Vom Wort, das man nicht sagt

Wendezeit Schreiben über die DDR – über ambivalente Erfahrungen, Gefühle und Identifikationsfragen nach der Wende
Marina Achenbach | Ausgabe 45/2015
Vom Wort, das man nicht sagt

Bild: Archiv/der Freitag

Der Fernseher, in dem ich sah, wie die DDRler die ungarischen Grenzzäune umrannten, stand in einem süddeutschen Haus. Die Familie war um den Apparat versammelt. Auf uns kamen im Scheinwerferlicht unzählige lachende iunge Gesichter zu. Sie gefielen. Jemand sagte in die Runde: „Wie frisch und natürlich sie sind. Das ist eine belebende Spritze für uns hier...“ – Herzschmerz bei mir, warum soll ich es verschweigen. Ich gönne der Bundesrepublik die frische Blutzufuhr aus dem Osten nicht, schon immer nicht. Als wäre ich eine Fremde. In der Nicht-Identifikation liegt eine Schwäche, die ich am liebsten verberge. In der Runde um den Fernseher wurden die Köpfe geschüttelt, wurde geächzt bei der Vorstellung, welch schlimme Zustände zu dieser Massenflucht geführt haben mögen. „Immerhin sind diese frischen jungen Leute dort aufgewachsen, bedenkt doch auch das!“ bin ich herausgeplatzt. Die Familie schaute mich erstaunt an, versuchte, mir gedanklich entgegenzukommen. Aber was gab es an der eindeutigen Bewegung zu uns her, in den Westen, zu deuteln?

Einige Tage später in einer Ostberliner Familie wieder vor dem Fernseher: wieder die Fluchten wie eine Flut. Hier hieß der Kommentar: „ldioten.“ Das sagten die Zwanzigjährigen, die in der kirchlichen Friedensbewegung engagiert waren, die „Hierbleiber“, die größte Überraschung des Septembers. Denn es stand doch in niemandes Plan, dass da jemand von sich aus einen Anspruch auf eine eigene DDR erheben würde, die nicht der SED gehört und nicht BRD ist. Es war der Sprengstoff, und es ist bis heute das am wenigsten messbare Partikel im entstehenden Gesamtdeutschland geblieben, mal klein, mal groß erscheinend. Der Satz eines solchen „störrischen Dableibers“ fällt mir heute auf, im ersten Artikel, den ich Anfang Oktober ’89 für die DVZ geschrieben habe: „Wir wollen nicht von der BRD geschluckt werden.“ Woher damals das Wort schlucken? Honecker war noch da, alles war ungewiss, auf BRD-Seite fiel keine besondere Aktivität außer bei den Medien ins Auge. Der Text war klüger als der Autor.

Als die aufgekratzte Menschenmenge in der Nacht zum 9. November den Grenzübergang Invalidenstraße aufdrückte, habe ich anfangs wieder mit Distanz beobachtet: ah, die Westberliner wollen jetzt, nachdem sie im Osten seit Wochen die Menschen auf den Straßen sehen, auch noch ihren revolutionären Akt vollbringen ... Aber dann haben die ersten Schritte auf dem Pflaster hinter dem Grenztor – auf dem ich vorher schon oft gegangen bin, hastig, den Pass und die 25 eingetauschten Mark einsteckend, etwas verändert. Das waren Schritte, die die Füße noch gegen den Kopf gemacht haben, in dem die alte Sperre saß und die Angst: „Gleich muss doch etwas Ungeheuerliches passieren. Das ist alles unmöglich!“ - Seitdem geschieht das Unmögliche und tritt Vorausgesagtes mit banalem Auftrumpfen in Kraft, vergehen Ängste, um neuen Platz zu machen. Und doch: Wer seit dem letzten Herbst bis heute aufs unbekannte Terrain mitgegangen ist, ohne Sicherungen, hat wahrscheinlich für die Denkfähigkeit das Beste getan.

Acht Tage nach der Maueröffnung trifft sich ein Jahrgang von Philosophen der Humboldt-Uni, der vor zehn Jahren das Studium beendet hat. Ein lang verabredetes Treffen. Aber wie es nun abläuft – im Moment, der alles umgestülpt hat – ist unwiederholbar. Der Reihe nach fragen sich alle selbst nach dem Maß an Konsequenz, das sie aufbrachten. Und das verblüffende: jede, jeder konnte genau den Knick in der Biographie benennen: sei es hin zur Unterwerfung oder zur Verweigerung, zum Ende der Gläubigkeit, zum Zynismus, zum Rückzug, zum Opponieren. Oft war die Ablehnung eines Themas oder das Verlangen nach Textänderungen entgegen den Einsichten der Anfang. Eine Kommilitonin hat einen Afghanen geheiratet. Sie lebte seither in einer anderen Welt, der rassistischen DDR-Welt, von der die Anwesenden zum ersten Mal so hörten. Die Entwicklungslinien der Frauen waren brüchiger als die der Männer, sie waren häufiger an andere Arbeitsstellen und in andere Städte ausgewichen. Sie hatten das Studium scheinbar schon weiter hinter sich gelassen, waren auf anderer Fährte, waren eher, so schien mir, auf Wahrheitssuche.

