Verzweifelte Drohgebärden

Tausch oder Piraterie Die US-Musikindustrie verklagt die Internet-Tauschbörsen-Nutzer - plakativ, aber mit wenig Erfolg. Alternativvorschläge zur Urheberrechtssicherung finden bislang wenig Gehör

Hallo Musikfan." Mit dieser jovialen Begrüßung wendet sich die deutsche Phonowirtschaft in diesen Tagen direkt an jene, die sie für ihre Umsatzrückgänge verantwortlich macht: Nutzer von Tauschbörsen wie Kazaa oder Grokster, die über diese Systeme Musik im mp3-Format austauschen. In über die Tauschnetze versandten Chat-Nachrichten weist die deutsche Sektion des Musikwirtschaftsverbands IFPI die Nutzer darauf hin, dass ihr Handeln einen Gesetzesverstoß darstellt.

Mit ähnlichen Nachrichten hat sich auch die US-Musikwirtschaft bereits im vergangenen Frühsommer an zahllose Netznutzer gewandt. Die Mahnungen waren allerdings nur ein erster Auftakt einer groß angelegten Kampagne gegen die Verbreitung von Musik über Tauschbörsen. Für weit mehr Aufmerksamkeit sorgte Phase zwei: Anfang September verklagte die Recording Industry Association of America (RIAA) 261 Tauschbörsen-Nutzer.

Mittlerweile hat der Verband insgesamt 382 Personen verklagt. 220 Nutzer haben sich auf außergerichtliche Einigungen eingelassen. Die meisten davon hatte die Industrie vor die Alternative gestellt, entweder direkt 3.500 Dollar Strafe zu zahlen oder sich auf ein potenziell weit kostspieligeres Gerichtsverfahren einzulassen. Rund tausend Nutzer nahmen zudem von einem Amnestie-Angebot Gebrauch und sagten sich von ihrem Online-Hobby los, um im Gegenzug Straffreiheit garantiert zu bekommen.

Doch diese Bilanz hat ihren Preis. Das Image der Musikindustrie ist derzeit auf einem Allzeit-Tiefpunkt angelangt. Dazu trägt auch bei, dass die Plattenfirmen bei der Auswahl ihrer Opfer nicht eben zimperlich sind. Wer in Tausch-Netzen rund 1.000 Musikdateien zum Herunterladen anbietet, landet mit ein bisschen Pech im Visier der Musik-Detektive - egal, ob er die Schadensersatzforderungen in potenzieller Millionenhöhe bezahlen kann oder nicht. Zu den ersten Zielen gehörten prompt die zwölfjährige Tochter einer Sozialhilfeempfängerin, ein Rentner und eine körperbehinderte Frau ohne gesichertes Einkommen. Die Botschaft: Es kann jeden treffen.

Eingefleischte Tauschbörsennutzer scheint diese Drohung jedoch nicht weiter zu beunruhigen. Zu Beginn der Klagekampagne brach die Zahl der Tauschbörsen-Nutzer deutlich ein. Mittlerweile haben die meisten begriffen, dass ihnen mit nur 100 oder 200 freigegebenen Dateien kaum etwas passieren kann. Anfang Dezember griffen bereits wieder sieben bis acht Millionen Nutzer gleichzeitig rund um die Uhr auf Tausch-Angebote wie Kazaa, Edonkey oder Blubster zu.

Zudem wächst der Widerstand gegen die Klagen. Tauschbörsen-Anbieter haben sich zu dem Interessenverband P2P (steht für: peer to peer) United zusammengeschlossen, um mit klassischer Lobby-Arbeit gegen die Kampagne der Musikindustrie vorzugehen. Die American Civil Liberties Union (ACLU) hat sich bereit erklärt, einen P2P-Nutzer gegen die RIAA zu verteidigen. Einige Studenten aus Massachusetts haben damit begonnen, Geld zur Unterstützung der von der Industrie verklagten Netznutzer zu sammeln. In bester Aktivisten-Manier hat die Gruppe außerdem Aufkleber erstellt, um die CDs großer Plattenfirmen in Kaufhäusern zu kennzeichnen. "Der Kauf dieser CD finanziert Klagen gegen Kinder und Familien", heißt es auf einem der Sticker. Auf ihrer Website Downhillbattle.org gibt sich die Gruppe kämpferisch: "Es ist Zeit, die großen Plattenfirmen stillzulegen!"

