wir gießen uns jeder ein Glas Weißwein ein und machen es uns auf dem Balkon in den Polsterstühlen bequem. Es ist Sonntagabend und Zeit für eine neue Folge aus der Buchhandlung.

"Der heutige Tag war nicht ganz so spektakulär", sagt Lina. "Obwohl..." Sie streicht sich mit der Hand eine Haarsträhne aus der Stirn. "Es waren drei Frauen da, die gerade von einer Reise aus China zurückgekommen sind."

"Hatten sie einen Kontrabass dabei?", frage ich.

Lina lacht. "Nein, nein, es waren keine Chinesinnen. Es waren Deutsche, die eine sechswöchige Reise durch China gemacht haben. In Tibet waren sie auch. Sie waren sehr an Literatur zum Buddhismus interessiert."

"Aha", sage ich.

"Ich glaube, sie waren auf dem Pfad der Erleuchtung", sagt Lina. "Zumindest eine von ihnen. Sie hat zwischendurch Atemübungen und kleine Meditationen gemacht."

"Dann waren sie wohl etwas länger da?"

"Allerdings. Sie haben über drei Stunden in der Buchhandlung verbracht."

"Und haben die ganze Zeit gelesen und in Bildbänden geblättert, anstatt in das Museum zu gehen, weil die Buchhandlung ja keinen Eintritt kostet", sage ich.

"Weit daneben", sagt Lina. "Im Museum waren sie zwar tatsächlich nicht, aber Bücher haben sie gekauft. Und nicht nur zwei oder drei." Sie macht eine kleine Pause und verscheucht eine Mücke, die vor ihrem Gesicht herumschwirrt. "Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass sie unser komplettes Sortiment leer kaufen wollen, um damit eine eigene Buchhandlung aufzumachen."

"Jetzt übertreibst du aber - oder?"

Lina schüttelt den Kopf. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe die Bücher nicht übereinander gestapelt, aber sie haben mindestens zwei Meter gekauft."

Ich versuche, mir zwei Meter Bücher vorzustellen. Ich habe als Dreijähriger zwar Bauklötze in gefährliche Höhen aufeinandergestapelt, aber auf die Idee, aus der Bibliothek meiner Eltern einen Bücherturm zu bauen, bin ich als Kind nicht gekommen.

"Wie haben sie es denn geschafft, die zwei Meter aus der Buchhandlung zu tragen?"

"Ich habe vom Museum einen Karren ausgeliehen, mit dem sonst Skulpturen und andere schwere Gegenstände transportiert werden. Ich haben ihnen die Bücher und Bildbände auch noch in ihren Kofferraum gepackt. Extraservice für besonders gute Kunden. Mir kam es vor, als hinge die Karosserie anschließend gefährlich tief über dem Asphalt."

Ich sehe Lina vor mir, wie sie den Kofferraum mit Büchern belädt und der Wagen mit jedem Buch ein Stück weiter nach unten sinkt.

"Das hat doch was", sage ich. "Du hast heute ein Auto mit buddhistischer Fachliteratur tiefergelegt. Wer kann das schon von sich sagen?"

Lina sieht mich mit ihren Spätsommeraugen an und grinst. Dann nehmen wir beide einen Schluck aus unseren Gläsern und schauen zufrieden in den Berliner Abendhimmel.


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00:00 10.08.2007

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