Vertreibung ins Paradies

THEATERSCHLAF Holger Friedrich inszeniert "Schlafsaal", eine Hauptstadt-Oase für Erschöpfte

Dass in Theatern gelegentlich geschlafen wird, gilt als bekannt. Jedenfalls soweit es das strapazierte Publikum betrifft. Dass auf der Bühne Schlafrituale das Programm des Abends durchaus unterhaltsam machen, hat zum Beispiel Christoph Marthaler gezeigt. Der wird demnächst Intendant in Zürich und sich als Schläfer zügeln müssen. In der Machtetage des Theaters ist der Starke zwar allein, aber ein Nickerchen kann Folgen im Kulturkampf der Politiker gegen die moralische Anstalt haben. Vielleicht findet Marthaler zurück zu seinen anarchistischen Anfängen als schweizerischer Bahnhofs- und Apothekenmusiker, und der Schlaf wird vorläufig wieder von der Kunst befreit. Oder umgekehrt: Wo die Kunst sich den Schlaf einverleibt hat, schlägt der Schlaf zurück und macht Kunst.

Die Macht ist einsam, Holger Friedrich ist es auch. Der sich immer wieder unkenntlich machende Theatererfinder, der zuletzt in Berlin mit einer kugelförmigen Hommage an den vergessenen Spaßtechnologen und Architekturkomponisten Richard Buckminster Fuller erschien und sich hin und wieder seine Zeit mit genialischen Zirkelspielen in den Sophiensälen oder in Clärchens Ballhaus vertrieben hat. Der Mann, der "easy looking" erfunden hat - er lässt in Zukunft schlafen. Wer die Schnauze voll hat von Theater und von Theorie, von den Inszenierungen der Politik, wer die 3,2 Milliarden Basenpaare der DNS nicht lesen will, wem das Messer-im-Arsch-Theater der neuen deutschen Bühnenwelle am selben vorbeigeht, wer die neokannibalistischen Kremserfahrten der Volksbühne, wer New-Age-Agitprop im poststrukturalistischen Kunstcontainer, Schlingensiefs Theater-ist-besser-als-Fernsehn-Theater, wer Peymanns potente Auslastungsprozentezählkunst nicht sehen will, wem Shoppen, Ficken, Fußball, und selbst Tanztheater, wem die verfassungsfeindlichen Echtzeitseifenopern, wem Harald und Verona und all die anderen nichts bringen, wer von Deutschlands Kampfhundehaltern eine Stunde ausruhen will, der legt sich hin und schläft. Ein Vorschlag, dem man ab sofort in den Sophiensälen und anschließend bis Ende August im Elisabethsaal, beide in Berlin-Mitte, nachgehen kann.

Es herrscht Friede dort und Seelenruhe. Und alles wird ganz einfach sein: Sie bringen acht Mark und kein Handtuch mit (das bekommen Sie dort), Sie werden jede volle Stunde von 12 bis 16 Uhr eingelassen. Sie werden bedient und, das Wichtigste, Sie werden in Ruhe gelassen. Dafür werden fünf unauffällige Schauspieler sorgen, die für Honorar mit Ihnen schlafen werden. Wobei jegliche Form von Körperkontakt unter Garantie vermieden wird. Das Personal werden Sie an eigens hergestellten himmelblauen Kostümen mit aufgesticktem Welt-Logo erkennen. Schließlich handelt es sich hier um Berlins ersten internationalen Schlafsaal mit Schauspiel. Dazu aber später.

