Vergoren im Burgund

Kino Wovon das alte, weiße Frankreich träumt: „Der Wein und der Wind“ von Cédric Klapisch
Jan Künemund | Ausgabe 32/2017 1

Wenn man das Thema Wein ohne den dazugehörigen Rausch denkt, sind diverse Analogien möglich. „Das ist wie mit der Liebe – beides braucht Zeit“, sagt Hauptfigur Jean in Cédric Klapischs Der Wein und der Wind, denn diesen Zusammenhang lernt er in den 115 Minuten. Klapisch selbst denkt Wein und Film zusammen: „Der Dreh gleicht der Ernte, der Schnitt der Vinifizierung.“ Womit haben wir es also zu tun: mit einem Reifeerzeugnis? Einem französischen Spitzenprodukt? Oder, wie die Presseagentur meint, mit einem „filmischen Hochgenuss“?

Der Wein und der Wind hat einen Korken. Und das nicht nur dramaturgisch, weil er keinen Spaß an den eigenen Konfliktszenarien hat, sondern auch ideologisch. Er setzt so wohlfeil die Zyklen der Natur mit einem heteronormativen und nationalistischen Lebensentwurf gleich, dass man trotz pittoresker Landschaften und berauschten Drohnenaufnahmen davon („Burgund von oben“ wäre ein schöner Titel gewesen) schlagartig ernüchtert.

Doch der Reihe nach. Der Film ist ein Familiendrama. Der Weinpatriarch liegt im Sterben, die würdige Nachfolgerin, Tochter Juliette, ist leider eine (zaghafte) Frau, der jüngste Sohn Jérémie steht unter der Fuchtel des Nachbarpatriarchen, seines Schwiegervaters. Rettung wird vom verlorenen Ältesten erhofft, Jean, der in Australien am eigenen Patriarchat inklusive Weinberg baut, aber gerade Eheprobleme hat. Nachdem er zurück ist, darf der Vater sterben und die Geschwister können überlegen, wie sie die horrende Erbschaftssteuer begleichen. An Amis verkaufen? Parzellen dem Schwiegervaterpatriarchen abtreten? Oder zusammen anpacken?

Genau: Man rauft sich zusammen, knüpft gelöste Fäden wieder, schließt unterbrochene Zyklen (die Wanderjahre des Ältesten), folgt dem Lauf der Natur. Klapisch: „Ich versuche die Beziehung zwischen dem Wein und den Menschen zu finden, unter Berücksichtigung des Zyklus der Natur. Zuerst ist man Kind, dann ein Erwachsener, dann ein Elternteil ... Stationen, die wir alle durchlaufen.“

Zu-Tisch!-Diktatur

Die Anglistin Elizabeth Freeman nennt sowas „Chrononormativität“, eine ideologische, normierte Vorstellung von Lebenszeit unter dem Aspekt wirtschaftlicher Produktivität im Dienste der Nation. Heterosexuelles Begehren fällt mit kapitalistischem Gewinnstreben zusammen, Lebensentwürfe sind um Geburt, Heirat und Tod herumgruppiert. Andere Ereignisse wie Freundschaften, Initiationen oder die Beziehung zu Toten werden demgegenüber als unproduktiv vernachlässigt. Das kann durchaus Stoff für interessante Erzählungen sein, wie die thematisch vergleichbare HBO-Serie Six Feet Under gezeigt hat. Doch Der Wein und der Wind führt dafür allenfalls das Stilmittel des Zeitraffers im Angebot.

Das Begehren ist der unspektakulärste Punkt in der Logik des Films. Die Jungs haben schon Söhne gezeugt, die Schwester bandelt ausgerechnet mit dem sexy Saisonarbeiter an, der ihr als Weinbäuerin den größten Mangel an Respekt zeigt. Beim Ehestreit wird das Kind in die Mitte gelegt, damit man sich wieder auf das Wesentliche konzentriert. Der Konflikt mit dem Vater war eigentlich keiner, wie der Film in der Off-Nacherzählung klarstellt.

Nationalstolz auf Welkulturerbe-Parzellen

Die Sinnlichkeit fließt allein in die Weinproduktion, das Bild vom Keltern mit den bloßen Füßen darf nicht fehlen. Ausgestellte Sexyness der Körper führt zum beherzten und muskulösen Griff in die fruchtbare Erde. Produziert wird nicht nur zum Begleichen der Erbschaftssteuer, sondern auch für den Stolz Burgunds: Bioweine mit Charakter und Tradition, nicht wie in Australien, wo alles schnell gehen und frisch sein muss. Und das globale Schreckgespenst, die „Amis“ in ihrem Chablis- und Pinot-Wahn, bannt man im kollektiven Esprit.

Auf Weltkulturerbe-Parzellen entfaltet sich der Nationalstolz, der auch Teil der Persönlichkeit bleibt, wenn man wie Jean die Welt gesehen hat. Die Saisonarbeiter sind kein globales Proletariat, sondern sehen aus wie eine Truppe von Erasmus-Studenten, mit denen sich Klapisch gut auskennt (Barcelona für ein Jahr, 2002). Wenig geschmackssicher ahmt einer von ihnen, als er auf sein Sklavenverhältnis zur Chefin hinweisen will, einen afrofranzösischen Akzent nach. Das soll dem Film wohl Säure geben, wird aber in der amourösen Lösung des Konflikts auch wieder rundgemacht.

Sympathisch sind sie, die jungen Weinbauern. Eigentlich hat der Film an ihrer noch nicht funktionalen Jugendlichkeit seinen größten Spaß. Da wird verkosteter Wein noch runtergeschluckt und nicht ausgespuckt, der Rausch ausgehalten, nicht nur produziert. Doch die Emanzipationsprozesse, mit denen Klapisch seine Erzählung vom alten, weißen Frankreich aktualisieren möchte, berauschen kaum. Juliette wird mithilfe ihrer Brüder bald mutige Entscheidungen treffen und propere Chefin sein, da können die Burgunder Patriarchen sich warm anziehen. Deren Frauen aber, die Müttergeneration, schreibt der Film entweder aus der Geschichte raus oder inszeniert sie als unnütze Nervensägen, die mit ihrer Zu-Tisch!-Diktatur die Sonntagsruhe der Jungen stören.

Man kann sich in Der Wein und der Wind sehr fremd fühlen. Und dann legt sich die so selbstverständlich daherkommende Et-Voilà-Dramaturgie wie falscher Mehltau auf die Wahrnehmung derer, die am bourgeoisen Lebensentwurf nicht partizipieren können oder wollen.

Info

Der Wein und der Wind Cédric Klapisch Frankreich 2017, 113 Minuten

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