Vorbeugen ist besser ...

10. Deutscher Präventionstag An Konzepten gegen Sucht und Gewalt herrscht kein Mangel, an Vorstellungen über deren erfolgreiche Umsetzung schon

Mark ist ein "Buddy". Jeden Morgen holt er Dennis von zu Hause ab, zu zweit gehen sie zur Schule und betreten gemeinsam das Klassenzimmer - pünktlich, gut gelaunt und ohne Angst. In der Pause holen sie sich gemeinsam ihren Kakao und gehen auf den Schulhof. Wenn ein anderer Schüler Dennis anmachen will, kriegt er es auch mit Mark zu tun. Natürlich schlägt der nicht gleich zurück, aber er stellt sich der Gewalt entschlossen in den Weg. Der 12-Jährige macht mit, beziehungsweise er macht Prävention. Mobbing hat bei Mark keine Chance.

Mark übernimmt Verantwortung für die Schule, in die er geht, statt dies allein Lehrern, Sozialarbeitern oder Polizisten zu überlassen, also "Selbstverantwortung". Ganz allein ist er auf die Idee aber nicht gekommen. Mark ist eine Figur aus der Broschüre des "Buddy-Projektes", durch das er erst auf das gekommen ist, was nun für ihn "selbstverständlich" ist. Ein großer Mobilfunkprovider hat sich des Projektes angenommen und will damit die Sicherheit an den Schulen verbessern, ja "das soziale Klima verändern".

Ein "Buddy" ist etwas anderes als ein Freund. Einen Freund sucht man sich nach den eigenen Vorlieben, welche auch immer das sein mögen; ein Buddy fragt sich, welche Beziehung der Gemeinschaft nützt. Er wird als altruistisch und Gegenmodell zu "unserer narzisstischen Gesellschaft" dargestellt; tatsächlich ist er deren Prototyp, der die Orientierung an den eigenen Wünschen gegen die Befriedigung tauschen kann, der größte Goodie, das nützlichste Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Dies liegt umso näher, je weniger man sich in ihrer Ambivalenz seiner eigenen Wünsche sicher ist. Das Modell "Mark" macht sich den Blick des (Schul-) Kollektivs auf die eigene Person zu eigen und lenkt sich selbst nach dessen Kriterium, der Nützlichkeit der eigenen Person - und gewinnt daraus die hier gemeinte Form von "Selbstbewusstsein". Um Dennis, den konkreten Anderen, geht es dabei gerade nicht; er ist nicht Zweck, sondern Mittel.

Schon der Form nach praktiziert der 10. Deutsche Präventionstag die Verbindung des vormals Getrennten. Auf dem Messegelände in Hannover pendeln am 5. und 6. Juni 1.500 Teilnehmer zwischen Convention Center und zwei nahe gelegenen Messehallen, zwischen einem klassischen Tagungsprogramm mit Vorträgen in parallelen Panels und der begleitenden Ausstellung, wo gut hundert Institutionen und Initiativen ihre Präventionsarbeit, die meist "Projekt" genannt wird, präsentieren. Wissen als Grundlage, daraus abgeleitete Konzepte und deren Vermarktung, lernt der Besucher, können, ja müssen sich zusammenfinden.

Unter der Überschrift des diesjährigen Schwerpunktthemas Gewaltprävention im sozialen Nahraum präsentierten sich vor allem zwei Gruppen von Akteuren: zum einen verschiedene Organe der Polizei (vom Innenministerium bis zur Kreispolizeibehörde) und zum zweiten Träger und Initiativen aus dem sozialpädagogischen Feld (vom Schulprojekt bis zum Bundesverband Täter-Opfer-Ausgleich). Schon diese Unterscheidung verdankt sich aber mehr einer veralteten Erwartung als den neuen Realitäten, denn die Zeiten sind vorbei, in denen sich diese Gruppen über die Art und Weise stritten, wie man Kriminalität sehen und mit ihr umgehen sollte. Der Präventionsgedanke vereinigt alle Beteiligten unter einer einheitlichen Zielsetzung.

