Vom Winde verweht

Virus auf Reisen Im Kreis Cloppenburg wütet wieder einmal die Vogelgrippe. Harmlos für Menschen, doch folgenreich für Tiere und Artenvielfalt

Es ist wieder Vogelgrippe-Zeit. Und dieses Mal hat es einen kleinen Bestand in Quedlinburg und einen Landkreis im Geflügelland Niedersachsen getroffen. Seit dem 11. Dezember 2008 werden - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit - verdächtige Tiere getötet. Das bedeutet für die Intensivtierhaltungsregion des Landkreises Cloppenburg, dass Putenbestand um Putenbestand vergast und vernichtet wird. Bis Jahresende hatte es über 440.000 Tiere getroffen. Die Tierkörperbeseitigungsanlagen hatten an manchen Tagen Mühe, die Mengen an Kadavern zu fassen, denn die kurz vor Weihnachten mastfertigen Puten sind nicht gerade kleine Tiere: Bis zu 20 Kilo bringt ein solcher Vogel am Ende seines Lebens mit zum Schlachter. In den betroffenen Gemeinden liegen die auf Puten spezialisierten Betriebe eng beieinander - so als würde ein Bauer vom anderen abgucken, was es sich zu produzieren lohnt.

Die Vogelgrippe heißt eigentlich Geflügelpest und ist eine Tierseuche. Erst der Medienhype im Jahre 2006, machte aus der Aviären Influenza die manchmal auch für den Menschen gefährliche "Vogelgrippe". Vogelgrippeviren kommen als niedrig- und hoch pathogene Stämme vor, je nachdem, wie ihre Gene kombiniert sind. Sporadisch wurden in den letzten Monaten Einzelfälle nachgewiesen, der letzte deutsche H5N1-Fall im Oktober im Kreis Görlitz. Der aktuell in Niedersachsen aufgetretene Mix ist vom Nationalen Referenzlabor für Aviäre Influenza, dem Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems, als Typ H5N3 identifiziert worden, also tatsächlich nur eine Vogelkrankheit und nicht einmal eine aggressive Form. Nur ein Bruchteil der getöteten Tiere zeigte wirklich Krankheitssymptome.

Dennoch lief die Maschinerie des Seuchenschutzes an: Um die betroffenen Ställe wurden Sperrzonen eingerichtet, in denen Geflügel nicht transportiert werden darf und in ganz Niedersachsen - also auch weit entfernt vom Geschehen in Lüchow-Dannenberg oder Harburg gilt absolute Stallpflicht. Auch wer nur zwei oder drei Hühner besitzt, muss die Tiere im Stall halten. Alle in Niedersachsen erteilten Ausnahmegenehmigungen sind bis auf weiteres ausgesetzt. Freilandhaltung von Hühnern, Enten und Gänsen ist nämlich seit die Geflügelpest Vogelgrippe heißt generell verboten. Das bedeutet: Bundesweit müssen selbst einzelne zahme Hennen im Hinterhof bei den Veterinärämtern gemeldet sein und dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung draußen kratzen.

Ein bürokratischer Aufwand, den Hobbyzüchter und private Hühnerhalter oft scheuen. Viele haben aufgegeben, ihre Tiere geschlachtet und keine neuen mehr angeschafft. "Die Auswirkungen sind für uns gravierend", sagt Wilhelm Riebniger, Präsident des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter e.V. (BDRG), der das Prinzip der Ausnahmegenehmigungen gerne wieder in eine generelle Erlaubnis für Freilandhaltung umgekehrt sähe. 300.000 Geflügelzüchter waren noch bis vor wenigen Jahren im Verband organisiert, einige davon züchten seltene Rassen, auch solche, die auf der Roten Liste der Haustierrassen stehen: "Wenn diese Züchter aufgeben, dann ist die Rasse weg", fürchtet Riebniger. Mit den Haustierrassen verschwindet wieder ein Teil der genetischen Vielfalt. Riebniger schätzt, dass allein von den im Verband organisierten Haltungen insgesamt bereits bis zu 30.000 Zuchtbestände verloren gegangen sind. Bei den Ringen, mit denen Züchter ihre Tiere an den Beinen markieren, verzeichnet der Verband ein Minus von über 200.000 Stück, denn die Abnehmer, die sich trotz behördlicher Auflagen Rassehühner im Garten halten wollen, fehlen.

Doch obwohl noch immer Millionen von Tieren bei Privatleuten leben und Eier für den Frühstückstisch legen oder als Sonntagsbraten enden, konzentrieren sich Politik und Forschung einzig auf die Großbetriebe: "Gegen die Geflügelindustrie sind wir ein zahnloser Tiger", konstatiert Riebniger, "denn diese ist in Deutschland ein nicht unbedeutender Wirtschaftszweig, und danach richten sich alle Maßnahmen".

27 Bestände sind in Cloppenburg inzwischen geräumt worden, sie gehören nicht einzelnen Bauern, sondern teils zu großen Betrieben, wie Ansgar Meyer, Sprecher des Landkreises, berichtet: "Wir haben auch Namen dabei, die drei oder vier Mal auf der Liste stehen." Dort wo zum Beispiel über das Personal Kontakte zwischen den Ställen bestanden haben, wird vorsorglich getötet, denn wo das Virus hergekommen ist, weiß auch dieses Jahr wieder niemand. Die bisher generell verdächtigten Zugvögel werden auch vom Friedrich-Löffler-Institut nur noch als geringes Risiko eingestuft, mäßig und hoch soll laut aktueller Risikobewertung dagegen die Gefahr sein, dass Personen und Fahrzeugverkehr und illegale Einfuhren die Seuche verschleppen. Für Cloppenburg wurde eine neue Theorie entwickelt. Da Putenmastställe oft so genannte Lousiana-Ställe sind, die an den Seiten über großflächige Gitter belüftet werden, lautet die aktuelle These: Das Virus wird von Stall zu Stall geweht. Woher die Cloppenburger Puten das Virus wirklich haben, ist auch drei Wochen nach Ausbruch der Seuche unklar.

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00:00 09.01.2009

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