Vor dem Stacheldraht der Strand

Hasselbach im Hunsrück Vor 15 Jahren ein Brennpunkt der Friedensbewegung, heute Schauplatz der Raver-Kultur

Spätsommer 2001: Bei Hasselbach im Hunsrück versammeln sich 40.000 Menschen zu "Nature One", einem der zentralen Events der Techno-Bewegung. Das Treffen auf der Pydna, dem früheren Lager der Cruise Missiles, findet inzwischen zum siebten Mal statt. Es wird unter anderem von Viva live übertragen. Die Techno-Szene spielt mit der besonderen Stimmung dieses Niemandslandes. Das Gelände ist immer noch durch einen Ring hoher Betonmauern gesichert, ein Tor steht jedoch offen. Da repariert gerade ein Mann den chromblitzenden Kühler seines Wohnmobils. Er sieht es gar nicht gern, dass wir den frei zugänglichen Teil der Basis erkunden. Hinter ihm, sagt er, sei verbotene Zone. Doch dann hört er gar nicht mehr auf - obwohl seine Frau ärgerlich zum Essen ruft -, sein Wissen über den Ort mitzuteilen. Die Bunker seien mehrere Stockwerke tief in die Erde eingegraben, neu mit NATO-Stacheldraht umzäunt und würden von der Bundeswehr bewacht. Er wisse nicht, was weiter mit dem Gelände geschehen solle. Jedenfalls ein guter Standort für sein Wohnmobil, wenn er gerade nicht unterwegs ist. Die beiden sind nicht die einzigen Nutzer. Wir sehen ehemalige Werkstätten, bis zum Dach voll gestapelt mit Strohballen. In den Kasernengebäuden sind ein Rettungsdienst, die Reservistenkameradschaft und ein Transportunternehmen untergebracht. Eine zeitlich befristete, unsichere Sache bis jetzt.

Für Friedensbewegte steckt der Ort voller Bedeutungen. Im Oktober 1986 demonstrierten hier 150.000 Menschen gegen die Vorbereitung von Massenvernichtung - gegen den einzigen Lagerungsort von Cruise Missiles in Westdeutschland. Es war der letzte große Protest gegen den "Nachrüstungsbeschluss" der NATO, der 1979 auf europäisches Drängen hin gefasst worden war. Besonders Kanzler Helmut Schmidt hatte gedrängt. Gegen das behauptete Übergewicht sowjetischer Mittelstreckenraketen (SS-20) wurde die neue Raketengeneration Pershing II und Cruise Missiles ins Feld geführt. Sie konnten mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden und - das war neu - zum ersten Mal punktgenau und sekundenschnell Ziele bis über Moskau hinaus erreichen. Die Friedensbewegung kritisierte das Gleichgewichtsdenken, das zur Rüstungsspirale führte, grundsätzlich. Immer wieder Geld in die Rüstung zu stecken, war Verschwendung angesichts viel dringenderer Weltprobleme. Militärexperten befürchteten konkret, dass die Tendenz, Kriege als gewinnbar anzusehen, gerade Deutschland als Schlachtfeld einplane. Bis zum Kulminationspunkt 1986 wuchs der Kern derer, die sich zur Friedensbewegung zählten, auf etwa ein Drittel der Bevölkerung. In diesem Jahr wurde die Raketen-Stationierung gegen Mehrheiten in allen politischen Lagern unter der Kohl-Regierung vollzogen.

Die neue Nutzung wird nun eine weitere Bedeutungsschicht in die Landschaft legen, so wie sich viele andere Geschichtsspuren im Hunsrück abgelagert haben. Die wirtschaftliche Randlage hat dafür gesorgt, dass sich vor allem dem langsamen Blick des Wanderers eine Fülle von geschichtlichen Hinweisen zeigen: keltische Wallburgen und christianisierte Thingstätten, römische Badeanlagen und Straßen, mittelalterliche Wegenetze und Burganlagen, die Halden und Stollen des Schiefer-, Erz- und Edelsteinbergbaus, die Reste der Mühlen und Edelsteinschleifereien in den Bachtälern bis hin zur zentralen Verkehrsachse, der Hunsrückhöhenstraße, die von den Nazis zur Versorgung des Westwalls gebaut wurde. Den Bunkerhügeln der Marschflugkörper bei Hasselbach sollte man eine solche Geschichte gönnen: aufgelassen, der Beton aufgelöst von Moosen und Gräsern, Rost an jedem Stahl, Wasser in jeder Senke, mit jedem Frost größere Risse und in jedem Frühjahr mehr Frösche auf dem Gelände. Der Ruinenkomplex würde in Reiseführern als sehenswürdig hervorgehoben, das Wissen über den ursprünglichen Zweck, den Dritten Weltkrieg durch die glaubwürdige Androhung der Vernichtung der Menschheit zu verhindern, würde in den Erzählungen der Hunsrücker weiterleben.