Vorerst werden Sie an der Rezeption vom Portier ohne verkaufsförderndes Lächeln empfangen. Er sieht auf der elektrisch beleuchteten Schautafel nach, ob ein Bett frei ist. Die zur Verfügung stehende Schlafstatt wird Ihnen durch ein blinkendes Lämpchen bezeichnet, die gleichfarbige Bettkarte weist Ihnen, mit Hilfe der Saalschwester den Weg, der über eigens vom Messegelände am Funkturm angeschaffte Teppichläufer führt. Wenn Sie vor Ihrem Bett stehen, sehen Sie, dass bereits frische Bezüge besorgt sind, dass Ihnen der Schlafmeister - Maître Morphée, dessen Geschlecht aus Gründen der Neutralität selbstverständlich zwittrig angelegt ist - die Schüssel am Bett mit frischem Wasser füllt und mit leiser Stimme freundlich "Gute Ruhe" wünschen wird. Sie dürfen unbehelligt ausatmen, Luft wird genügend sein. Etwa 2000 Kubikmeter in beiden Sälen. Der Raum ist hoch, der Raum ist hell und grade licht genug, dass Sie den Fuß vor Augen sehen oder das Bett Ihres Nachbarn. Für Paare finden sich unter den 30 Betten jeweils vier, die dichter beieinander stehen. Sollten sich Schnarchgeräusche bemerkbar machen, wird der Maître den oder auch die Schnarchende behutsam auf die Seite betten beziehungsweise den Kopf zurechtrücken. Gleiches gilt, falls sich jemand im Tiefschlaf allzusehr entblößt; dann wird er wieder zugedeckt. Nacktschlafen ist auch bei hochsommerlicher Hitze nicht erwünscht, für Transparenz und Kühle wird gesorgt. Schlafen Sie also und überlassen Sie sich Ihren Gedanken, die alsbald zu Träumen werden.

Der Vorgang wird Ihnen durch die subtil angelegte Geräuschdramaturgie erleichtert. Diskrete elektroakustische Unterstützung liefert "Music for Big Bedrooms", eine eigens für die Dienstleistung gebrannte CD, auf der sich zwischen entfernter nachmittäglicher Großstadtgeräuschkulisse und vergnüglichem Kaffeetassengeklapper nur Stille befindet. Die wird natürlich käuflich zu erwerben sein und läuft 45 Minuten lang. Während der auf 10 Minuten veranschlagten Aufwachphase wird Ihnen der Maître rücksichtsvoll zur Seite stehen. Er zieht die Vorhänge auf und redet Ihnen, falls Sie Gesprächskontakt wünschen, aufmunternd zu. Sie merken es, dem Schlafsaal wird ein neues Image zuteil, fern vom Miefigen und Piefigen; hier geht es nicht zu kultig zu und nicht zu keusch. Sie sind ausgeruht und können sich erfrischt weiteren Großstadtabenteuern oder auch dem üblichen Alltagstrott widmen.

Soviel zur Dienstleistung am Schlaf, jetzt zum Schauspiel. Auf Ihrer Schlafkarte, die Sie eingangs erhalten, werden Sie den kleingedruckten Titel "eine Sentimentalität" entziffern können. Keine Bange, hier wird seriös geblieben. Zivilisationskritisches ist nicht zu erwarten. Die Aufführung, die mit Einbruch der Dunkelheit gegen 21 Uhr beginnt, hat eine simulierte Geschichte, die anhand der Schlafsaalerlebnisse der erwähnten fünf Schauspieler (drei Nationalitäten, zwei Damen, drei Herren) für jede Vorstellung variiert werden kann. Im Rahmen der klassischen Spielfilmlänge von 90 Minuten wird Ihnen Berlin-Mitte im Jahr 2007 vorgespielt, wenn Schlafsäle dort längst Normalität geworden sind. Der dann jedem geläufige Fachbegriff wird "Dormitorium" lauten. In einem solchen haben sich vor sieben Jahren ein Mann und eine Frau getroffen, beim Einschlafen angeblickt, beim Aufwachen zugenickt und sind - vielleicht der Fehler ihres Lebens - auseinandergegangen. Nun treffen sie sich wieder, unverhofft. Die zurückliegende Zeit hat nichts Gutes gebracht, und in den folgenden anderthalb Stunden, die Sie, die Zuschauer, als Theateraufführung erleben, legen sich die beiden und drei weitere Kunden noch einmal zum Schlaf und erinnern sich. Ihre Erlebnisse werden in Sprüngen, wie sie dem Verlauf der Träume ähnlich sind, gespielt.

Nicht zuviel soll hier verraten sein, nur der Hinweis auf das in den kommenden Aufführungen gespiegelte Bewusstsein der Schlafenden. Es wird unterhaltsam, aber nicht aufregend, lehrreich, aber nicht langweilig werden. Statt weiterer Vorabinformationen nachstehend ein Auszug aus dem 85-Stunden-Gespräch, das Friedrich nach Art der Schachweltmeister simultan und teils im Schlaf mit seinen Fragestellern führte. n

Herr Friedrich, warum Schlafsaal in Berlin?

