Veritas ante portas

Leak Asterix lebt. Und Cäsar droht den Nimbus der Unbesiegbarkeit durch einen Whistleblower aus dem eigenen Apparat zu verlieren

Was ist das Geheimnis von Asterix? Dieser Geschichts-Fantasie, die mit ihrer universal verständlichen Französischkeit, der feinsinnigen Mischung aus knollennasiger Provinzialität, den Resten humanistischer Bildung und dem Hauch von politischer Satire an beinahe jede Weltanschauung und beinahe jedes Wissensniveau, an beinahe jedes Alter und beinahe jeden sozialen Status anzuknüpfen vermag? Dieses Sonderfalls der Pop-Mythologie, vollkommen Mainstream-kompatibel, ohne Intelligenz und ästhetisches Empfinden zu beleidigen? Dieses Triumphs der école Marcinelle über die ligne claire – des freieren und leichteren Strichs also über die Hergé-Ästhetik der strengen, durchgezogenen Linie?

Es ist zuerst einmal, wie bei allen großen Comic-Erfolgen, natürlich die in jedem Panel spürbare Liebe der Schöpfer, des Autors René Goscinny und des Zeichners Albert Uderzo, zu ihren Figuren und ihrer Welt. Einmal haben sich die beiden selbst verewigt, wie sie in einem Café sitzen, über Asterix-Ideen gebeugt, und sich, sehr zur Verwunderung von Paaren und Passanten, vor Lachen ausschütten: große (und ziemlich breite) Jungs, mit poetischer Albernheit gesegnet. Das Imperium mit seiner Bürokratie, seiner Vernunft, seiner Korruption und seiner Dekadenz beißt sich immer und immer wieder die Zähne an einer verschworenen Provinzgemeinschaft aus. Oder, anders gesagt: Das, was nach Perfektion und Macht strebt, unterliegt dem, was mit Schwächen und Selbstbegrenzung zu leben gelernt hat. Na gut, ein bisschen Zaubertrank muss dazu schon vorhanden sein. Die Welt von Asterix ist, mit ihrem Sammelsurium skurriler Nebenfiguren, wiederkehrender Situationen und running gags,aber auch vollkommen bewohnbar, eine „Heimat“, eine von denen, die man nie verlieren kann, weil sie ja ohnehin künstlich sind. Zugleich aber steckt die Serie voller komischer Jetzigkeiten, voll von Typen, die man kennt. Mit Asterix taucht man nur ganz knapp unter die Oberfläche des Alltagslebens weg.

Cäsars Bestseller

Das wahre Geheimnis von Asterix aber steckt in der Moderation. Weder der Slapstick noch die politische Satire, weder die direkte Karikatur historischer oder auch aktueller Personen, weder die Grotesken noch gar die Frivolitäten, weder die Hypertexte noch die Insiderwitze werden übertrieben. Viele Gags haben einen doppelten Boden, aber niemals wird die Serie oversophisticated, es werden eine Fülle von Pointen am Rande und mehr oder weniger postmoderne Selbstreferenz geboten, aber ganz sicher ist und bleibt die Leserschaft der Zwölfjährigen niemals ausgeschlossen oder überfordert.

Es gibt so etwas wie eine Goscinny-Art, die Welt zu sehen, und wer mit ihr groß werden konnte, durfte sich so glücklich schätzen wie eine Generation vorher, als die magische Biografie mit einer Stadt namens Entenhausen begann. Die letzten Alben der Asterix-Reihe brachten, seien wir höflich, nicht mehr wirklich Neues ins Spiel, eine Erzählmaschine zeigte Ermüdungserscheinungen. Als sähen wir dem Alter und dem Tod bei der Arbeit zu.

Nun also ist keiner der beiden mehr am Werk. Jean-Yves Ferri, den Autor, und Didier Conrad, den Zeichner, stellen wir uns nicht mehr vor, wie sie im Café ihre Skizzenblätter durcheinanderwirbeln. Wir stellen uns vielmehr Menschen vor, die hart daran arbeiten, ein Erbe zu verwalten. Den genau richtigen Ton zu treffen, in dem man eben einen Whistleblower und Kolporteur nicht „Wikilix“ nennt, wie es in einer frühen Arbeitsphase einmal angedacht war. Denn eben so etwas würde den Code der gut gelaunten Moderation eines der größten Konsensnarrative dieser Welt sprengen.

In der neuen Geschichte, so viel darf sicher verraten werden, ohne das Lesevergnügen zu schmälern, geht es um Cäsars großen Bestseller De Bello Gallico, der freilich ein heikles, weder dem Ansehen des Römischen Reiches noch der Leselust seiner Bewohner förderliches Kapitel mit dem Titel „RVECKSCHLAEGE IM KAMPF GEGEN DIE VNBEVGSAMEN GALLIER IN AREMORICA“ enthält. Auf Anraten seines Verlegers und Beraters Syndicus (im Original Bonus Promoplus) streicht der große Cäsar dieses Kapitel aus seinen Erinnerungen. Aber in einem der Schreiber, die das Werk vervielfältigen, wächst der unwiderstehliche Drang, die unterschlagene Wahrheit ans Licht und an die Öffentlichkeit zu bringen. Er flüchtet mit dem verräterischen Papyrus. Das Imperium droht den Nimbus seiner Unbesiegbarkeit zu verlieren. So kommen unsere Freunde aus dem kleinen gallischen Dorf ins Spiel, die derzeit ganz andere Sorgen plagen, nämlich die Horoskope in der Gallischen Revue, die unter anderem Obelix ermahnen, Konflikte zu vermeiden und weniger Wildschweine zu verdrücken. Von dem Horoskop, das Methusalix „neue Eroberungen“ verspricht, und dem, das Gutemine die Eignung zum Chef attestiert, ganz zu schweigen. Damit ist der Raum für Abenteuer wie für Pointen rund um den Papyrus des Cäsar geschaffen; die Asterix-Erzählmaschine läuft so rund und vergnüglich wie schon lange nicht mehr.

