Unter Genossinnen

Kehrseite II Blond ist sie. Heute blond. Topfschnitt. Das Kleid weht bei ihrem wiegenden Gang, wenn sie gewichtig den Flur hinunter geht, gewichtig und zugleich ...

Blond ist sie. Heute blond. Topfschnitt. Das Kleid weht bei ihrem wiegenden Gang, wenn sie gewichtig den Flur hinunter geht, gewichtig und zugleich beschwingt. Hier ein Schwätzchen, da ein Schwätzchen. Wie sind wir doch nett miteinander. Und morgen ist auch noch ein Tag. Nur verpassen, verpassen will sie nichts. Und eilt auf hohen Stöckelschuhen zum nächsten Ereignis.

"Ich bin da!" sagt der Körper und wiegt den Kopf leicht hin und her. Sie ist nachdenklich-konzentriert. Nicht unbedingt vorbereitet, aber auf jeden Fall hoch interessiert und immer im Bilde. Ja, ich bin die Vorsitzende. Ja, ich bin die Stellvertreterin. Ja, ich bin die Beisitzerin. Ja, ich bin die Sprecherin. Ja, ich mach´ das schon. "Alles muss man selber machen!" stöhnt sie.

Die schwarze Hose mit Nadelstreifen, keine echten, endet in schwarzen Stöckelschuhen aus Samt. Die Stöckelschuhe sind hoch, das hebt.

Natürlich rote Lippen, kräftig und aufdringlich und wollen doch zugleich dezent sein. Und Make Up natürlich. Das verdeckt die Hautunreinheiten, glättet die Fassade. Ein Lächeln, wohl dosiert, signalisiert Aufgeschlossenheit. "Sprich mich an, ich bin bereit", sagt der Mund. Und die Augen saugen das Gegenüber aus.

Eine breite Parfümwolke umweht sie, wie ihr Jackett die Hose mit den Imitat-Streifen. Die Parfümwolke umnebelt nicht nur sie, sondern auch das Gegenüber. Es ist keine Parfümwolke, auf der man sitzen möchte. Eher so etwas wie eine Regenwolke, die sich fix abregnen und dann weiterziehen soll.

Viele E-Mails schwirren von ihrem Computer aus, alle mit "herzlichst" unterschrieben. Und viele Telefonate, sie ist emsig bemüht und sehr fleißig. Auch abends Telefonate, sogar bis Mitternacht. Von zu Hause aus. Sie hat ja so Wichtiges zu bereden. Heute ruft sie Eva an. Aber Eva ist nicht erreichbar. Eva ist seit zehn Jahren dabei. Durch Dick und Dünn wollten sie zusammen gehen. Dann kam die Nominierung. Sie bekam einen guten Platz auf der Liste, Eva kam nur auf einen Nachrückerplatz. "Das ist doch gut!" sagt sie zu Eva. "Da hast du doch echte Chancen!" Seitdem schützt sie der Anrufbeantworter.

Manchmal ruft ein Freund sie an. Er ist Gerichtsmediziner und verheiratet und lebt in einer anderen Stadt. Manchmal mailt er ihr ein Gedicht. Dreimal im Jahr kommt er nach Frankfurt. Dann sind ihre Abende privat ausgefüllt.

Samstags geht sie ins Fitness-Studio. Denn in einem gesunden Körper wohnt bekanntlich ein gesunder Geist.

Blond ist sie. Heute blond. Und ich habe mit ihr ein Hühnchen zu rupfen. Eigentlich eher eine ganze Legebatterie. Nein, in ihrem Garten wollte ich sie nicht sprechen, wo sie als Herrin des Hauses - dabei ist das nur eine Hausmeisterwohnung - agiert. Ein neutraler Ort. Ein Freitag. Das war ein Fehler. Sie kommt nicht allein. "Das macht dir doch sicher nichts aus, dass Irmgard dabei ist? Wir wollen noch ins Theater. Premiere heute. Was hast du denn auf dem Herzen?" Zuckersüß zeigt sie mir ihr Lächeln heute. "Ich brauch´ dich", hätte nur noch gefehlt. Die Augenschminke heute besonders dick. Überhaupt ist sie viel zu dick. Abwehrpolster, denke ich. Und schaue durch sie und Irmgard hindurch auf die Wand. Was für schöne, naturbraune Ziegelsteine. Sicher aus Italien. "Also, was hast du nun auf dem Herzen?" wiederholt sie ihre Frage. "Ich möchte dir die Maske abreißen und schauen, was drunter liegt!", zuckt es durch meinen Kopf. Nein, nein, die Maske zeichnen, das will ich. "Szene mit Maske". Ich suche in meiner Tasche nach dem Zeichenblock, während ich schon den Raum ausmesse. Seltsam, wie klein die Köpfe werden, denke ich. "Komm Irmgard, das muss ich mir hier nicht antun!" sagt sie nun und steht auf. Irmgard trottet hinter ihr her wie ein Hund. An der Tür wirft Irmgard mir einen warmen Blick zu, als beneide sie mich.

Clara Heinl wurde 1955 in Berlin geboren, studierte Medien- und Theaterwissenschaften und arbeitet als freie Autorin und Abgeordnete in Berlin.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare