Von anderen in erschwerte Umstände

Kinderwunsch von Schwulen und Lesben Ob mit Pflegekindern oder von der Samenbank - bevor das Familienglück in Erfüllung geht, sind amtliche Hürden und gesetzliche Restriktionen zu überwinden

Seit fünfzehn Jahren sind Oliver und Sascha ein Paar. Und seit drei Jahren sind sie eine Familie - Vater, Vater, Tochter, Sohn. Sascha war schon sehr früh klar, dass er mit Kindern leben wollte. "Dabei ist es für mich nicht notwenig, in dem Kind Charakterzüge oder Familienähnlichkeiten wiederzufinden. Wichtiger ist für mich, dass ich mit den Kindern einen Alltag habe und bei Verhaltensweisen oder ähnlichem sehe, dass sich eine Beziehung aufgebaut hat."

Gayby-boom, so wird der Wunsch von Schwulen und Lesben nach einem Kind genannt. Auch in Deutschland steigt dieses Interesse seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich an. Rund 700.000 schwule und lesbische Paare mit Kindern soll es laut einer Studie des nordrhein-westfälischen Familienministeriums in Deutschland geben. Die meisten Kinder schwul-lesbischer Väter und Mütter stammen noch aus der heterosexuellen Vergangenheit. Aber was ist, wenn es keine heterosexuelle Phase oder keine Kinder aus dieser Zeit gibt und ein Kinderwunsch besteht?

Die Lösung ist eine Pflegeelternschaft. "Ende der achtziger Jahre, als ich das erste Mal daran gedacht hatte, ging ein Fall durch die Medien von aidskranken Kindern, die keiner wollte. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen." Bei einer Pflegeelternschaft wird auf Zeit oder auch dauerhaft die Verantwortung für Kinder übernommen, die aus verschiedenen Gründen nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können. Ein Antrag auf Pflegeelternschaft kann von Einzelpersonen, Paaren oder auch als Wohngemeinschaft beim zuständigen Jugendamt eingereicht werden.

Doch viele Sachbearbeiter tun sich schwer im Umgang mit homosexuellen Paaren. Das ist selbst in Großstädten wie Berlin so, noch schwieriger wird es, wenn die Paare in kleineren Städten oder gar auf dem Land leben. In den Amtsstuben entscheiden einzelne Sachbearbeiter darüber, was sie unter "normalen Familienverhältnissen" verstehen. Homosexuelle Partnerschaften fallen selten darunter.

Trotzdem hat sich der offizielle Ton seit einigen Jahren verändert. Es gibt viele Kinder, die dringend auf Pflegeeltern warten, und es gibt zu wenig Menschen, die bereit sind, diese Kinder aufzunehmen. In der Not empfahl die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter 1996, dass zukünftig auch "gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern" in Betracht gezogen werden sollten.

Oliver und Sascha stellten einen Antrag. Sie mussten viele, auch intime Fragen beantworten: Wie lange sie zusammen sind, welche Berufe sie ausüben, wie viel sie verdienen, ob sie in ihrem privaten Umfeld auch Frauen kennen, wie ihre Kindheit verlief oder wie sie miteinander umgehen, wenn sie sich streiten. Nach einem Jahr war es so weit. Das Telefon klingelte, Oliver und Sascha sollten zwei Kinder aus dem Krankenhaus abholen. "Wir wussten am Anfang nichts, wir wussten nur, das sind Geschwister."

Inzwischen leben Milan (8) und Svea (7) schon drei Jahre bei ihren Pflegevätern. Eine Zeit, die nicht immer leicht war. "Es hätte ja sein können, dass es überhaupt nicht klappt. Am Anfang, da waren das Kinder von jemand anderem, die haben nach jemand anderem ›gerochen‹. Man weiß nicht, was passiert ist, kann immer nur mutmaßen, ob irgendwelche Verhaltensweisen oder Ängste da und da her kommen. Jetzt finde ich es wunderbar, dass wir diese Kinder haben."

Oliver und Sascha wissen, dass ihr Erfolg eher die Ausnahme und nicht die Regel ist. "Einerseits suchten sie dringend Pflegeeltern - vor allem für die Kurzpflege -, aber andererseits hatten wir auch Glück, weil wir im richtigen Bezirk sitzen. Wir sind in einer Gruppe für schwule Pflegeväter, und da hören wir von anderen Paaren in anderen Bezirken, die Pflegeväter werden wollen und viele Probleme haben."

