Fahimeh Farsaie
22.12.2010 | 11:30 1

Verantwortlicher für alles

Filmfestival Dubai Beim Internationalen Filmfestival von Dubai gab es neben Promis, Preisen und Filmen auch Einführungen in die Gebetskunde und nützliche Hinweise für den Umgang mit Zensur

Adam ist fertig. Mit 63 wird er als Bademeister eines Schwimmbades in einem Luxus Hotel im Tschad entlassen. Für den jungen Manager, der diese Entscheidung getroffen hat, zählen Adams Rekordmediallen nicht. Sein Nachfolger und Rivale ist sein Sohn, Abdel, dem er immer mit Neid und Groll begegnet. Als im Land der Bürgerkrieg ausbricht, gerät er in Panik. Wie er mit dem Chaos in sich und in der Außenwelt umgeht, erzählt Mahamet-Saleh Haroun, der tschadische Regisseur in seinem Film A Screaming Man mit derselben eindringlichen Intensität, die man aus seinem ersten Film Bye Bye Africa (2000) kennt. A Screaming Man, der schon in Cannes 2010 den Preis der Jury gewonnen hat, erhielt auf dem 7. Dubai International Film Festival (DIFF) den Muhr-Preis für den besten Film in der Sektion AsiaAfrica Feature.

Damit ging an Haroun auch ein Teil der insgesamt 600.000 Dollar Preisgeld, das auf die 36 Muhr-Awards verteilt wurde. Zu den Gewinnern zählte auch der Film Stray Bullet des libanesischen Regisseurs Georges Hachem. Der erzählt in diesem 75-minütigen Drama die Geschichte der modernen Libanesin Noha im  Sommer 1976, als Krieg herrschte in Beirut. Noha, hervorragend gespielt von der legendären arabischen Schauspielerin Nadine Labaki, wehrt sich gegen den Willen der Familie, die sie zwingt zu heiraten. Den Preis als beste Schauspielerin erhielt allerdings Labakis ägyptische Kollegin Bushra, die im Debütfilm 678 des Filmemachers Mohamed Diab glänzte. 678 behandelt ein Tabuthema, in dem er von wahrer Begebenheit erzählt: den geduldeten sexuellen Übergriffe von Männern gegen Frauen in der Öffentlichkeit. Die 3 Protagonistinnen des Filmes werden auf der Straße, in einem Fußballstadion und im Bus vergewaltigt, sexuell genötigt und belästigt. Ihre Beschwerden nehmen die Behörden allerdings nicht ernst – es gäbe keine rechtliche Handhabe, lautet die Erklärung. Als die Frauen anfangen, sich zu wehren und selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, ändern sich die Gesellschaft und das Gesetz. Ergreifend inszeniert Mohammad Diab den öffentlichen Raum in 678 als eine Welt, in der nur der Mann lebt und nur seine sexuellen „Bedürfnisse“ gelten. Der Film erntete viel Applaus beim Publikum.

Kritisiert wurde Zensur in vielen von 57 Ländern, aus denen während des Festivals mehr als 155 Filmen gezeigt wurden. Auf einem Panel berichteten viele Akteure der Filmwelt in den nicht westlichen Ländern von ihren eigenen Kampf- und Protestmethoden gegen Zensur. Die in Paris lebende iranische Regisseurin, Sepideh Farsi (Das Haus unter dem Wasser) empfiehlt heimliches Drehen, wie sie bei ihrem in Locarno ausgezeichneten Film Teheran, Without Permission realisiert hat. Der ägyptische Producer Sharif Mandour stellte, als er jüngst heimlich den Film Cairo Exit von Hesham Issawi ohne Genehmigung drehte, einen „Jail Guy“ an. Der hatte den Job, sich als „Verantwortlicher“ bei der lokalen Polizei vorzustellen, wenn vor Ort nach der Drehgenehmigung gefragt wurde. Das hieß für den "Jail Guy", fast jeden Tag im Gefängnis zu landen, aus dem er abends mit anwaltlicher Hilfe wieder entlassen wurde. Mandours Empfehlung: „Immer wach bleiben und mit den Behörden Katz und-Maus-Spiel spielen.“

No Screaming Woman

Um „ein besseres Verständnis zwischen den Kulturen zu fördern“, wie es offiziell hieß, war für Journalisten auf dem DIFF in diesem Jahr ein Besuch im Sheikh Mohammed Centre for Cultural Understanding und der Bastakiya Moschee angesetzt. Dass das Programm sich auf einen „Aufklärungsvortrag“ über die arabischen Gewänder für Männer (Kandora) und Frauen (Abaya) beschränken würde, konnten die Journalisten nicht ahnen, als die einstündige Busfahrt vom traumhaft schönen Viertel Madinat Jumeirah zur Altstadt in Dubai zurücklegten. In der Moschee beschränkten sich die Informationen überwiegend darauf, wie Moslems beten: Wenn man sich beugt, heißt das „Rokoe“. Beim „Sujud“ müssen Stirn, Hände, Knie und Zehen den Boden berühren.

Relativ selten kamen Rokoe und Sujud in den Filmen des diesjährigen Festivals vor, die sich als Kommentar zu gesellschaftlichen Problemen der islamischen Welt  verstehen ließen: Migration, Exil, Krieg, Naturkatastrophen, Liebe zwischen Muslimen und Christen, zwischen Türken und Kurden. Die Jurys der insgesamt elf Sektionen haben sich von problematischen Themen aber nicht zu Preis-Entscheidungen animieren lassen, sondern, wie die meisten der ausgezeichneten Filme zeigten, eigenwillige cineastischen Handschriften von Filmemachern ausgezeichnet, die überwiegend Männer waren. „A Screaming Woman“ gab es leider nicht.
 

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