Unter Quarantäne

Corona-Epidemie Sogar die Buchmesse fällt dem Virus zum Opfer! Lesen wir also einen Klassiker: Albert Camus’ „Die Pest“

So viel sei vorweggenommen: So wie Albert Camus die Pest erzählt, nimmt sie vordergründig ein gutes Ende. Die Stadtgrenzen werden nach langen Monaten der wütenden Seuche auf den letzten Seiten des Romans wieder geöffnet, die überlebenden Bewohner von Oran liegen sich in den Armen, weinen Freudentränen, außer Orts in Sicherheit gebrachte Angehörige können zurückkehren und ihr Leben gemeinsam fortsetzen. Die Epidemie konnte durch die verordnete strikte Abriegelung der Stadt bewältigt werden. Dabei war es nur eine einzelne tote Ratte, mit der La peste beginnt. Sie lag im Gang eines Hochhauses und der Hausmeister, der sich das Geschehen nicht erklären kann, unterhält sich darüber mit dem Arzt Bernard Rieux, der gerade auf Hausbesuchen bei Kranken und Sterbenden unterwegs ist. In den wenigen Kapiteln des Romans sterben Tausende Menschen in Oran.

Angeordnete Isolation

Die Bewältigung der Pest gelingt in Oran mithilfe einer Quarantäne, sie heißt im Französischen auch „enfermement“. Es handelt sich in diesem literarischen Stück um eine Quarantäne, die dem Fachbegriff entspricht. Was meint das? Angesichts der steigenden Sterberate werden immer dringlicher Entscheidungen notwendig, die schließlich von den Verantwortlichen auch getroffen werden: vom Bürgermeister, der sich mit Rieux und dem Jesuiten Père Paneloux berät.

Es sind aber keine bloßen Empfehlungen, etwa zu Hause zu bleiben, und sie ordnen nicht nur eine Isolation an, in bestimmten Räumen, auch wenn ein Krankenlager nach dem anderen eiligst eingerichtet wird. Es handelt sich also nicht um eine kulturelle Praxis, über die der Einzelne, Gruppen, Familien oder Vereine entscheiden könnten. Quarantäne meint vielmehr: per Anordung eingeschlossen zu sein. Eine Quarantäne wird mit genauer Datierung beschlossen und ebenso zeitgenau wieder aufgehoben. Sie hat den Charakter eines Ereignisses und sie ist Gesetz. Die Quarantäne ist ein Ausnahmezustand. Die politischen Festlegungen eines Alltags werden neu bestimmt, institutionell durchsetzt, ob medizinisch oder juristisch oder militärisch, Kontrollen installiert und bei Missachtung Strafen verhängt. Genau so wird es detailreich in La Peste erzählt.

Bei Albert Camus gehe es gar nicht wirklich um die Pest, so lernen es die Schulklassen bei ihrer Lektüre. Sondern um eine Parabel über den Faschismus. In der Zeit, in der La Peste geschrieben wurde, war diese Seuche längst vergangene Kulturgeschichte. Allerdings: Je weiter diese Pandemie mit der neuzeitlichen Medizin und im Vorstellungshorizont des 20. Jahrhunderts außer Sichtweite geriet, desto stärker konnte sie als Gleichnis wahrgenommen werden. Albert Camus selbst, der im heutigen Algerien geborene und dort aufgewachsene Franzose, der sich trotz seiner fragilen gesundheitlichen Verfassung der Résistance anschloss, legt es nahe, den Titel seines Romans nicht beim Wort zu nehmen. Zu schreiben begann er ihn in den frühen vierziger Jahren, veröffentlicht wurde er 1947, ein Kriegsroman also. Sterben mussten in genau diesen Jahren ebenso viele Zehntausende wie bei der Pest, jedoch waren dafür die politischen Verwüstungen, des Nationalsozialismus, ursächlich. In seinen Briefen nennt Camus die Nazis „die Ratten“.

Die politische Parabel erkennt der Leser des Romans daran, dass die Eingeschlossenen zu „concitoyens“ werden, zu einer republikanischen Gemeinschaft, die eine politische Agenda über die Sorge um das gesunde Leben hinaus verfolgt. Und dennoch hält Camus sich an die genaue Abfolge der Dynamik einer mittelalterlichen Pest-Katastrophe. Er bezeichnet die Geschichte, die sein Erzähler erlebt, als eine „chronique“, eine Chronik mit zeitlich nachvollziehbarem und lückenlosem Ablauf. Der Unterschied zwischen einer hygienischen Epidemie und einem politischen Totalitarismus scheint den Autor in seiner literarischen Schreibarbeit mitten im Zweiten Weltkrieg kaum zu interessieren, davon wird jedenfalls nicht erzählt.

