Vielfalt statt Einheit

Fragmente Die Kölner "Musik-Triennale"

Im Blick der Medien sieht die Welt meist viel einheitlicher aus, als sie in Wirklichkeit ist. Doch die musikalische Globalisierung hat bisher glücklicherweise nur Teile der Unterhaltungskultur erfasst. Wie vielfältig die Weltkulturen aber immer noch sind, konnte man in den vergangenen drei Wochen in Köln erfahren. Unter dem Motto "Entdeckung Europa" versammelten sich namhafte europäische Künstler und präsentierten von Alter Musik über Jazz bis hin zu Neuer Musik ein breit gefächertes Programm. Bei den zahlreichen Veranstaltungen, darunter auch Filmvorführungen und Ausstellungen, konnte man den Reiz verspüren, die vielen verschiedenen Fragmente des Klangkörpers Europa zu erforschen und zu genießen.

Musikalischer Höhepunkt des Treffens war die aufwändige Aufführung des Prometeo von Luigi Nono (1924-1990). Organisatorisch ein Kraftakt, gelang unter der Leitung von Ingo Metzmacher - er gehört zu den wichtigsten Nono-Interpreten - und Baldur Brönnimann eine beeindruckende Realisation vor zweimal ausverkauftem Haus. Die Tragedia dell´ascolto, die Tragödie des Hörens, ist eines der wichtigsten und wegweisenden Werke des italienischen Komponisten, der im Rahmen der Triennale in einer ausführlichen Retrospektive anlässlich seines achtzigsten Geburtstags gewürdigt wurde.

Luigi Nono hatte sich in den sechziger und frühen siebziger Jahren privat wie musikalisch aktiv politisch engagiert. Das Mitglied der italienischen Kommunisten verarbeitete aktuelle politische Texte in seinen Werken. In der Kantate Il Canto sospeso von 1956 bilden Abschiedsbriefe antifaschistischer Widerstandskämpfer die Grundlage des Werks. Seine Interpretation des Prometheus-Mythos ist nun für die ästhetische Umorientierung in Nonos Spätwerk aufschlussreich. Denn sein Prometeo ist nicht heldenhaft, rebellisch, sondern er ist der "endlos Wanderende", der Suchende, einer, der ins Ungewisse aufbricht. Dementsprechend wird keine kontinuierliche Geschichte erzählt, sondern die Klänge und Texte tauchen bruchstückhaft auf und sind gleichzeitig miteinander verwoben.

Nonos Werk ist der Prototypus von Andeutung und Vielfalt. Es erklingen Fragmente, Klanginseln, die für sich stehend offen bleiben, ohne dabei unvollständig zu sein. Die Prometheus-Tragödie wird nicht szenisch ausagiert und findet doch statt, allerdings ausschließlich in Ohr und Kopf des Zuhörers, der durch die visuellen und akustischen Uneindeutigkeiten - vier Orchestergruppen, dazu zusätzlich Bläser, Sänger, Sprecher und Lautsprecher auf "Inseln" im Raum verteilt - jedoch nur mehrdimensionale Antworten erhält.

Nono misstraute seit den späten Siebzigern zutiefst geschlossenen Systemen, dem eindeutigen "Ja" und "Nein". Er wollte "das Ohr, die Augen, die menschliche Intelligenz" aufwecken, das Hören zum schöpferischen Akt machen. Deshalb schreibt er keine strukturellen oder inhaltlichen Orientierungen mit seiner Musik vor. Die Instrumente und Stimmen werden elektronisch live verfremdet, so dass auch Klang und Bild zum Teil auseinanderfallen. Der Klang-Regisseur André Richard, der seit der Uraufführung des Prometeo 1984 in Venedig - Renzo Piano konzipierte extra hierfür eine schwebende Barke - jede Aufführung mitgestaltet hat, setzt sich bereits ein halbes Jahr vor jeder Aufführung mit dem entsprechenden Raum als Klangkörper, als eigene Instrumentenstimme auseinander: "Ich fotografiere den Raum, ich singe im Raum, ich schreie im Raum, ich gehe mit Musikern hinein. Eigentlich meditiere ich mehrere Tage lang mit dem Raum." Denn Nono bezieht die akustische Situation ausdrücklich in seine Komposition mit ein: "Die Musik, die ich jetzt suche, wird mit dem Raum geschrieben." Und mit der Stille, die immer wieder als selbstständiges musikalisches Element durchklingt.

Das Hörergebnis bei der Kölner Erstaufführung war beeindruckend. Über zwei Stunden inszenierte das von Klang und Stille umrundete Publikum individuell - und ohne Pause - gebannt die oft leisen, teils bis zur Grenze der Hörbarkeit reduzierten Klänge, die auf nichts verweisen, die andeuten, auftreten und wieder im Nichts verschwinden. Jeder musste sich in der gebotenen Vielfalt einen eigenen Hör-Leitfaden, seinen eigenen Prometheus-Mythos spinnen.

Der venezianische Philosoph Massimo Cacciari, der die Text-Fragmente - von Hesiod über Friedrich Hölderlin bis hin zu Walter Benjamin reichend - für den Prometeo collagenartig zusammengestellt hatte, sagte einmal: "Wir müssen lernen, mit der Pluralität der Zeiten, der Räume, mit Vielheiten, mit Unterschieden zu leben." Das klingt wie ein Motto für Europa.


00:00 07.05.2004

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