Optimisten sehen darin das Werk einzelner Fanatiker und verweisen auf die jüngsten Internet-Erfolge der Industrie. Paradebeispiel dafür ist der Apple Music Store. Mehr als 20 Millionen Songs hat der Computerhersteller darüber mittlerweile verkauft. Eine beeindruckende Bilanz für eine Branche, die lange vergeblich nach einem funktionierenden Geschäftsmodell fürs Netz gesucht hat. Doch um auch unterm Strich ein Erfolg zu sein, müsste Apples Angebot noch erheblich wachsen. Im Schnitt hat jedes der fünf großen Labels damit bisher gerade einmal 2,3 Millionen Dollar verdient - Peanuts für eine Branche, die allein in den USA dieses Jahr rund elf Milliarden Dollar umsetzen wird. Wenig aufmunternde Worte gibt es auch vom Apple-Chef Steve Jobs selbst. "Es ist nicht möglich, mit solchen Angeboten Geld zu verdienen", erklärte dieser kürzlich dem Time Magazine.

Doch welche Alternativen bieten sich der Branche? Kritiker wie Jim Griffin glauben, dass die Lösung altbekannt ist. "Ein Topf mit Geld, eine faire Verteilungsformel" - mit dieser Losung sucht der in Los Angeles ansässige Musikverleger und Consultant seit Jahren nach Mitstreitern für eine andere Musikwirtschaft. Griffin will das Prinzip der Verwertungsgesellschaften auf das Internet ausdehnen. In der klassischen Musikwelt haben sich mit der GEMA und ihren internationalen Schwesterorganisationen Instanzen etabliert, die eine monetäre Verwertung ohne absolute Kontrolle erlauben. Kneipenwirte, Radiosender und Friseursalons können ihr Musikprogramm beliebig gestalten. Gezahlt wird pauschal an die Verwertungsgesellschaft, die das Geld unter den Rechte-Inhabern aufteilt. Mit einem ähnlichen Prinzip will Griffin den Tauschbetrieb bei Kazaa und Co. legalisieren.

Den Plattenfirmen gilt diese Idee als unakzeptabel. Dennoch ist in den USA bereits eine lebhafte Diskussion um derartige Pauschalabgaben entbrannt. Hier zu Lande nimmt sich die Branche bisher lediglich ein Beispiel am Konfliktkurs der US-Plattenfirmen. "Ich halte es für richtig, wie die amerikanische Musikindustrie vorgegangen ist", meint etwa Universal Deutschland-Chef Tim Renner. Doch noch ist die rechtliche Situation zu unklar und die Verfolgung einer großen Anzahl von Nutzern zu teuer. Renner rechnet ab Mitte 2004 mit ersten Klagen in Deutschland. Bis dahin muss sich die Industrie auf das Verschicken elektronischer Botschaften über Tausch-Netze beschränken, die im Ton zwischen offener Drohung und verzweifelter Bitte schwanken. So schließen die Nachrichten nach ein paar Ermahnungen mit den Worten: "Leisten Sie Ihren Teil zur Förderung der musikalischen Kreativität und stellen Sie Ihr Angebot umgehend ein. Vielen Dank!"

Janko Röttgers ist Autor des Buchs Mix, Burn R.I.P. - Das Ende der Musikindustrie, das kürzlich im heise Verlag erschienen ist.


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00:00 26.12.2003

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