Vivasion

Utopie des Jetzt Worin sich mtv und viva gleichen

Von Novalis stammt der Satz, große Gedanken müsse man auch von hinten lesen können. Für was könnte das mehr gelten als für das vergangene Jahrhundert. Nicht nur, dass wir heute alles von hinten lesen müssen. Nach dieser Lektüre wird womöglich wenig übrig bleiben, was man weiterhin von vorne und von hinten lesen kann.

Das Zeitalter des Endes der Utopie ist zugleich das ihrer neuen Verheißung. Die Menschenfischer der aussterbenden Sekte namens Kirche versuchten vor Jahr und Tag einen letzten Relaunch mit einem eigenen Radio, namens Radio Paradiso. Wahrscheinlich hat sie der Erfolg der britischen Gruppe Frankie goes to Hollywood überzeugt, die mit ihrem Titel Pleasure-dome den Wandel von der drohenden Erlösungs- zur Versprechungskultur angezeigt hatte. Die Versprechungen werden jetzt allerdings rückwärts gelesen. Auf mtv und Viva verkündete vor kurzem ein großer Harmoniechor gängiger Stars wie weiland zu Bob Geldofs Konzert für Afrika das Ende der antiautoritären Versprechung und wiegte sich im Klang des Refrains children need a helping hand. Die ideologische Härte vergangener Zeiten ist der Hartnäckigkeit gewichen, mit der man den Waschbrettbauch inszeniert. Der Kultur-Eremit Botho Strauß wetterte letzthin zwar gegen die » Medienschatten« und »Tageswonnentaucher«. Verführerisch sind sie aber doch - die dauerlächelnden Boybands mit den glatten, enthaarten Körpern, an deren Brustwarzen zu weite, künstlich genässte T-Shirts kleben. Sie schwenken das Banner der Utopie der ewigen Jugend und Potenz, des sündenlosen Sündenfalls.

MTV is orgasm - pleasure as resistance, experience as pleasure - über die Emphase, mit der der amerikanische Medientheoretiker John Fiske 1986 die Revolution der Sinnlichkeit per Musikkanal ausgerufen hatte, lacht man heute. Die Mär vom Sprachrohr der Generation X war zu schön, um wahr zu sein. Zu deutlich sollten 1981 mtv und sein wenige Jahre später gegründetes deutsches Pendant viva, ureigenste Erfindungen der Musiktrusts, die Profitkrise des Popmarktes in den achtziger Jahren beenden. That´s why the videoclip was born. Die synästhetische Revolution, die Hochzeit von Bild und Ton unter dem programmatischen Motto Video killed the Radio Star ist längst zu einem Vehikel verkommen. Die visuelle Penetration machte den Musikkanal zum Bahnbrecher des globalisierten Pop-Kommerz. Der digitale Musenkuss verwandelte die Live-Band in virtuelle Zombies. Und der Produzent neuer Symbolwelten ist das Nadelöhr zur Szene und zum hippen Geschmack. Mit der positiven kleinen Nebenwirkung von ein paar deutschen Retortenbabys wie TicTacToe oder Sabrina Setlur, die ohne Viva kaum eine Chance auf dem US-dominierten Markt gefunden hätten.

Ganz über den einfachen Leisten sind die Sender freilich nicht zu schlagen. Ob man sich das weltweite Werbefeld subversiv aneignen kann, wird wohl noch länger ein Geheimnis der Rezeptionsforschung bleiben. Doch so raffiniert vieldeutig, ironisch und selbstreflexiv, wie nicht nur Madonna und Michael Jackson in ihren schon fast klassischen Videos die konstruierte Illusion namens Star oder Geschlecht zerfleddert haben, geben sie auch Beispiele dafür, wie man standardisierte Symbolwelten emanzipativ aufladen kann. Der Jahrmarkt der vertrackten Bilderrätsel irrlichtert zwischen plattester Warenästhetik und ihrer lustvollen Autodestruktion. In George Michaels Killer verwandeln sich zwar die Liebesworte in Warenschriften: »Truth is a sugar-free-flavour«. Aber in Natalia Imbruglias Torn. Left of the middle werden die Kulissen abgebaut, in denen sich das junge Liebespaar gerade trifft. Kultur, das ist die Botschaft, ist auch nur eine Konstruktion, Liebe nur eine Stellwand.

Doch allüberall herrscht die Utopie des Jetzt. Nur Ex-DJ Marusha ahnt etwas von Geschichte. Dass sie abnutzt, verändert und vergeht. Sie umarmte in einem ihrer Clips ihre Zukunft in Gestalt der alten Frau, die sie selbst einmal sein wird: »I belong to you«. Ansonsten heißen Vordenker hier die Jungs, die ein paar neue Riffs zusammen clustern. Die alten Utopien dienen als Stoff digitaler Verfremdung, werden als Videofutter für ein Zitatekarussell recyclet. Martin Luther Kings I have a dream ist in dem Schnittsalat des Videos von DJ Quicksilver gelandet. Der smarte viva-Moderator Tommy räkelt sich auf dem Sofa und verrät das Credo: voll locker bleiben! »Ich habe keinen Bock mehr, mir große Ziele zu setzen«. Neuer Clip, neues Glück. Die Utopie ist tot. Es lebe die mtvivasion! Ihr großer Vorteil: für sie braucht man gar nicht mehr zu lesen.

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00:00 10.08.2001

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