Wii und Tweet

Und wieder liegt das Erfolgsgeheimnis natürlich in der Moderation. Es ist nicht etwa so, dass ein Gallier- und Römer-Funny dazu benutzt würde, die Geschehnisse um Julian Assange, Zensur und Geheimhaltung, die Funktion des Whistleblowers (das whistle blowing wird hier übrigens sehr wörtlich genommen) und die Allgegenwärtigkeit von Überwachung kritisch zu parodieren. Vielmehr werden diese Erscheinungen wie andere Dinge (Literaturbetrieb, Kommunikationswahn – Wii und Tweet bekommen hier ganz eigene Interpretationen, so wie die Frage, wer wem ins Netz geht –, Horoskopgläubigkeit, Gedächtnisschwächen alter Druiden und, wie immer, die kleinen alltäglichen Macht- und Geltungskämpfe) in den uns so vertrauten Kosmos mit aufgenommen. Die Asterix-Welt wächst wieder näher an die unsere heran – sehen wir einmal davon ab, dass „Assange im Comic-Strip“ ein PR-Coup erster Güte ist. Sie beweist damit ihre Lebendigkeit, der zweite Job der Autoren war es indes, auch ihre Konsistenz zu garantieren. Sie haben diese beiden Aufgaben mit Bravour gelöst. Asterix ist ganz der Alte und zugleich Kind seiner Zeit. Mit einem Wort: Asterix lebt.

Diesmal also steckt vom Zeitbezug vielleicht eine Spur mehr als gewohnt in der Serie, und das tut ihr gut, so löst sie sich aus dem Routinezwang und der Nostalgie. Dennoch ist Asterix deswegen nicht gleich zu einem „politischen“ Comic-Strip geworden. Einmal mehr bekommen alle Seiten ihr Fett ab, einmal mehr kann man Asterix von einer moderaten linken ebenso wie von einer moderaten rechten Seite her lesen, einmal mehr wird die provinzielle Rückständigkeit zugleich persifliert und gefeiert, und einmal mehr bleibt alles immer weit vor dem Punkt stehen, an dem es wirklich weh tut. Es ist eben eine Welt der gutmütigen, sarkastischen Skepsis, in der wir uns da bewegen, ein Liberalismus, der wie der kleine Gallier immer kühlen Kopf behalten will, den Schwächen seiner Mitmenschen aber mit sanfter Nachsicht begegnet. Wie Asterix seinem Freund Obelix die durch das Horoskop ausgelöste Depression austreibt, das ist schon ein kleines Meisterwerk der rhetorischen Findigkeit.

Die Geschichte ist großartig in die Haupt- und Nebenstränge gegliedert, man erkennt die Arbeit, in der Konstruktion keine Leerstelle zu lassen. Die Zeichnungen von Didier Conrad sind mustergültig an den Stil Uderzos angepasst; bewundernswert allerdings Conrads Vergnügen an architektonischen Einzelheiten, Mustern und Mosaiken und an flüssig komponierten Panoramen. Nur wenig erinnert an den Zeichner der Serie Les Innommables, die immer wieder die Nachsicht des Verlegers Dupuis auf die Probe stellte, was Sex, Gewalt und Zynismus in einem „schmutzigen“ Kriegscomic anbelangt (vielleicht die Szene, in welcher der Schmied den armen Sänger regelrecht in den Boden hämmert). Alle liebgewordenen Elemente tauchen auf: Eigenwillig getarnte Legionäre, die wiederkehrende Frage von Obelix: „Wer ist hier dick?“, sogar die Piraten haben ihren Mini-Auftritt. Und natürlich werden Römer verhauen. Sogar noch etwas: Die Szene von Uderzo und Goscinny, die im Café ihren Spaß mit dem Gag-Erfinden haben, wird auf eine super-postmoderne Weise aufgegriffen.

Alles in allem also ein großes Lesevergnügen. Sogar die Kolorierung von Thierry Mébarki, die sich hier und da ein paar Heftigkeiten leistet, dient am Ende dem Unternehmen. Fehlt etwas in einer Arbeit, in der sogar Bartschatten und die Erinnerung an die Berater von Sarkozy ihre Konnotationseffekte ergeben? Vielleicht ein Spur von dem Cafétisch-Gekicher, ein Kick von Anarchie, eine Prise Frechheit gegenüber dem großen Erbe.

Info

Asterix 36: Der Papyrus des Cäsar Didier Conrad (Zeichner), Jean-Yves Ferri (Autor) Egmont Comic Collection 2015, 48 S., 12 €

06:00 02.12.2015
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