Vorurteile gibt es viele. Argumentiert wird vor allem mit dem Kindswohl: Schwule und Lesben hätten keine stabilen Beziehungen, die Kinder wüchsen ohne männliche beziehungsweise weibliche Bezugsperson auf, schwule oder lesbische (Pflege)Eltern könnten ihren latenten Männer- beziehungsweise Frauenhass auf die Kinder übertragen; die Kinder würden nicht damit zurecht kommen, dass ihre Pflegeeltern homosexuell sind, psychisch unter ihrer Ausnahme-Situation leiden und am Ende selbst schwul oder lesbisch werden.

Tatsächlich belegen Studien: Homosexuelle Paare sind für die Kindererziehung weder schlechter noch besser geeignet als heterosexuelle Paare. Und Kinder aus schwulen oder lesbischen Partnerschaften sind genauso oft homo- oder heterosexuell wie andere Kinder auch und oft selbstsicherer, weil sie gelernt haben, sich mit ihrer besonderen Lebenssituation auseinander zu setzen.

Am Anfang, erzählt Oliver, hätten die Kinder schon Probleme damit gehabt, bei einem schwulen Paar zu leben: "Da hat mich zum Beispiel das Mädchen gefragt, ›warum suchst du dir keine Frau‹. Nachdem wir erzählt haben, dass wir jetzt auch heiraten können, sagt sie, ›ja, dann heirate doch den Sascha‹."

Die Pflegeväter hoffen, den Kindern bis zur Pubertät soviel beigebracht zu haben, dass sie mit den Vorurteilen umgehen können: "Wir wollen ihnen zeigen, dass es verschiedene Familien gibt, nicht nur Mann, Frau und Kind. Dass sie wissen, sie kennen auch Schwule, ihre Pflegeeltern sind so, und dass es in Ordnung ist. In Berlin können sie sogar sagen, selbst der Bürgermeister ist schwul."

Unzufrieden sind Oliver und Sascha mit den zahlreichen Einschränkungen, die allen Pflegeeltern - egal ob homo oder hetero - das Leben mit den Kindern im Alltag erschweren. "Wenn die Kinder operiert werden sollen, dann müssen wir immer um Erlaubnis bitten. Auch die Schulentscheidung können wir zwar beeinflussen, aber oft entscheiden eher der Vormund und die leiblichen Eltern, nicht wir." Sie plädieren dafür, dass Pflegeeltern stufenweise mehr Rechte zugesprochen werden, je länger die Kinder bei ihnen leben.

Die Angst davor, dass ihnen die Kinder wieder weggenommen werden, ist inzwischen geringeer geworden. Verschwunden ist sie nicht. "Theoretisch ist es natürlich immer möglich. Oft versuchen die Ämter sogar zwei oder dreimal, die Kinder wieder den leiblichen Eltern zurückzugeben." Die beiden Väter setzen auf Zeit. "Die Kinder haben bald die Hälfte ihres Lebens bei uns verbracht. Wenn sie dann immer noch hin- und her geschoben werden, sind die Kinder ja ganz verstört. Irgendwann muss mal ein Punkt gesetzt und gesagt werden, die sind jetzt in der Familie, und da bleiben sie auch."

Ein "eigenes" Kind würde mehr Sicherheit und keine Einmischung durch das Jugendamt bedeuten. Trotzdem ist das für Oliver keine Lösung: "Wichtiger ist es zu fordern, dass bessere Regelungen getroffen werden. Ich würde lieber ein Kind adoptieren, einfach um mehr rechtliche Sicherheiten für unsere Kinder zu haben."

Das ist allerdings Utopie. Denn den gesetzlichen Regelungen für eine Adoption liegt ein ehernes Familienmodell zugrunde. Auch wenn Einzelpersonen theoretisch einen Antrag stellen können, werden Kinder bei einer Adoption in der Regel nur an Paare vermittelt - an heterosexuelle, verheiratete, gutverdienende Ehepaare, bei denen möglichst die Frau zu Hause bleibt und die Kinder versorgt. Obwohl dieses Familienmodell in der Gesellschaft immer seltener wird, wagte es bisher kaum eine Politikerin oder ein Politiker, an den Grundfesten des Adoptionsverfahrens zu rütteln.