HOLGER FRIEDRICH: Das entspricht meinem Bedürfnis nach dem paradiesischen Zustand. Dem scheint mir am nächsten doch der Schlaf zu sein, die Träume, wenns nicht gerade Albträume sind. Sowas gabs ja früher auch: Schlafsäle. In Berlin, in den zwanziger Jahren, hat es Kneipen gegeben, in denen zur Polizeistunde die Tische weggeräumt wurden, dann haben die Kellner Seile durchs Lokal gespannt. Da konnten die Betrunkenen auf ihren Stühlen sitzen bleiben und sich über die Seile hängen lassen, bis sie wieder nüchtern waren. Oder der Frauenruheraum, eine Institution in der DDR, ein Refugium der Gleichberechtigung. Daran kann auch erinnert werden. Oder Goethes Mittagsschlaf. Napoleon hat vor jeder Schlacht ein Viertelstündchen geschlummert, der konnte das auf Kommando. Die zentrale Idee bei uns ist: Warum eigentlich alleine schlafen, warum nur noch nachts? Gehen Sie durch Italien in der Mittagszeit, da finden Sie auf öffentlichen Plätzen überall Schlafende, oder in Spanien zur Siesta, die legen sich überall hin und schlafen ihre Stunde. Warum soll das nicht in Berlin so sein, noch dazu, wo hier viel mehr Platz ist, mehr öffentlicher Raum existiert, in den Trümmerlücken vom Krieg. Außerdem ist Berlin gar nicht so wild, wie es die Lokalpatrioten gern hätten. Da ist noch jede Menge provinzieller Coolness drin, was mir sehr entgegen kommt, denn ich bin in Eisenhüttenstadt geboren, da hieß das noch Stalinstadt.

Naja, Schlaf ist sowieso im Kommen. Seit diesem Jahr ist der 21. Juni EU-Schlaftag, da gibt es eine Schlafkonferenz. Und in Berlin gibt es eine Schlafkampagne, die haben wir im Internet gefunden, da testen Schläfer irgendwelche neuen Schlafmöbel und gleichzeitig wird von Biophysikern Schlafforschung betrieben. Heut früh hab ich im Radio gehört, dass wir uns im Jahrhundert der Biologie befinden, da kommen wir gerade recht. Ein Freund hat mir von einem Chronobiologen erzählt, der hat sich umgebracht, weil er seinen Biorhythmus durch Forschung am eigenen Leib zerstört hat. Er hat zuerst die Tiefschlafphasen untersucht, REM, Traumdauer und so weiter. Dann hat er sich der Einschlafphase gewidmet, also der, die auch im Schlafsaal die entscheidende sein wird. Und hat sich erst durch seine Assistenten, dann durch eine konstruierte Maschine, vorm Einschlafen wecken lassen. Davon ist er süchtig geworden, weil bekanntlich die Phase unmittelbar vorm Einschlafen, dieses langsame Wegsacken ins Seichte, die schönste und noch halbbewusst aufgenommene Phase ist. Dann ist er durch das unentwegte Wecken gar nicht mehr zum Schlafen gekommen, und dieses Tor zur Wirklichkeit, vor dem man dann immer steht, hat er natürlich nie betreten können. Daran ist er dann gestorben. Schlaf ist die Rückseite des Lebens und genauso wichtig wie Wachsein. Zuviel davon ist auch nicht gesund. Naja, wir arbeiten dran. Wir wissen nicht, was daraus entsteht. Wir wollen gegen dieses Trainingsjackentheater mit Hektolitern Kunstblut einfach seichter bleiben. Seicht sein stößt häufig auf Vorurteile. Wir wissen aber, dass seicht erst richtig cool ist. Ist auch ehrlicher. Und auf die Dauer wütender, hat mehr Kraft. Öfter mal seufzen, mehr Melodram. Auch die Schwermut nicht vergessen. Die Facetten offen halten. Mickrigkeit mit leichtem Hang zur Pracht, das ist unser Motto, wenn Sie so wollen. Öfter pausieren, öfter hängen lassen und ab und zu ein bisschen furios. Ist gar nicht ironisch gemeint, easy looking.

Mittagsruhe in Berlin - Der Schlafsaal. Eine Dienstleistungsinstallation von Holger Friedrich, 4.-23. Juli, Di-Fr 12-17 Uhr, Mittagsruhe in Berlin - Der Theaterabend: 13.-16., 20.-23. Juli, 21 Uhr im Festsaal der Sophiensæle, Kartentelefon 030-2835266

00:00 07.07.2000

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