Es war an diesem Abend eine Offenheit‚ die wehtat und zugleich löste. Darüber zu schreiben, schien damals wie eine Vergröberung. Das Risiko schien zu groß, unter der an diesem Abend erreichten Ehrlichkeit zu bleiben. Wie würde diese Runde marxistischer Philosophen, die wieder auseinander gefallen ist wie in den zehn Jahren davor, heute sprechen? Die meisten stehen vor der Entlassung aus ihren Instituten, Fachbereichen, Bibliotheken, Verlagen. Sie sind wieder vereinzelt, anders als vorher, und das hat vielen den Mund schon wieder verschlossen.

Mit Walter Janka wollte ich sprechen. Ich wollte wissen, wie es dazu gekommen war, dass er sein fast 30 Jahre langes Schweigen in einem derart notwendigen Moment gebrochen hat. Seine „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ lösten im Oktober etwas von der ersehnten kathartischen Wirkung aus, von der Erschütterung, die bereinigt. Kaum sonst jemand konnte so ein berechtigter Zeuge für den geleugneten eigenen DDR-Stalinismus werden wie er, der seit der Illegalität in der Nazizeit und seit dem Spanienkrieg zu den Kommunisten der ersten Stunde gehört hat und doch den Terror benennt. Und kein Text, der später erschien, konnte noch die gleiche Wirkung haben: Janka hat ihn, ohne dass er die Folgen berechnen konnte, vor den Feiern zum 40-jährigen DDR-Jubiläum in Druck gegeben, wie einen Aufschrei über den SED-Glückwunsch an die chinesischen Genossen für das Niederwalzen der Studenten, der eine Drohung an die eigene Bevölkerung war.

Als Anfang Dezember der Termin bei Janka heranrückte, gab’s allerdings keine DVZ mehr, um darin das Gespräch zu veröffentlichen. Am Vortag hatte Krenz seinen Rücktritt erklärt, für den nächsten Tag war der Parteitag der SED einberufen, den die Basis schon erbittert gefordert hatte. Es war ein blauer Raureiftag. An der Grenze zu Potsdam waren unzählige Trabis abgestellt, weil die Fahrer sich nicht dem Westberliner Verkehr aussetzen wollten. Die ländliche Bevölkerung aus Berlins Umgebung zog in Wattejacken und Wollmützen, mit Einkaufsbeuteln, in die Stadt. Ich hatte die 25 DM zu wechseln. Die Grenze war noch als Zollgrenze gedacht. Die DDR hatte sich noch nicht aufgegeben, versuchte aus der ökonomischen Krise zu kommen, um eine Partnerin für die BRD zu werden. Ein Taxifahrer setzte mich respektvoll bei Jankas ab: „Wir haben in unserem Forum in der Kirche besprochen, dass Herr Janka Ehrenbürger von Kleinmachnow werden soll...“

Das war die kurze Zeit, in der die DDR-Bürger in Kirchen, Betrieben, Straßendiskussionen die Sprache fanden. In der man sich nicht genug über die Redetalente wundern konnte, die überall zutage traten. Sie sind wieder verstummt. „lch komme mir wie ein Klippschüler vor, mit 40 Jahren muss ich nach den einfachsten Sachen fragen – wie man den Fahrschein stempelt, wo ich langgehen darf...“ Jetzt sind sie wieder eher verschlossen, ein wenig dickfällig. Verunsicherte Menschen verlieren an Glanz. Lernt jetzt unsere West-Regeln! Zeigt Konfliktbereitschaft, die bei euch ja nicht gefragt war, aber verletzt nicht unsere Tabus. Passt euch an, obwohl wir euch die frühere Anpassung vorwerfen. Seid nicht unterwürfig, aber unterwerft euch. Mit einem müden, ideenlosen Realismus fordern das auch Gewerkschafter, Linke, Grüne, alle oppositionellen Bewegungen in der BRD, zu denen sich die „Herbst-DDRler“ hingezogen gefühlt hatten und mit denen sie nun hadern.

Ich treffe viele, in Ost und West, die die Auflösung der DDR nicht ertragen, obwohl sie sich auch ständig die Frage vorhalten: Was bedaure ich denn? Nur den Verlust meiner eigenen Denkmuster? Wer die Augen nur auf die Auflösung und auf die Triumphe der dümmlichsten Kapitalismusapologeten richtet, fühlt sich hundeelend. „In zehn Jahren werden wir uns fragen, wie haben wir das überstanden. Und wir werden mit großem Ekel an dieses Jahr denken.“ Das ist der Ekel über die gierige Vereinnahmung der DDR, die Heuchelei, und darüber, wie die eigene Partei oder Denkrichtung heruntergekommen ist. Mit zwei Kommunistinnen in München: „lch sehe jetzt, dass die Unterordnung unter ein höheres Prinzip nur scheinbar Bescheidenheit war. Als Kommunist hat man sich zwar klein gemacht, aber zugleich überschätzt: als hinge die kommunistische Weltbewegung von dir oder mir ab. Ich habe meine Denk-Autonomie abgegeben und mir eingebildet, gerade dadurch die größte Klugheit aufzubringen.“ – „Ja, wir waren tolle Rechthaber. Aber es gibt etwas, das ich nicht aufgeben möchte: mit Menschen zu tun haben, die nicht gleichgültig gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die eingreifen wollen.“ „Stimmt, die nicht das Gegebene passiv hinnehmen, ia, mit diesen Menschen ... aber das Eingreifen haben wir uns gewalttätig vorgestellt und auch gewalttätig vollzogen. Wir kommen immer wieder beim falschen Denken an.“

