Verleugneter Teil

Nachruf Zum Tod des Soziologen und Publizisten Thomas Neumann

Er hätte als Professor der Soziologie Generationen von Studenten geprägt und in seinem Themenfeld mit Sicherheit zahlreiche interessante Bücher herausgebracht, denn er schrieb glänzend und profilierte sich früh. Hätte nicht der Staat eingegriffen. Die Universität Münster, wo er 1967 bei Helmut Schelsky mit dem Thema Der Künstler in der bürgerlichen Gesellschaft promoviert wurde, holte ihn an das Institut für Soziologie. Bis das Wissenschaftsministerium unter Johannes Rau diese Berufung durchstrich. Thomas Neumann war der DKP beigetreten und gehörte in jener Zeit zu den Kreisen der BRD, die sich vorstellten, dass auch hier wie in anderen westeuropäischen Ländern eine kommunistische Partei Normalität sein könnte. Er wurde einer der prominenten Berufsverbotsfälle, für ihn setzten sich Monate lang Studenten und Kollegen in wahren Kampagnen ein. Vergeblich, so dass er von nun an statt an Universitäten zu forschen ein Zeitschriftenmacher und Publizist wurde. Von 1981 bis 1983 war er auch stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Volkszeitung (DVZ), einer der Vorgängerblätter des Freitag.
Mit 65 Jahren ist Thomas Neumann nun in Hamburg sehr plötzlich bei einem operativen Eingriff gestorben. Thomas Neumann personifizierte einen bestimmten Teil der politischen Kultur der BRD, einen gern verleugneten, vielen unbekannten, aber die Bundesrepublik kennzeichnenden Ausschnitt ihrer Wirklichkeit. Eine bestimmte Art von Unbestechlichkeit und rücksichtsloser Genauigkeit, wie sie Thomas Neumann auszeichnete, musste zu Konflikten vielerlei Art führen, sie kollidierte mit der Selbsttäuschung, in der sich die Bundesrepublik eingerichtet hatte. Aber diese Qualitäten brachten ihm viel Freundschaft ein und weckten Interesse am Gespräch mit ihm.
Als klar war, dass ihm die Universitäten verschlossen blieben, übernahm Thomas Neumann im Rahmen der DKP den Arbeitsbereich Wissenschaft und Hochschulen. Doch allmählich wurde es ihm im Apparat der Partei eng, und er ließ sich von Helmut Bausch, dem langjährigen Chefredakteur der DVZ, in die Düsseldorfer Redaktion holen. Er wurde ab 1981 der faktische Chef des Blattes, dessen Leserschaft an linker Kultur- und Gesellschaftskritik, am Thema Kommunismus, auch ohne sich selbst zu den Kommunisten zu zählen, interessiert war. Die Krisen der kommunistischen Bewegung spiegelten sich nicht ohne Dramatik auch in der DVZ-Redaktion. Ende 1983 verließ Thomas Neumann sie, um mit Freunden eine eigene Monatszeitschrift, die Debatte, herauszubringen.
Vier Jahre lang erschien die Debatte, und in der Liste ihrer Autorinnen und Autoren stehen bekannte Namen, auch solche, die im Freitag wieder zu finden sind. Günter Gaus schrieb, Agnes Hüfner, Helmut Ridder, Georg Fülberth, Dichter und Schriftsteller wie Gerd Fuchs, Gisela Elsner, Bernt Engelmann, Peter Maiwald und viele andere, die sich alle auf das Konzept einließen, die Veränderungen der Gesellschaft ohne Vor-Urteile zu betrachten. Die erste Nummer eröffnete Thomas Neumann mit einem Text, der sofort als heftige Provokation aufgenommen wurde: Ein ruhiges Land. Damit war die Bundesrepublik gemeint. Er forderte auf, endlich ihre "staunenswerte Unerschütterlichkeit", "die Stabilität und Beweglichkeit Problemen gegenüber, die in Gesellschaften mit homogener Geschichte nationale Notstände ausgelöst haben" wahrzunehmen. Natürlich war das nicht alles, das Thomas Neumann zu sehen aufforderte, obwohl jene, die sich über ihn aufregen wollten, nicht weiterlasen und den Text als Affront gegen gewerkschaftlich und sozial Engagierte nahmen. Aber es ging - 1984 fast prophetisch - um etwas anderes: um den neuen deutschen Nationalismus, der in den geschützten hinteren Rängen der Weltpolitik unbemerkt Wurzeln schlagen und aufleben konnte.
Seit 1992 redigierte Thomas Neumann den Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Im Juni diesen Jahres hätte er mit dem Stab des Instituts, an dessen wachsendem Renommee er seinen großen Anteil hat, das Zehnjahresjubiläum der Zeitschrift gefeiert. Er hat Bücher über Fotografie, heutige bäuerliche Existenzweisen, deutsche Eliten im 20. Jahrhundert geschrieben und 1991 für Rowohlt eine Herrschaftsgeschichte der SED. Vieles ruht auch - offen zwar, aber verstreut - in den Jahrgängen des Mittelweg 36. Die Quintessenz dessen, was er als Soziologe zu sagen hatte, den die gegenwärtigen, noch kaum wahrgenommenen Veränderungen der Gesellschaft beschäftigten, werden hoffentlich seine Kollegen nochmals in Augenschein nehmen und bekannt machen.

00:00 28.03.2002

Ausgabe 08/2020

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