Unter Fischen

Bestseller In „Der Gesang der Flusskrebse“ versucht eine Frau, ohne Menschen zu leben
Unter Fischen
Consider the Lobster: Sieht so ein Flusskrebs aus?

Illustration: Ira Bolsinger; Material: iStock, Getty

Einsamkeit ist traditionell Männersache. Frauen, die die Einsamkeit suchen, sind suspekt. Von weiblicher Einsamkeit handelt Delia Owens’ Debüt Der Gesang der Flusskrebse. Offensichtlich hat die Autorin damit einen Nerv getroffen: Seit Januar dieses Jahres verharrt der Roman auf Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste. Die Filmrechte sind verkauft.

Verpackt in einen spannenden Krimi-Plot, der Ermittlungen und Backstory geschickt verbindet, erzählt der Roman die Geschichte des Mädchens Kya. Sie schlägt sich alleine in der unwirtlichen Marschlandschaft in North Carolina durch, seit sie im Alter von sechs Jahren von ihrer Familie dort zurückgelassen wurde. Was geschieht, wenn ein Kind in völliger Isolation von der Gesellschaft aufwächst, diese Frage hat schon immer interessiert. Die Antwort läuft stets auf einen imaginierten Naturzustand des Menschen hinaus. Wie dieser aussieht, hängt vom jeweiligen Menschenbild ab. In den vielen literarischen und filmischen Verarbeitungen von Wolfskind-Geschichten von Kaspar Hauser bis Mogli findet man ein weites Spektrum an Spekulationen darüber, was aus dem Menschen ohne Menschen wird: Ob er besser, stärker, friedlicher oder brutaler wird, für immer Kind bleibt oder am Ende doch ein Tier ist.

Tiefe Narben

Der Drang, die natürlichen Verhaltensweisen, die ursprüngliche Sprache et cetera freizulegen, hat darüber hinaus zu grausamen Experimenten geführt. Nicht das erste, trotz zweifelhafter historischer Quellen wohl aber das bekannteste ist das von Friedrich dem Großen: Er soll eine Gruppe Säuglinge isoliert haben mit dem Ergebnis, dass sie, obwohl ihre materielle Versorgung gewährleistet war, verkümmerten und starben. Und auch die meisten anderen dokumentierten Fälle von Kindern, die über Jahre ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwuchsen, handeln nicht von Wölfinnen, die sie mit ihrer Milch großzogen wie in der Sage von Romulus und Remus, sondern von Verwahrlosung und Misshandlung durch Menschen. Diese Kinder sind meist sprachlich, kognitiv und emotional verkümmert und können die fehlende Entwicklung oft nicht mehr nachholen. Obwohl auch Kya durch das Trauma des frühen Verlassenwerdens tiefe Narben davonträgt, ist sie alles andere als unzivilisiert: Sie überlebt nicht nur, sie entwickelt sich zu einer ganz besonderen Persönlichkeit. Sie richtet sich in der Hütte, in der sie zurückgelassen wurde, sorgfältig ein und führt ihren eigenen Haushalt. Und obwohl sie nicht zur Schule geht, lernt sie lesen und schreiben. Sie nutzt jede Gelegenheit, um sich intellektuell weiterzuentwickeln, um sich und die Welt um sie herum zu verstehen. Und sie nimmt die Leser mit in diese Welt, die Marschlandschaft. Eine unübersichtliche und auf den ersten Blick monotone Landschaft, die keinen ökonomischen Wert hat. Für Kya ist sie das Bezugssystem schlechthin. Seit ihre Familie sie im Stich gelassen hat, fühlt sie sich den Vögeln, Insekten, Fischen und Stinktieren näher als den Menschen. Delia Owens, die selbst einen Großteil ihres Lebens mit der Beobachtung der Wildnis in Botswana und Sambia verbracht hat, beschreibt das Leben der Marsch mit großer Sorgfalt, ja Zärtlichkeit. Ihre Fähigkeiten, sich in der Natur zurechtzufinden, sie zu lesen, gibt die Autorin an ihre Protagonistin weiter. Die Landschaft wird für Kya zum Nährboden, auf dem sie prächtig gedeiht. Diese Zuschreibungen – ihre Naturverbundenheit, ihre Integrität, aber auch ihre Stärke und Unabhängigkeit – erinnern stark an den „edlen Wilden“ à la Rousseau. Gehörte Kya einem indigenen Stamm an, würde man der Autorin hier vermutlich Rassismus vorwerfen. Doch die Protagonistin gehört zu der weißen Bevölkerung, die im Sumpf lebt, um in Ruhe gelassen zu werden, und die von den Menschen in der Kleinstadt als minderwertig verachtet wird. An einer gewissen Idealisierung ihrer Hauptfigur, an einem romantisch verklärten Bild von der Harmonie, in der Kya mit der Natur lebt, könnte man sich stören. Doch ist die Figur in dieser Hinsicht der gelebten Erfahrung der Autorin selbst so nahe, dass auch diese Kritik unangemessen erscheint.

Wie viele Frauen bezahlt auch Kya für ihre Unabhängigkeit einen Preis. Ihre Sehnsucht nach menschlicher Nähe begleitet sie, auch als aus dem Wolfskind eine Frau wird. Die Natur kann ihre Einsamkeit nur lindern, sie kann sie nicht kompensieren. Die Spannung zwischen den Bedürfnissen Distanz und Nähe ist das zentrale Thema des Romans. Und die existenzielle Frage, ob Nähe und Liebe möglich sind, ohne sich selbst aufzugeben, sich den gesellschaftlichen Vorstellungen davon anzupassen, wie eine Frau zu sein hat.

Wer die Nachtigall stört

Die jungen Männer aus der Kleinstadt nennen sie „Marschmädchen“, sie sehen in ihr die Wolfsfrau. Kyas Erscheinung weckt Fantasien, ihr nahe zu kommen, sie zu zähmen, zu besitzen. Erst relativ spät wird klar, dass Delia Owens’ Roman in einer Metoo-Geschichte gipfelt. Ein Mordfall, dessen Spuren die Gezeiten längst verwischt haben, führt schließlich dazu, dass die menschenscheue Protagonistin noch einmal mit allen auf sie projizierten Vorurteilen konfrontiert wird. Das Wort der Außenseiterin steht gegen das der Familie eines Mannes, der im Ort als unbescholtenes Prachtexemplar angesehen wurde.

Spätestens hier sind die Gemeinsamkeiten mit Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört, in dem ein junger Schwarzer aufgrund rassistischer Vorurteile der Vergewaltigung einer weißen Frau schuldig gesprochen wird, nicht mehr zu übersehen. Dass der Klassiker zu ihren Lieblingsbüchern gehört und eine wichtige Inspiration für sie war, ist unschwer zu erraten. Neben dem spektakulären Prozess mit scheinbar vorgezeichnetem Ausgang erinnert auch die Schilderung der hermetischen Welt einer Kleinstadt in den Südstaaten aus der Perspektive eines jungen Mädchens an den Roman aus dem Jahr 1961.

Info

Gesang der Flusskrebse Delia Owen Ulrike Wasel (Übers.), hanserblau 2019, 464 S., 22 €

06:00 11.08.2019
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