Vielleicht einfach die Größte

62. Berlinale Meryl Streep ist in diesem Jahr die Hommage gewidmet, ein Ehrenbär wird ihr verliehen. Porträt einer Schauspielerin, die sich nicht auf ihr gutes Aussehen verlassen hat

Vor fünf Jahren hatte Meryl Streep den Status der angesehensten Schauspielerin ihrer Generation erreicht. Wer ihre Auszeichnungen aufzählen wollte, setzte „unzählig“ davor, sie hatte sich bewährt als Charakterdarstellerin und war sich für manch bizarren Auftritt nicht zu schade gewesen. Was ihr damals noch fehlte, war ein Film mit richtigem kommerziellen Erfolg.

Und dann spielte sie eine ziemlich unausstehliche, machtbewusste und dabei gehörig irrationale Modemagazin-Chefin in der Verfilmung eines eher trashigen „Enthüllungsromans“. Der Teufel trägt Prada brachte weltweit über 325 Millionen Dollar ein, so viel wie kein Streep-Film zuvor. Wobei das Erstaunliche darin lag, dass Streeps Part als Nebenrolle konzipiert war – allein die Prägnanz ihres Auftritts machte sie zum Ereignis des Films. Die eigentliche Hauptfigur, gespielt von der 33 Jahre jüngeren Anne Hathaway, verblasste neben ihr. Streep bekam eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin dafür.

Welch krönender Abschluss für eine tolle Karriere, schrieben damals viele, auch wenn der Oscar wieder mal an ihr vorbei ging. Heute, mehr als zehn Kinofilme später, ist Der Teufel trägt Prada nur noch eine glanzvolle Erinnerung unter vielen, fast verdeckt von all dem, was noch geschah: ein noch größerer kommerzieller Erfolg mit dem Musical Mamma Mia! (über 600 Millionen Dollar), drei weitere Oscar-Nominierungen.

Eine Eleanor Roosevelt

Sie spielte eine Nonne im Missbrauchsdrama Glaubensfrage und eine geschiedene Frau zwischen Ex-Mann und neuem Liebhaber in der Komödie Wenn Liebe so einfach wäre. Sie ließ die eigentlich unnachahmliche Fernsehköchin Julia Child (in Julie Julia) auf der Leinwand wieder lebendig werden und heizt als Margaret Thatcher in Die eiserne Lady (Kinostart 1. März) die Debatten über das Lebenswerk der einstigen britischen Premierministerin an. Sicher sind sich selbst jene, die Streeps Porträt der dementen alten Frau, die sich an die heroischen Momente ihrer beachtlichen Karriere erinnert, nicht zu berühren vermag oder die es verwerflich finden, was der Film mit der politischen Figur macht: Meryl Streep wird den Oscar dafür bekommen. Und sie hat ihn verdient.

Dazu passt eigentlich, dass Dustin Hoffman Meryl Streep schon früh vorhergesagt hatte, eine „Eleanor Roosevelt des Schauspiels“ zu werden. Gemeint war damit, dass Streep im Unterschied zu vielen damaligen und heutigen Kolleginnen kaum je auf ihre „natürlichen Vorzüge“ gesetzt hat. Ihr Hauptkapital waren weder ihre schönen blonden Haare, noch ihre hohen Wangenknochen, sondern stets solche „unsexy“ Eigenschaften wie Fleiß, Disziplin und Konzentration.

Klick, klick, klick

Für die Bedeutung von Hollywoodschauspielern gilt Ähnliches wie für einen Stadtplan: Man braucht Vergleiche, um sich die Größenverhältnisse vorstellen zu können. Meryl Streep wurde im Laufe ihrer Karriere am häufigsten mit Katharine Hepburn verglichen. Ein Name, der für den Olymp der Schauspielkunst steht. Aber auch in diesen Höhen verbirgt sich hinter manchem Lob eine kleine Beleidigung. Denn ähnlich wie Hepburn ist Streep keine im eigentlichen Sinne populäre Schauspielerin; ihr Name allein zieht nicht – wie etwa der von Julia Roberts – Zuschauermassen ins Kino. Das bedeutet, dass Streep in jeder ihrer Rollen das Publikum neu gewinnen muss – wobei sie im Grunde stets weniger für sich, als für die jeweilige Figur Interesse weckt.

Ausgerechnet der autorisierte Biograf von Hepburn kolportiert, die große Katharine habe von allen Schauspielerinnen der neuen Zeit Streep am wenigsten gemocht. Es mache bei ihr klick, klick, klick, habe Hepburn gesagt, und damit zum Ausdruck gebracht, was auch die große Kritikerin Pauline Kael an Streep auszusetzen hatte: Ihr Spiel sei zu intellektuell, zu mechanisch, zu theoretisch. Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet zwei für ihren Intellekt bewunderte Frauen implizit Streeps mangelnde sexiness kritisieren. Aber vielleicht ist der Vorwurf eines zu theoretischen Spiels für Streep aus heutiger Sicht leicht zu ertragen – kam sie dadurch doch weniger in Versuchung, wie Sharon Stone oder Nicole Kidman durch Pin-Up-Posen der eigenen Karriere einen neuen Schub verleihen zu wollen.