Nachts, im Scheinwerferlicht, greift ein Bagger in die Mauer, ruckt die Segmente aus der Verankerung, schwenkt sie im Halbkreis auf den Grenzstreifen, wo er sie ineinanderlegt wie eng schlafende Gefangene. Der Scheinwerfer am Baggerkopf beleuchtet bei jedem Schwenk schweigende nächtliche Zuschauer, Ehepaare mit Hund, alte Mütterchen, türkische Kinder, alle angesogen vom Krachen, von den Attacken des wütenden Baggers, vom Schauspiel der Öffnung der bisher geschlossenen Zone. Etwas wie Nacktheit tritt hervor. Die an die Mauer grenzenden Häuser sind auf einmal ausgesetzt. Und windig wird es plötzlich für die Wohnwagenkolonien im Schatten der Mauer. Eine Gruppe ihrer Bewohner stellt sich auf den Fuß des Mauersegments, dem sich der Bagger gerade nähert. Sie tauchen voll im Scheinwerferlicht auf, mürrisch, aber entschlossen. Der Baggerführer springt aus der Kabine: „Lasst mir noch ’ne halbe Stunde. Ich hab doch ein Soll.“ „Nee, wir wollen nicht mehr.“ Sie wollen diese Zugluft nicht, nicht heute Nacht.

Einmal habe ich in Jugoslawien ein leichtes Erdbeben miterlebt. Der Weg und die Landschaft schwankten wie in einer flüchtigen Schüttelbewegung. Nur kurz, aber es war so, wie es hundertmal beschrieben wurde: Für Momente ist alle Orientierung verloren, und noch lange gehen die Fuße vorsichtig. Neben der Furcht spürte ich aber zugleich eine Euphorie, für die ich mich damals geniert habe: über die Nähe zur Schwerelosigkeit. Die Gefühlslage von damals hat sich wieder gemeldet. Wem war in diesem Jahr nicht übel? Von der Ohnmacht, vorn Schwindelgefühl angesichts des Ereigniskarussells, in dem die gerade gesammelten Erfahrungen zerfetzt werden wie das Licht der sich drehenden Lampen. Aber das Andere nicht geringschätzen: die Augenblicke. in denen erstmals etwas ausgesprochen wurde, was vorher nur verdruckst gedacht wurde. ln diesem Jahr wurde aussprechbar, endlich auch für Linke in der BRD und DDR das, was sie unter dem Druck des Ost-West-Antagonismus verdrängten. ln einem Fragebogen mit der Rubrik: Was ist für Sie Glück? könnte gerade das als Antwort stehen.

Freigesetztes Denken ist eine Wohltat. „Jetzt können wir reisen, wohin wir wollen, aber haben keine Kohle. Jetzt können wir sagen, was wir wollen, aber keiner hört zu. Jetzt können wir lesen, was wir wollen, aber wir finden in dem Wust kaum, was uns interessiert.“ Das sagen Felix und Matthias. Resignation lauert schon wieder, aber die neue Wut der jungen Leute schärft wiederum das Denken.

Von einer Freundin kam eine Postkarte: „Aufrechten Ganges kann ich nun in die Arbeitslosigkeit gehen, ein Jahr nach den denkwürdigen Ereignissen. Da ich’s mit vielen Menschen teile, würgt es mich zwar wie ein bitterer Kloß im Hals, aber wirft mich nicht um ...“ Die DDR ist ökonomisch entmachtet. Die reiche BRD scheint im Moment das einzige Unterpfand gegen drohende Verelendung. Die BRD hat’s so gewollt, sie hat es ein Jahr lang betrieben. Die Wessis schauen dieser Politik mit beklommener Passivität zu. Von der DDR aus gesehen ist die BRD ein reiches Angstland. Sie ist dynamisch in ihren Unternehmungen, aber in sich bewegungsunfähig. Es ist doch verrückt, dass in der Erschütterung der Vereinigung keine politische Lust aufkam, in einigen Bereichen andere demokratische Formen zuzulassen, zu erproben. Nicht einmal eine Fünfprozentklausel darf angetastet werden.

In der DDR toben Ängste, jeder muss sein Leben umkrempeln, die BRD scheint von bleierner, unaussprechbarer Grundangst wie gelähmt.

Die Brust wird eng vom Wort,
das man nicht sagt.

Wie kann es solchen Durst geben,
wo so viel Wasser fließt.

Lied der arabischen Sängerin Om Kalzum.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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