Bloß durch Ausgrabungen dürfte der Sinn der Anlage nicht mehr entzifferbar sein: ein Schauplatz des Kalten Krieges, der nicht besonders groß, nicht besonders dramatisch gebaut ist. Er macht eher den Eindruck eines funktional angelegten Garagenhofs. Keinerlei Symbolik von Hass, Macht und Entschlossenheit bei der Vorbereitung der Massenvernichtung. Allenfalls drei kleine, im Eingangsbereich aufgestellte transportable Kriegsdenkmäler, sorgfältig demontiert, erinnern noch an patriotische Einstimmung auf das Tun. Andererseits scheint es sich um ready mades zu handeln, die so in allen Stützpunkten der US-Armee auftauchen. Eine Raketen-Attrappe in Originalgröße ist im Eingangsbereich wie ein Markenzeichen auf einen Betonsockel montiert. Ihre Spitze weist in westliche Richtung. Ausreichend Parkplätze sind vorhanden. Auf Schildern wird ermahnt, die Zündschlüssel nicht im Wagen zu lassen. Überwiegend sind die Schriftzüge amerikanisch, an wenigen Geräten deutsch und amerikanisch, was den Anteil deutscher Firmen an der Ausrüstung spiegelt. In den 50 Meter langen, fünf Meter breiten Tunneln - vorn und hinten mit schweren Stahlplatten hydraulisch verschlossen, angeordnet zu dritt in sechs Bunkern, mit Hunsrück-Flora bewachsen - waren jeweils vier von MAN speziell zu diesem Zweck entwickelte Lkw mit je vier Cruise Missiles untergebracht. Das waren alle, die in Westdeutschland 1986 stationiert wurden. Im Ernstfall hätte man sie auf der Hunsrückhöhenstrasse "spazieren gefahren", um sie so vor der Vernichtung durch einen gezielten Treffer zu schützen.

Welche Geschichte werden die Schauplätze des Kalten Krieges bekommen? Bei Hasselbach im Hunsrück ist die Peripherie verpachtet, das eigentliche Raketengelände jedoch noch immer mit "Todesstreifen", mit Stacheldrahtrollen gesichert. Für die Techno-Veranstaltungen ist das Gelände geöffnet. Die Sicherheitsschleuse wird weiter zum Filzen der Besucher benutzt. Lautsprecherkabel: die Raver-Infrastruktur liegt wie ein Spinnennetz über der Bunkerreihe. Einer der Raketentunnel wurden sorgfältig mit einer Rosentapete beklebt, ein Nachbartunnel rot gestrichen. Es gibt Spuren von Teppichbelag auf dem Betonboden. Kreative Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit der Architektur?

Auf der Außenmauer, die das gesamte Gelände dem Blick entzieht, sind noch die blauen und weißen Friedenstauben sowie pazifistische Sprüche zu sehen. Innen hat jedoch keiner ein Symbol eines späten Triumphes hinterlassen. Gibt es nicht Gründe genug, wenn schon nicht zu triumphieren, so doch wenigstens, sich zu erinnern?

Eine Gesprächspartnerin in der benachbarten Kleinstadt entpuppt sich als frühere Aktive der Friedensbewegung. Ihr Pfarrer sei damals sogar tagelang im Gefängnis gewesen. Sie schlägt vor, das Gelände als Informationsstätte über den Kalten Krieg auszubauen. Im Gespräch ist aber auch der Umbau zu einem Freizeitpark. Das würde die völlige Auslöschung des Sinns bedeuten. Für den früheren Militärflughafen Hahn in der Nachbarschaft mag eine Nutzung mit Golfplatz und als verlängerte Frankfurter Startbahn angebracht sein. Ein Ort wie die Cruise-Missile-Basis, an dem sich Geschichte verdichtet, muss lesbar bleiben. Er sollte ein weiteres Sediment der Geschichte in der Landschaft des Hunsrücks werden, erinnert in den Erzählungen der Menschen und weit darüber hinaus, als denkwürdig hervorgehoben in den Reiseführern. Denkmal einer demokratischen Volksbewegung.

An einer Scheune im Nachbarort Bell ist ein Wandgemälde der Friedensinitiative noch gut zu erkennen: Ein Stier hat mit seinen Hörnern eine Rakete aufgespießt, andere liegen zerstört vor seinen Hufen. Dieses Bild wird im Verlauf der Zeit immer mehr verwittern. Vielleicht wird die Wand neu gestrichen, wenn die Scheune weiter gebraucht wird.

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00:00 02.11.2001

Ausgabe 42/2021

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