Unter dem Banner des Königs

Libyen Die Aufständischen im Osten des Landes sind kein monolithischer Block. Sie könnten einen Rumpfstaat ­ausrufen – während das System Gaddafi im Westen erst einmal überlebt

One, two, three – viva Sarkozy“, skandierten Tausende am 10. März auf dem zentralen Platz in Benghazi, nachdem Frankreich den in der Stadt gebildeten Nationalen Übergangsrat als derzeit legitime Vertretung des libyschen Volkes anerkannt hatte. Ähnlichen Zuspruch dürfte der französische Präsident in Tunesien, Algerien und Marokko nicht erwarten, weil dort die Rechtlosigkeit unvergessen ist, unter der man zur Zeit der ehemaligen Kolonialmacht gelitten hat. Libyen aber stand bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges unter italienischer Herrschaft. Und die heutigen Bürger, die nur äußerst selten an Pässe und Visa für Auslandsreisen herankommen, haben wahrscheinlich ein illusionär geschöntes Bild vom Westen. Dessen permanenter öffentlicher Verteufelung durch ihren Revolutionsführer gönnen sie jedenfalls mehrheitlich schon lange keinen Glauben mehr. Aber sich von der verhassten Dominanz seines Clans zu befreien, ist für das riesige Land, das nur knapp 6,5 Millionen Bürger zählt, bislang nicht möglich gewesen. Es ist pure Verzweiflung, dass man sich diesbezüglich Hoffnungen auf eine Intervention aus dem Ausland macht.

Atomisierte Bürgerschaft

Da das Staatsfernsehen – als wohl einziger Kanal der Welt – seine Nachrichten kaum mit Bildern zu illustrieren pflegt, sondern vor libyschen Staatssymbolen verlesen lässt, haben Empfang und Einfluss ausländischer Sender in diesem Land eine noch größere Bedeutung als anderswo in Arabien. Zur bislang mächtigsten, von tiefer Emotionalität geprägten Massendemonstration kam es daher am 12. März, als der Leichnam von Hassan Ali El Djabr, eines Kameramanns von Al Djschasira, durch Benghazi getragen wurde. Das Auto seines Teams war nach Aufnahmen außerhalb der Stadt von Scharfschützen der bereits heranrückenden Armee verfolgt worden. Plakate im Trauer-Defileé ehrten den „Märtyrer“, der „die Wahrheit gegen die Despoten“ ans Licht gebracht habe: „Dank dem Volk von Katar, das uns den Sender Al Djschasira gibt“, war zu lesen. Neben der rot-schwarz-grünen Fahne ihres Aufstands – den alten Farben des Königreichs Libyen – wurde immer wieder auch die Flagge Katars gezeigt, ein deutliches Zeichen, dass zumindest im Osten Libyens der kleine Golfstaat bei einer Militärintervention durchaus willkommen wäre. Dass Benghazi die grüne Fahne der Gaddafi-Revolution und des Gaddafi-Staates gegen die des Königs Idris austauscht, bedeutet nicht, dass es eine Rückkehr zur Monarchie geben soll. Deren Clan, die Senussi-Bruderschaft, hatte das Land trotz beachtlicher Erdöleinnahmen in tiefster Rückständigkeit belassen.

Obwohl es keine zuverlässigen soziologischen Erhebungen über den Wandel der libyschen Gesellschaft seit Gaddafis Militärputsch von 1969 gibt, ist eines unbestreitbar: Die traditionelle Stammesgesellschaft existiert nicht mehr. Nur noch fünf Prozent des ehemaligen Nomadenvolkes gelten heute als nicht sesshaft – mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben in schnell gewachsenen Städten, vorzugsweise in Tripolis, Benghazi und dem 200 Kilometer östlich der Kapitale gelegenen Misrata. Auf Loyalitäten, die alte Stammeszugehörigkeiten bedienen, kann sich wahrscheinlich nur noch das Regime selbst verlassen, das stets eine Günstlingswirtschaft gepflegt hat, von der hauptsächlich der um Sirrte lebende Stamm Gaddafis profitierte. Genau darin lag bislang auch die Crux der unmöglichen Befreiung: Eine atomisierte Bürgerschaft besaß keine demokratischen Instrumente gegenüber der Zentralmacht, die ihrerseits über zahlreiche moderne technische wie traditionelle Mittel der Kontrolle verfügen konnte.

Die Vermutung, es würde nur um einen Aufstand des östlichen Landesteiles gegen den westlichen gehen, wird dadurch entkräftet, dass die Unruhen zunächst von allen großen Städten ausgingen, auch Tripolis. Dass dabei die Bürger politischen und militärischen Widerstand organisieren konnten, hing nicht zuletzt mit einer Selbstverwaltung zusammen, die das Regime einst eingeführt hat.

Gaddafis Bulldozer

Das aber genügt den Libyern nicht mehr. Sie wollen ein Regime überwinden, das zwar ein durchaus beachtliches Sozialsystem installiert hat, aber von einer kapriziösen Willkür durchzogen ist, die weltweit einmalig sein dürfte. Hinter antiimperialistischer Rhetorik schwankt es – je nach Gutdünken des sakrosankten Führers – zwischen einem Hang zur Liberalisierung und abrupter Zurücknahme von Reformen und Versprechen. Der nicht nur zur Irritation des Auslands, sondern durchaus auch zu der der eigenen Landsleute immer wieder in neuen Fantasiekostümen auftretende Gaddafi setzte sich 1988 anlässlich einer Generalamnestie selbst auf einen Bulldozer, um die Mauern eines Gefängnisses niederzureißen. Aber 1996 – nach einer Revolte in der Strafanstalt Abu Salim – ließ er 1.600 Menschen niedermetzeln und anschließend einbetonieren, viele davon aus Benghazi.

Erst 2009 wurde eine Kommission zugelassen, die dieses Verbrechen aufklären und über Entschädigungen für die Angehörigen entscheiden sollte, was bis heute jedoch nicht geschehen ist. Mentor solcher Schritte zum Rechtsstaat war stets Justizminister Mohamed Abud al-Dschelail, der vor einem Monat aus Protest gegen die Repressionsmaschinerie zurücktrat, nach Benghazi ging und dort am 5. März den Nationalen Übergangsrat gründete. So wenig über dessen Programm bekannt ist, so sehr gilt doch eine stabile und transparente Rechtsordnung als revolutionäres Hauptziel.

Von daher dürfte Abud al-Dschelail durchaus der richtige Mann an der Spitze einer Übergangsregierung sein. Ob dem freilich die Militärintervention wirklich hilft, sich zu stabilisieren und einen neuen libyschen Staat hervorzubringen, steht in den Sternen. Eine denkbare, wenn auch düstere Perspektive ist die Teilung des Landes in einen weiter vom Gaddafi-Clan beherrschten, aber international boykottierten Rumpfstaat im Westen und einer neuen Administration im Osten. Ob von eigenem oder fremdem Militär verletzt oder getötet – der libyschen Bevölkerung steht wahrscheinlich eine grauenvolle Zeit bevor.

Sabine Kebir ist Essayistin, Literaturwissenschaftlerin und Nordafrika-Spezialistin

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12:15 25.03.2011

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