Aber erzählt wird eben dieses: Im Verlauf des Massensterbens stehen in La Peste Begebenheiten, die erkennbar machen, dass die Lebensgewohnheiten der Einwohner suspendiert sind, dass die Normalität ihres Alltags überschritten ist. Ihren üblichen Aufgaben, Berufen und Leidenschaften können sie unter der Bedingung der Quarantäne nicht mehr nachgehen, nur der Arzt Bernhard Rieux kann das, der aus diesem Grund, als Ausnahmefigur in der Ausnahmesituation, im Mittelpunkt des Romans steht. Alle Kräfte, physische wie psychische, alle Aufmerksamkeit gilt der Abwehr der tödlichen Gefahr. In dieser Pest-Chronik erfahren wir, wie lange eine Seuche ignoriert werden kann und wann der Zeitpunkt ist, ein bestimmtes, erkennbares Phänomen bei seinem, grässlichen, Namen zu nennen. Wir erfahren, wann die Bewohner beginnen, entweder ihren Besitz zu zählen oder sich als Pflegehelfer einteilen zu lassen; wann sich die Ersten aus der Verantwortung stehlen und klammheimlich ihre Flucht gegen jeden Infektions-logischen Verstand organisieren, wann die ersten Plünderungen beginnen und zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte die ersten Geschäfte florieren, die aus der Notlage der Mitbewohner Profit durch Dienstleistungen schlagen. Wer wartet bis zum Ende der Katastrophe starr verharrend ab, um erst dann seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und in Aktion zu treten?

Lesen wir auch Boccaccio

So genau die Pest bei Camus, der keine eigene Anschauung von ihr hatte, rekonstruiert wird, so wenig scheinen die früheren Augenzeugen sich für genauere Grausamkeiten des Sterbens interessiert zu haben. Giovanni Boccaccio diente die Pest gerade mal als Rahmenhandlung. Im Mittelalter und bis zur Frühen Neuzeit war die Seuche real und so präsent, dass Boccaccio sie zum Aufhänger für seinen Dekameron machte. Die italienische Novellensammlung zeigt die Quarantäne von der anderen Seite, sie folgt einer Gruppe adeliger Jugendlicher, die sich zum Schutz vor der Seuche aus der Stadt Florenz ins freiwillige Exil flüchtet, wo sie sich gegenseitig Geschichten erzählen; auch das ist möglich.

So verschieden die Ansätze sind, Literatur im Zeichen der Seuche veranschaulicht das, was heute mit Michel Foucault das Biopolitische genannt wird. Im Fokus steht die Bevölkerung, ihre Fortplanzung, ihre Gesundheit. Man kann dabei die Notwendigkeit biopolitischer Entscheidungen ihrerseits als Vermittlung von Politik und Alltag begrüßen oder als unangemessene Eingriffe in individuelle Lebensweisen ablehnen. Die Situationen bleiben unter drohenden Gefahren, verschiedener Kategorien, real oder imaginär dieselben: Politische Entscheidungen regeln nicht allein in weiter Ferne, indirekt vermittelt über verschiedene Instanzen, das Leben des Einzelnen. Sondern sie bestimmen unter verschiedenen Bedingungen vermeintlich selbstbestimmte Lebensformen neu, definieren sie um. Gleichzeitig werden Leben und Überleben des Einzelnen mehr und mehr zum Gegenstand der Politik. Dabei verschwimmen politische und gesundheitliche Gefahren. Seien es terroristische oder hygienische Anlässe, die einen Ausnahmezustand erzwingen, im Ergebnis erteilen sie dieselben Ratschläge, Massenveranstaltungen und Körperkontakte zu meiden, Reisen gegebenenfalls nicht mehr anzutreten, sich in öffentlichen Räumen eher keimfrei zu bewegen.

Die Frage eines Alltags in ausgerufenen Ausnahmezuständen, die sich in immer kürzeren Frequenzen aneinanderreihen, sodass ihre Bezeichnung als Ausnahme zunehmend weniger angemessen scheint, wird sich dann sowohl an den Fähigkeiten des Einzelnen, verordnete Regeln zu adaptieren, entscheiden wie an einer Politik, die das Leben des Einzelnen überhaupt im Blick hat. Es scheint, als habe Albert Camus mit La peste weit über den antifaschistischen Appell hinaus bereits in den 1940er Jahren von genau solchen Existenzen erzählen wollen, deren Leben im Zeichen der Quarantäne steht, die Leben sowohl zerstören als auch retten kann. Diese Ambivalenz muss man auszuhalten lernen.

Info

Die Pest Albert Camus Aus dem Französischen von Uli Aumüller, Reinbek bei Hamburg 2015, 83. Auflage (La Peste, Paris 1947)

The Pandemic Perhaps. Dramatic Events in a Public Culture of Danger Carlo Caduff University of California Press 2015

Eva Erdmann lehrt romanistische Literaturwissenschaft an der Uni Freiburg

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