Vergessen ist so unentbehrlich wie Erinnern

Dokument der Woche Traueransprache für Peter Bender

Buchstäblich bis zum letzten Atemzug hat er gedacht, formuliert, geschrieben, sich eingemischt als Historiker, als Deutscher, als Zeitgenosse, als Publizist, als sehr nachdenklicher Vordenker, der sich nirgendwann in den Mittelpunkt drängte, sondern immer seinen Gedanken den Vortritt ließ. Peter Bender, welch ein wunderbarer Mensch, klarer Denker, guter Formulierer, vorausschauender Historiker - einer, der gut Freundschaft halten konnte.

In der Sache unmissverständlich, in der Form verbindlich. Immer fröhlich nachdenklich, hat er auch gern gelacht, besonders dann, wenn es ernst wurde. Keine Zeit verlieren mit Nebensachen - gleich zur Sache kommen. Peter Bender vertrat konsistente Grundpositionen und war zugleich immer lernbereit. Er war ein Meister des Vergleichs - auch zwischen Antipoden - und hat jeder Seite, auch der gegnerischen, gerecht zu werden versucht. Wie wichtig wäre es gewesen, wenn alle der am Vereinigungsprozess Beteiligten sein 1988 geschriebenes Buch Deutsche Parallelen gelesen hätten!

Ein gelernter Historiker träumt sich eben nicht mit gutgemeinten Gedanken über die Wirklichkeit hinweg und verzichtet andererseits nicht darauf, dieser Wirklichkeit in weltverändernder Absicht zu begegnen.

Bis zuletzt saß er an der Schreibmaschine, mit Tippex, nicht mit der Entfernungstaste, mit verfügbarem Wissen, nicht der Google-Funktion

Das Wirkliche ist noch nicht das Erreichbare. Das Erwünschte muss sich mit Augenmaß der Wirklichkeit stellen, so skeptisch wie unverdrossen. Sich nie über die Realität hinweglügen, sie aber auch nicht einfach hinnehmen, wo sie Menschen beschwert - Peter Bender war und blieb immer voll von Interesse, geprägt von einem Bender´schen Dazwischen-Sein, mit dem fortwährenden Impetus, sich in die öffentliche Debatte einzumischen, ohne je irgendwelche Karriereabsichten zu verfolgen. Schreibzwang aus Mitverantwortungsgefühl!

Als er in unserem Willy-Brandt-Kreis seinen Vortrag über Erinnern und Vergessen. Deutsche Geschichte 1945 - 1989 gehalten hatte, baten wir ihn inständig, das Manuskript zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Und nun ist dieser Aufsatz als erster Beitrag im September/Oktoberheft 2008 der Zeitschrift Sinn und Form erschienen. Der Text wirkt wie ein Vermächtnis. Am Schluss heißt es: "Erinnern ist zu allen Zeiten unentbehrlich, ohne historisches Gedächtnis lebt kein Gemeinwesen. Erinnern war auch unvermeidlich, um der geschlagenen und verachteten Nation Wege aus der Katastrophe und zu sich selbst zu schaffen. Aber Erinnern ist nicht alles, es kann Unheil stiften, wenn es allein den Maßstab bildet. Es wäre viel gewonnen für die deutsche Politik und Meinungsbildung, wenn sie zur Kenntnis nähme, was Jahrtausende vor uns wussten: Vergessen ist ebenso unentbehrlich."

Peter Bender konnte zu klaren und begründeten Urteilen kommen, weil er die Geschichte kannte. Er konnte gut vergleichen, ohne gleich zu setzen. Er war geradezu ein Meister des dialektischen Denkens, das er nie als Ausflucht benutzte, sondern immer, um zu einer einleuchtenden Konklusion zu kommen. Ich erinnere hier besonders an sein Buch Weltmacht Amerika, in dem er Rom und die USA miteinander verglich.

Nie im Verdacht stehend, ein Ideologe oder parteipolitischer Denker zu sein, nie aus den Augen verlierend, mit welchen Pressionen die Deutschen in der DDR leben mussten, hat er doch immer und immer wieder neu und auch mit einer inneren Konsistenz die deutsch-deutschen Fragen aufgeworfen und sich Gedanken darüber gemacht, welche Politik dazu dienen könnte, den Menschen zu helfen, damit aus der langen Teilung nicht auch noch eine tiefgehende Trennung der Deutschen würde.

Bis zuletzt saß er an seiner Schreibmaschine, mit Tippex, nicht mit der Entfernungstaste - mit verfügbarem Wissen, nicht der Google-Funktion. Wunderbar altmodisch-effektiv! Und etwas so Jugendlich-Frisches konnte er sich bis zuletzt erhalten - mit seinen blitzenden Augen, seinem gewinnenden Lächeln. So diszipliniert wie fröhlich, so wachsam erspürend, was in der Welt und in Menschen vorgeht.

Wie glücklich der Zufall, dass Peter Bender und Egon Bahr gemeinsam die Schulbank drückten, das Grauen überlebten und dann wieder zusammenfanden, zunächst beim Rundfunk, dann bei der Entwicklung der Konturen einer Entspannungspolitik, die erkannt hatte, dass man mit Konfrontation nicht weiterkam, mit Wegrüsten auch nicht ...

Bender griff nie zu einem "Nie-wieder-Krieg-Pathos", doch er stritt beharrlich für den Frieden. Gleich nach der friedlichen Revolution in der DDR veröffentlichte er 1992 ein Buch mit dem Titel: Unsere Erbschaft. Was war die DDR - was bleibt von ihr?