Daran hat auch das neue Lebenspartnerschaftsgesetz für Schwule und Lesben nichts geändert. Das Thema "Homosexuelle und Kinder" blieb generell weitgehend unberücksichtigt. Es findet sich nur in dem so genannten "kleinen Sorgerecht" und bedeutet, dass bei homosexuellen Paaren die Freundin/der Freund bei Alltagsfragen der Kinder mitreden darf.

Auch Carola hätte gerne ein Kind adoptiert: "Ich wollte gar nicht unbedingt selber schwanger werden. Wenn ich ein Kind adoptieren könnte, dann hätte ich das auch gemacht." Carola ist lesbisch und seit einem Jahr Mutter. Geplant hatte sie das Kind zusammen mit ihrer Freundin. Über zehn Jahre waren die beiden schon zusammen, als sie sich für ein Kind entschieden. Eine Pflegeelternschaft kam für Carola nicht in Frage. "Ich wollte mich nicht dieser Unsicherheit aussetzen, sondern hatte für mich ganz klar, ich möchte die nächsten zwanzig Jahre mit diesem Kind verbringen. Und da will ich nicht, dass jemand von außen kommt und mir das Kind wieder wegnimmt."

Die beiden Frauen suchten zunächst im privaten Bekanntenkreis nach einem Samenspender. "Aber die wollten alle nicht. Die einen fanden es ›unnatürlich‹, ein anderer meinte, er hätte Angst, dann doch verantwortlich zu sein. Obwohl wir ja keinen sozialen Vater wollten."

Schließlich entschieden sie sich für eine Samenbank in den Niederlanden. "Als wir dort waren wollte der Arzt wissen, was für Präferenzen wir denn hätten bezüglich des Spenders. Sie würden das in zwei Kategorien aufteilen, in der einen wären die beruflich eher sozial veranlagten, in der anderen Kategorie Banker und Ingenieure. Wir waren völlig überfragt. Ich habe dann einen Banker vorgeschlagen, und Marie hat im gleichen Augenblick gesagt ›lieber einen Sozialen‹". Letztlich war für Carola nur entscheidend, dass ihre Spermien von einem "Yes-Spender" kamen. So werden Samenspender genannt, die ihre Spermien einer Samenbank nicht anonym zur Verfügung stellen, sondern bereit sind, ihren Namen anzugeben. "Wir wollten, dass unser Kind später eine Möglichkeit hat, den Spender, seinen biologischen Vater, kennen zu lernen, wenn es das will."

Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass Lesben für die Erfüllung ihres Kinderwunsches die Hilfe einer Ärztin oder eines Arztes brauchen, der ihnen die Spermien überträgt. Einige verwechseln die Insemination auch mit der In-vitro-Fertilisation, einer Fortpflanzungstechnik, bei der der Frau Eizellen aus den Eileitern entnommen, im Reagenzglas befruchtet und danach in die Gebärmutter übertragen werden. Lesben sind weder auf eine künstliche Befruchtung noch auf medizinische Unterstützung angewiesen. Medizinisch gesehen fehlt ihnen nichts, um schwanger zu werden - bis auf das Sperma. Einige besorgen sich das Sperma von einem guten Freund, andere suchen sich über Anzeigen in der Siegessäule oder einem anderen schwul/lesbischem Magazin einen Samenspender. Viele Lesben fahren so wie Carola in die Niederlande und besorgen sich das Sperma in einer Samenbank. Sie können es entweder - tiefgefroren in flüssigem Stickstoff - in einem Behälter mitnehmen oder sich in der Klinik von einer Ärztin/einem Arzt übertragen lassen (Insemination).

Lesben, die die modernen Fortpflanzungstechniken nutzen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen - diese Vorstellung sorgte schon in den Anfängen der Fortpflanzungsmedizin für große Aufregung. Starke konservative Kräfte aus Kirche und Politik setzten sich dafür ein, dass die moderne Fortpflanzungsmedizin nicht die verheiratete heterosexuelle Kernfamilie gefährdet. So ist es in einigen europäischen Ländern wie zum Beispiel Frankreich gesetzlich verboten, eine künstliche Befruchtung bei Lesben durchzuführen. In Deutschland ist die "medizinisch unterstützte Spermienübertragung" bei Lesben zwar nicht explizit im Embryonenschutzgesetz unter Strafe gestellt. Allerdings gibt es sowohl standesrechtliche als auch kassenrechtliche Regelungen, die dafür sorgen, dass Lesben in Deutschland keine Praxis finden, die ihnen bei der Realisierung ihres Kinderwunsches hilft.

