Vom Liebkosen der Details

Presse Die Kulturzeitschriften haben in ihren aktuellen Ausgaben Jubilare wie Kleist und Raabe vorzustellen – oder können selbst ein Jubiläum feiern

Heinrich von Kleist gilt als Autor der Plötzlichkeit, einer unbedingten Radikalität und zeitlosen Jugend. Er brach aus der Bahn des Normalen aus, was ihn zum Fremdling im Leben wie in der Literatur machte – ein rätselhafter Mensch in einer unbegreiflichen Welt. Die Redaktion der Zeitschrift Literaturen, die Kleist anlässlich seines 200. Todestages ihr jüngstes Heft widmet, nennt ihn, der ein wahres Genie und ein Geisteskrieger war, kleinmütig einen „Sonderling“, als hätte er mit ausgestopften Vögeln gehandelt oder Pfeifenköpfe gesammelt.

In seinen Werken vermochte Kleist auf artistische Weise den Eindruck der Unmittelbarkeit zu erwecken, als entstünde der Text Satz um Satz gleichsam von selbst. Durch kühne Wortumstellung und eine Verkeilung der Satzglieder gelang es ihm, den Ausdruck expressiv zu steigern. In ihrem Beitrag zu Literaturen stellt Ulrike Draes­ner der extremen Bildlichkeit Kleists eine eigene, poetisch stringente Sprache entgegen, eine assoziative Annäherung, die sich nur am Rand aufs Referieren des schon Bekannten einlässt.

Das ist nicht ohne Risiko, denn was wissen die Leser heute noch über Kleist? Über den geschickten Journalisten, der mit radikaler Zuspitzung von Nachrichten operierte, berichtet sein Biograf Jens Bisky. Um „patriotische Gesinnungsertüchtigung“ sei es ihm mit seinen Berliner Abendblättern gegangen, die täglich von Anfang Oktober 1810 bis Ende März 1811 erschienen, unter miserablen Bedingungen, jedoch anfangs pionierhaft mit Auszügen aus den Berichten der Berliner Polizei und den neuesten Theaterkritiken versehen, bis die Zensur einschritt.

Dem verhinderten Kriegshelden widmet sich Daniela Strigl. 1799 nahm Kleist seinen Abschied als Offizier und kommandierte fortan als „Dichter mit der Keule“ seine Figuren. Er entfesselte die Amazonenkönigin Penthesilea zum „totalen Krieg“ der Bisse und Küsse; er feierte den Partisanenkrieg Hermann des Cheruskers gegen die römischen Besatzer und die „Pflicht zum Hass“. Auch der Rosshändler Kohlhaas geht, in seinem Recht verletzt, über Leichen.

Der 100. Todestag des großen Erzählers Wilhelm Raabe wurde im vergangenen November mit weniger Aufwand begangen. Nun immerhin widmet ihm der Schriftsteller Wolfgang Hegewald in der jüngsten Ausgabe der horen ((Postfach 10 11 10, 27511 Bremerhaven) eine luzide Lobrede. Hegewald zeichnet das Bild eines poetischen Realisten, der in seiner Modernität schon gewusst habe, dass „Prosa schreiben heiße, Details zu liebkosen.“

Der 1831 in Eschershausen geborene Raabe schrieb in knapp 50 Jahren 86 Prosabücher, darunter über 30 Romane, beginnend mit der Chronik der Sperlingsgasse, der ebenso ein Erfolg wurde wie der heiter-ironische Bildungsroman Der Hungerpastor (1864). Den Erzähler Raabe beschäftigten – so Hegewald – ein Leben lang Stoffe und Motive wie „der Außenseiter, sein krudes Freiheitsbegehren und wie ihm das Scheitern gelingt oder der Eigensinn glückt; die in einer Biographie verspiegelte Zeit, der Widerschein der Kindheit in der Gegenwart.“

Wie weiter?

Auch Curzio Malaparte, Sohn einer Italienerin und eines Deutschen, hat im Lauf seines relativ kurzen Lebens viele Bücher geschrieben, gegenwärtig geblieben ist er jedoch, mehr als 50 Jahre nach seinem Tod, vor allem durch zwei einzigartige Werke, Kaputt und Die Haut, die auf drastische Weise von Gewalt und Grausamkeit des Krieges erzählen. War Malaparte ein engagierter Schriftsteller im Sinn von Sartre oder eher ein Enfant terrible und ein brillanter Salonlöwe? Sind seine Bücher Reportagen eines prominenten Kriegskorrespondenten oder Romane eines Ästheten?

In der aktuellen Ausgabe von Lettre International äußert sich Milan Kundera bewundernd zu Malaparte und seinen Widersprüchen (die ein wenig auch die Kunderas sein mögen). Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem der blutjunge Malaparte freiwillig auf Seiten Frankreichs teilnahm, trat er der faschistischen Partei bei. Er brillierte als Journalist, wurde zeitweise auf die Insel Lipari verbannt. Ab 1940 reiste er als Reporter des Corriere della Sera quer durch das von den Nazis besetzte Europa. In Kaputt berichtet er von kühlen Salon-Gesprächen mit Hans Frank, dem Generalgouverneur für Polen, und mit Heinrich Himmler, den er nackt in einer finnischen Sauna traf. Aus Finnland stammt auch das grausige Bild eines zugefrorenen Sees, aus dem zahlreiche Pferdeköpfe herausragten.

Kaputt wurde 1944 im gerade befreiten Italien veröffentlicht; Die Haut, die im Oktober 1943 mit dem Eintreffen der amerikanischen Armee in Neapel einsetzt, erschien 1949. In ihrer heterogenen und doch durchkomponierten Form ähneln sich beide Bücher, auch was die zum Teil wohl erfundenen Schreckensszenen angeht, etwa die an einer Baumreihe gekreuzigten ukrainischen Juden, die den vorbeireitenden Erzähler um den Gnadenschuss bitten.

Seit 50 Jahren existieren die Grazer manuskripte, und aus diesem Anlass sind zwei umfangreiche Jubiläumsbände erschienen, insgesamt 675 Seiten. Fast alle bedeutenden österreichischen Schriftsteller der Gegenwart (Handke, Mayröcker, Oswald Wiener), auch schon Gestorbene (Gert Jonke etwa) haben früh in den manuskripten veröffentlicht, und sie sind in den beiden Bänden gegenwärtig, teils durch eigene Texte, teils durch Würdigungen ihres Werks. Ob Literaturzeitschriften etwas bewirken, und wie es mit den manuskripten weitergeht, fragt Kolleritsch, der Vater und weise Herausgeber der Zeitschrift seit 50 Jahren und gibt darauf eine ausweichende Antwort: „Es wird sein, wie es war.“

Michael Buselmeier ist Träger des Ben-Witter-Preises 2010

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16:00 29.01.2011

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