Inzwischen hat sich das für Streep ausgezahlt. Kaum jemand diskutiert über ihren Körper oder äußert sich überheblich anerkennend über die scheinbare Unsichtbarkeit von Altersspuren. Als Schauspielhaltung hat ihr die Bemäntelung der eigenen sexuellen Attraktivität ermöglicht, eine bestimmte Art von Weiblichkeit viel komplexer zu zeigen als Kidman, Stone oder auch Julia Roberts das bislang getan haben.

Spätes Debüt

Bereits in ihren ersten Rollen in Kramer gegen Kramer (ihr erster Oscar, für die beste weibliche Nebenrolle) oder Manhattan (beide 1979) entwarf Streep ein zeitgenössisches Bild der verletzlichen Frau, die sich der männlichen Objektsicht entziehen will und von den Schwierigkeiten der Selbstfindung an die Grenze zur Neurose gebracht wird. Das leicht Zickenhafte, Unnahbare und Schwierige ist bis heute ihr bevorzugtes Rollenfach geblieben. Weshalb es nicht verwundert, dass sie ihren bislang einzigen Hauptrollen-Oscar für die Darstellung einer Auschwitz-Überlebenden (Sophies Entscheidung, 1982) bekam; hier gab es eine traurige Erklärung für ihren kantigen Charakter – was dem Zuschauer Einfühlung und Sympathie erleichterte.

Im Unterschied zu vielen Stars von heute trat Streep erst verhältnismäßig spät, mit 28 Jahren, im Kino in Erscheinung. Ihre Solidität im Handwerk rührt auch daher, dass sie erwachsen war, als sie zum Film kam. Erwachsensein galt schon damals nicht als besonders sexy. Streeps Biografie liest sich undramatisch bis zur Langeweile: Geboren als Mary Louise Streep war sie ein Mädchen aus gutem Hause und genoss die entsprechende Ausbildung. Außer der tragisch endenden Verlobung mit John Cazale (der 1978 an Krebs starb) gibt es aus ihrem Privatleben nichts Abgründiges zu berichten. Sie hat einen Freund ihres Bruders geheiratet, mit ihm vier Kinder bekommen und ist noch immer mit ihm zusammen. In Interviews schildert Streep sich selbst als oberflächliches Mädchen, das mit 12 ein bebrilltes hässliches Entlein war und mit 16 die Verwandlung zur Homecoming Queen geschafft hatte. Streep studierte an den Hochschulen von Vassar und Yale Schauspiel und konnte an die Ausbildungsjahre mit ersten Erfolgen am Broadway anschließen. Aufs Kino sah sie zunächst mit dem Kulturdünkel des Theatermenschen herab.

Einmal vor der Kamera, stellte sich schnell Ruhm ein. Mit Auftritten in Die durch die Hölle gehen (1978), Manhattan und Kramer gegen Kramer hatte Streep auf sich aufmerksam gemacht, in Filmen wie Die Geliebte des französischen Lieutnants (1981), Silkwood (1983) und Jenseits von Afrika (1985) zeigte sie die Breite ihres Könnens vom Kostümfilm über das engagierte Drama bis zum Melodram.

Abschied vom Männerklub

Einst, also bevor das gewissermaßen stattliche Alter sie von solchen Diskussionen erlöste, galt die Schönheit von Streep als umstritten. Der Sohn des Produzenten di Laurentis soll bei einem ihrer Vorsprechen seinem Vater vorgehalten haben: „But she‘s not beautiful!“ Dabei kann Streep lediglich alles sein: hässlich oder schön, abgerissen oder elegant, proletarisch oder adlig. Sie ist keine method actress, wofür sie ebenfalls oft kritisiert wurde: Sie imitiere Gesten und Akzente, sie sei nicht authentisch, identisch genug. Tatsächlich, und viele sehen das heute als ihre Stärke an, erfindet Streep ihre Figuren, gestaltet sie, lädt mit kleinen Hand- und Kopfbewegungen dazu ein, sich für sie zu interessieren.

Es ist diese Technik, die einen Film wie Die eiserne Lady oder Jenseits von Afrika vor 25 Jahren mehr sein lassen als ein pures Melodram. Streep verleiht in letzterem der im Grunde wenig heroischen Geschichte von Karen Blixens Unglück in Liebe und Kaffeeanbau eine radikal unsentimentale Würde. Ihre Karen Blixen fühlt sich keineswegs als Protagonistin eines Melodrams, sondern versucht im Leben „ihren Mann zu stehen“. Als der Männerklub ihr zum Abschied einmal Zutritt gewährt, um auf sie anzustoßen, nimmt sie das ohne sichtbare Rührung hin. Sie geht hinein, hebt das Glas, geht hinaus und fährt. Keine großen Worte, ungesagte Dinge bleiben ungesagt. Selten wurde eine Frau im Kino respektvoller behandelt. Und keine Schauspielerin weiß das so stolz zu nehmen wie Meryl Streep. Man wird es beim nächsten Oscar sehen.

Weitere Texte zur Berlinale (9. bis 19. Februar) unter freitag.de/berlinale und in der kommenden Ausgabe


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11:00 10.02.2012

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