Carolas "Insemination" verlief ganz privat im Schlafzimmer. Sie muss noch heute lachen, wenn sie an die absurde Situation denkt. "Du musst dich ja mit diesem Apparat auskennen, in dem die Spermienröhrchen drin sind. Das dampft, wenn man ihn aufmacht. Deswegen haben wir ihn auf dem Balkon aufgemacht, die Nachbarn haben sich bestimmt gewundert. Wir hatten Motorrad-Handschuhen an, weil wir Angst hatten, dass die Hände einfrieren. Dabei kann man es auch so anfassen, aber das wussten wir damals noch nicht. Und es ist ganz schön schwer, so dünne Röhrchen mit Handschuhen rauszuholen. Und dann ist da nur ein Tröpfchen drin, und das muss in die Spritze reingesaugt werden und direkt vor den Muttermund gespritzt werden."

Carola und Marie hatten Glück, nach zwei Versuchen wurde Carola schwanger. Rund dreitausend Mark haben sie insgesamt bezahlt, das Teuerste war die Gebühr für den Behälter mit den tiefgefrorenen Spermien. Heute denkt Carola, das mit dem Schwangerwerden war noch die leichteste Übung. Ob es um Fragen zum Sorgerecht geht, um die finanzielle Absicherung von allein Erziehenden (lesbischen) Müttern, um steuerliche Vergünstigungen, um die rechtliche Absicherung der Co-Mütter oder Co-Väter, um das Adoptions- oder um das Erbschaftsrecht - es gibt viele Bedingungen und Umstände, die "Homo-Familien" das Leben schwer machen. Rechtssicherheit und Chancengleichheit sind die Forderungen, die von schwul/lesbischen Elternorganisationen wie zum Beispiel dem Regenbogenfamilien e.V. gestellt werden. "Viele stellen sich nur die Frage, wie eine Lesbe oder ein Schwuler zum Kind kommt. Dabei ist das nur der Anfang. Danach kommt der Alltag, das Leben mit dem Kind."

Sabine Riewenherm ist Biologin und Redakteurin beim Genethischen Informationsdienst (gid). Soeben erschien ihr Buch Die Wunschgeneration. Basiswissen zur Fortpflanzungsmedizin im Berliner Orlanda-Verlag.

Weitere Informationen:
Brewaeys, A., E.V. van Hall: Lesbian motherhood: the impact on child development and family functioning. J. Psychosom. Obstet. Gynecol. 18 (1997): 1-16.
Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Fortpflanzungsmedizin in Deutschland - Dokumentation des Wissenschaftlichen Symposiums vom 24. Bis 26. Mai 2000 in Berlin. Auf dem Symposium gab es eine Sektion dem Thema Elternschaft außerhalb der Ehe aufgrund medizinisch unterstützter Fortpflanzung.
Ftehnakis, Wassilios E.: Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung. In: Basedow, Jürgen et al. (Hrsg.): Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. - Mohr Siebeck, Tübingen 2000.
Hagazussa e.V.: Lesben und Kinderwunsch. Feministisches FrauenGesundheitszentrum Köln, 1999.
Internet: Informationen zu Pflege-Elternschaft unter www.lsvd.de/buch/09.html
Lähnemann, Lela: Lesben und Schwule mit Kindern - Kinder homosexueller Eltern. Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation des Berliner Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Nr. 16. Zu bestellen über: Senatsverwaltung für Jugend und Sport, FB für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Am Karlsbad 8-10, 10785 Berlin

Kontakte:
Feministisches FrauenGesundheitszentrum Berlin (FFGZ), Bamberger Str. 51, 10777 Berlin, 030/786 40 47, www.ffgz.de
ReproKult, Überregionale Frauengruppe zur Fortpflanzungsmedizin, Kontakt über "Cara", frauen@reprokult.de
Gen-ethisches Netzwerk e.V. (GeN), Brunnenstr. 4, 10119 Berlin, Tel. 030/685 70 73, Fax: 030/684 11 83, gid@gen-ethisches-netzwerk.de
Queer and Kids, Vermittlung und Beratung für Lesben und Schwule mit Kinderwunsch, Bänschstr. 49, 10247 Berlin, 030/89090-434, 030/89090-344 info@queerandkids.de
Hagazussa e.V. - FFGZ Köln, Roonstr. 92, 50674 Köln, 0221/234047, projekte.de/hagazussa

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00:00 16.11.2001

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