Benders Botschaft: Die DDR ist also auch unsere Erbschaft im vereinigten Deutschland. Sie lässt sich nicht ausschlagen; sie ist da. Gleich zu Beginn heißt es: "Erst seit wir vereint sind, wird uns bewusst, wie tief wir getrennt waren, und wie weit wir uns auseinandergelebt haben." Bei vielem, was inzwischen gelungen ist, bleibt dieses Urteil bis heute aktuell.

Es ging ihm darum, aus Halbwissen Wissen zu machen, um die gängigen Vorurteile zu überwinden - wo Westdeutsche den Eindruck haben, dass die Ostdeutschen doch von ihrem Kommunismus verdorben seien, und Ostdeutsche den Eindruck gewinnen, dass die SED-Propaganda nicht Unrecht hatte, wenn sie behauptete, Westdeutsche seien vom Kapitalismus und seinen Prinzipien menschlich ruiniert worden.

Peter Bender hat immer die großen politischen Fragen mit den ganz persönlich-individuellen verbunden; politisches Handeln sollte eben den Menschen dienen, dem einzelnen Menschen, und es sollte friedliche Perspektiven eröffnen. In seinem damals heftig umstrittenen Buch Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR, erschienen 1968, unterscheidet er einfach das, was so oft verhängnisvoll vermischt wird. Anerkennen hat einen objektiven Sinn - wenn wir darunter das Registrieren von Tatsachen erkennen. Einen subjektiven - sofern man damit eine positive Wertung verbindet. Und drittens einen juristischen Sinn - weil sich damit der zwischenstaatliche Verkehr regeln lässt.

Politische, rechtliche und ideologische Betrachtungsweisen dürfe man nicht vermischen, man müsse sie unterscheiden, hat Peter Bender oft zu verstehen gegeben. Und in allen drei Bereichen hat er sich ausgekannt.

Er konnte einfach reden, ohne zu vereinfachen. Er fragte nie, wie er mit dem, was er dachte, Erfolg hatte oder ob er wie bei wem anecken könnte, sondern versuchte, seiner Erkenntnis Sprache zu geben.

1981 schon sah Peter Bender das Ende des ideologischen Zeitalters heraufziehen, denn er hatte etwas eigentümlich Prophetisches und tat etwas dafür, dass, was er als kommende Entwicklung voraussah, auf der Handlungsebene relevant wurde.

Die Ost-West-Frage als Frage nach Freiheit und Gerechtigkeit hat sich nicht erledigt

Lassen Sie mich noch auf eine im nächsten Jahr, zum 20. Jahrestag der Wende, zu erwartende scharfe Kontroverse kommen. Sie wird sich an der Frage entzünden, ob die Entspannungspolitik das Ende des autoritären Staatskapitalismus unter der Arbeitsüberschrift "Sozialismus" eher verzögert oder beschleunigt hat. In seinem unglaublich mutigen und weitblickenden Buch Offensive Entspannung aus dem Jahr 1964 (drei Jahre nach dem Mauerbau!) schrieb Bender am Schluss: "Der Kommunismus ist von außen unbesiegbar, aber von innen ändert er sich. Also müssen wir unsere Wünsche mit der Veränderung synchronisieren und alles tun, was möglich ist, damit sie auch im östlichen Teil Deutschlands vorankommt."

Jene Änderung haben wir erreicht. Der Wandel durch Annäherung hat erfolgreich stattgefunden. Doch unser freiheitliches System - ideell, politisch, ökonomisch - könnte die Welt in den Abgrund fahren, wenn wir nicht für Grundsätze streiten, wie etwa für die Wertbestimmung "Würde" und "Arbeit" und "Brot" - wenn wir nicht streiten für die Politik des Ausgleichs und der Anerkennung der Lebensbedürfnisse und -formen anderer Menschen, anderer Nationen und Kulturen, für eine Ökonomie, die dem Menschen dient - wenn wir denen das Feld überlassen, die diese Welt verspekulieren und auf die Verdrängung anderer hinarbeiten.

Das hinterließe nur noch Wüste. Die Ost-West-Frage als Frage nach Freiheit und Gerechtigkeit hat sich nicht erledigt.

Am Tage des Todes von Peter Bender, am 11. Oktober, hieß die Tageslosung: "Um Deines Namens willen, verwirf uns nicht!" (Jeremia 14). Was Peter Bender war, und was er bewirkt, ist nicht verworfen, ist nicht verloren, sondern uns Lebenden weiter aufgetragen. Kann uns von ihm nicht auch bleiben, was er an Fröhlichkeit ausstrahlte? Welche innere Heiterkeit ihn in schwierigsten Situationen dazu brachte, nicht zynisch oder bitter zu werden, sondern etwas wegzulachen.

Ganz ähnlich wie Willy Brandt besaß Bender einen besonderen Sinn für politische Witze. Brandt hat einmal geschrieben: "Lustig ist etwas, wenn es - ohne gleich widerwärtig oder entsetzlich zu sein - die bestehende Ordnung umwirft. Wenn man Humor kurz illustrieren müsste, dann vielleicht als Würde, die sich auf einen Reisnagel setzt. Was immer die Würde unterminiert und die Mächtigen von ihren Stühlen holt, vorzugsweise mit einem Plumps, ist lustig. Je größer der Fall ist, desto größer der Spaß."

Zwischentitel von der Redaktion

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare