Von frommen Wünschen und fremden Brüdern

Symbolische Politik in Lateinamerika Über die großen und die kleinen Unterschiede

Beim letzten Kongress der Futorologen 1980 in Paris, eine Sparte die heute nicht mehr existiert, wurde etwas für die damalige Zeit Unvorstellbares angekündigt: Alle Menschen rund um den Globus würden eines Tages zur gleichen Zeit die gleichen Bilder sehen. Die Voraussage erfüllte sich schneller als gedacht mit der Regierung Ronald Reagan. Er war der erste TV-Präsident. Eine neue Ära symbolischer Politik begann, mehr oder weniger erfolgreich. Für Lateinamerika imitierten TV-Präsidenten wie Collor de Mello in Brasilien und Carlos Menem in Argentinien das nordamerikanische Modell. George W. Bush übertrieb die Sache, als er am 1. Mai 2003 in der Montur eines Fallschirmspringers den Sieg der USA im Krieg gegen den Irak über alle TV-Kanäle verkündete.

Es scheint eine Tatsache zu sein, dass sich fast jedes Staatsoberhaupt inzwischen mit Image-Produzenten umgibt. Das gilt sowohl für eine ukrainische Spitzenpolitikerin wie Julia Timoschenko, die öffentlich in weißem Kleid und mit blonder Haarkrone auftritt, wie auch für den Bolivianer Evo Morales, der sich "authentisch" in Aymara-Kluft, zu besonderen Anlässen aber auch mit der traditionellen Kopfbedeckung der Inka-Oberhäupter zeigt.

Und mit welchem Gastgeschenk irritiert man eine Pianistin mehr? Mit einer Geige oder einer Gitarre? Auf jeden Fall war das Bild von Condoleezza Rice, einer Klavierspielerin, mehr als ambivalent, als sie kürzlich mit dem bolivianischen Gastgeschenk, einer mit Kokablättern verzierten Gitarre, neben Evo Morales stand, und das Bild weltweit Verbreitung fand.

Was die symbolische Politik Chiles betraf, so galt es nach der Pinochet-Ära, die auf Szenen mit Militärparaden und Fahnenweihen abonniert schien, viel zu tun, um der Welt ein neues, versöhnlicheres Gesicht zu präsentieren. Zur Weltausstellung 1992 in Barcelona scheute man deshalb weder Kosten noch Mühe, einen Eisberg über den Ozean zu schippern, um Chiles wiedergewonnene Transparenz wie auch seinen Reichtum unter Beweis zu stellen. Wie an dieser ausdrucksstarken, auf Metaphern bedachten Politik festgehalten wird, zeigte gerade erst die Amtseinführung der sozialistischen Präsidentin Michelle Bachelet.

Die symbolische Politik der Gleichzeitigkeit gleicher Bilder zeugt auch davon, dass die politische Kultur einer Linken in Lateinamerika, wie es sie bis Anfang der achtziger Jahre gab, nicht mehr funktioniert oder marginalisiert wird. Linke Identitätsbildung, die einst über Parteien und Gewerkschaften stattfand, bröckelte bereits während der siebziger Jahre, um bald darauf vollends zu verschwinden oder in nostalgischen Formen zu überleben.

Als Lateinamerika 1982/83 von der bis dato schwersten ökonomischen Krise heimgesucht wurde, bestand die Reaktion darauf in einer nach innen gerichteten Politik und dem Versuch, die eigenen Gesellschaften aus sich selbst heraus zu sanieren. In der Konsequenz korrespondiert heute wirtschaftliches Wachstum mit einem neuen lateinamerikanischen Selbstbewusstsein, ohne dass sich dabei eine neue lateinamerikanische Linke herausgebildet hätte.

Der peruanische Dichter Carlos López Degregori suchte unlängst nach dem Grund dafür, dass es in Peru im Vergleich zu Ecuador oder Bolivien keine nennenswerte ethnische, sich politisierende Bewegung gibt, und machte darauf aufmerksam, dass ein Drittel der Gesamtbevölkerung (26 Millionen) heute in Lima lebe. Die Abwanderung aus dem entlegenen Hochland sei die Folge sozialer Konflikte wie auch existenzieller Bedrohungen - es gehe um Land, um Koka-Anbau, aber auch um so genannte Anti-Guerilla-Maßnahmen, die mit dem "Fujimorismo", einer Politik der harten Hand des einstigen Staatschefs Fujimori, verbunden seien. In Lima - so Degregori - finde ein Teil der Migranten im Handel mit Agrarprodukten sowie in Supermarktketten Beschäftigung und ein minimales Auskommen. Ein großer Teil arbeite ohne Ausbildung in der expandierenden Computer- und Elektronik-Branche.

Diese forcierte Integration in die globale Welt lässt die von Intellektuellen gepflegte Idee von einer Renaissance der großen Inka-Zeit wie einen frommen Wunsch erscheinen. Denn die Rosskur der Modernisierung und der Zusammenprall von vormodernen und globalisierten Lebensformen erzeugen ein hohes Maß an Irritation und Unsicherheit, wovon auch die Politik nicht unberührt bleibt. Nach der Regierung Alejandro Toledos, die in Peru unisono als Fehlschlag gilt, soll nun wieder die harte Hand für Abhilfe sorgen - auch hier fehlt es nicht an Symbolen, auch wenn es sich um andere handelt als in Bolivien oder Chile. Bei den Präsidentenwahlen, die am 7. Mai in einem zweiten Wahlgang zwischen Ollanta Humala und Ex-Präsident Alan Garcia entschieden werden, schien das "Hardliner-Modell" Kolumbiens unter dem Präsident Uribe zeitweise große Attraktivität zu besitzen. Mitglieder aus dessen Beraterstab waren zuletzt häufig in Lima, um der rechtskonservativen Kandidatin Lourdes Flores auf die Sprünge zu helfen. Der Ex-General Ollanta Humala hingegen - erklärter Verehrer des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez - knüpft am linksnationalistischen Selbstverständnis der Militärregierung von Juan Velasco an, die 1968 an die Macht kam. Sie nationalisierte die Erdölindustrie und gab die Zuckerindustrie in die Hände von Kooperativen, was mit einem Desaster endete. Dieser Mix aus Antiimperialismus und antioligarchischer Attitüde erlebt in den Reden Humalas eine Auferstehung, wenn etwa die "Dämonen des Neoliberalismus" beschworen, massive wirtschaftliche Maßnahmen des Staates und die Überprüfung der Verträge mit den multinationalen Konzernen versprochen werden. Wie Evo Morales in Bolivien sagt auch Ollanta Humala den Kokabauern Unterstützung zu und stört sich nicht daran, dass gegen ihn Vorwürfe laut werden, als Chef einer Anti-Guerillaeinheit 1992-1993 für schwere Menschenrechtsverletzungen in den ländlichen Regionen verantwortlich zu sein.


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00:00 03.05.2006

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