Hört man kritische Stimmen, so streiten sie sich darum, wer diese Ziele am konsequentesten umsetzt. Ins Visier geraten dabei vor allem die staatlichen Stellen, denen regelmäßig vorgeworfen wird, vor dem Hintergrund ihres althergebrachten Denkens ein hartnäckiger Hemmschuh der Entwicklung zu sein. Eine Engagierte beklagte sich in diesem Sinne über die Polizei, die mache doch statt Prävention immer noch Intervention, davon kämen die nicht los. Prävention, so ließe sich dies verstehen, konstituiert sich in Form einer permanenten Abgrenzungsbewegung gegen direkte Interventionen, die sie als Verantwortungsübernahme für einen anderen versteht. Mithilfe dieser Arbeit an der Abstinenz zum eigenen Handeln schafft der Präventionsarbeiter den Raum, der von der Selbstverantwortung seiner Klienten gefüllt werden soll.

Wahrscheinlich deshalb bleibt es auf eine irritierend-hartnäckige Weise unklar, was die Praktiker der Prävention an den Messeständen nun konkret tun. Eine in fast allen Konzepten enthaltene Aktivität ist die Schaffung von Netzwerken. Dies kann zunächst die Vernetzung der verschiedenen Projekte untereinander. Hier operieren die Landespräventionsräte, die inzwischen jedes Bundesland hat und die eine ganze Fraktion in Hannover bilden. Sie schaffen Internet-Portale mit Datenbanken, wo Projektemacher und vor allem solche, die es werden wollen, sich über das, was woanders bereits läuft, informieren können.

Aber auch die konkreten Präventionsprojekte vor Ort bauen beispielsweise in der Schule nicht nur Stände auf, sondern ebenfalls Netzwerke, etwa aus Lehrern, Eltern und Doris Schröder-Köpf. Deren "Unterstützung", wie sie das Faltblatt mit Foto herausstellt, hat die reale Funktion eines Angebots an jeden Mark, sich die Wertschätzung seines nützlichen Tuns durch die Landesmutter vorzustellen. An der Einbindung von Prominenten wird besonders deutlich, dass die Netzwerke diejenige Gemeinschaft konstituieren, in deren Augen der "Buddy" der Größte werden will. Sie bilden ein Spiegelsystem der Anerkennung, in dem die Beteiligten sich narzisstisch vergrößert wiederfinden können.

Freilich findet diese Anerkennung nicht allein in der Psychologie statt, sondern meint gleichzeitig handfeste ökonomische Realitäten. Die Sichtbarkeit dessen, was die anderen machen, durch den "Markt der Möglichkeiten", wie die Netzwerke verstanden werden wollen, lässt die Beteiligten zueinander in Konkurrenz treten. Man sollte als Landkreis, als Schule oder als Einzelner auf diesem Markt schon vertreten sein, sonst wird man alsbald abgehängt. Zur Erteilung von Anerkennung gehört daher notwendigerweise auch, und das kommt in den Konzepten nicht vor, dass sie nicht erteilt wird oder nur weniger als bei anderen. Für eine Schule setzt sich Anerkennung in Fördergelder um, ohne die kaum noch etwas realisiert werden kann und man im Vergleich zum dynamischen Schulzentrum nebenan bald sehr alt aussehen wird. Für den einzelnen Schüler sind das "Buddy"-Diplom und gute "Kopfnoten" oft die einzige Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz, wie ein Pädagoge fachmännisch feststellt.

So können selbst die Internet-Portale, die - wie ein Betreiber erklärt - lediglich die vorhandenen Projekte abbilden, also sichtbar machen, Effekte in Hinsicht einer Anregung zur Prävention erzeugen. Sie zielen auf ihrer Ebene auf das Ingangbringen von Projekten, nicht des Endverbrauchers Mark, funktionieren aber mithilfe einer analogen Konstellation. Bei dieser "Anordnung" handelt es sich um "kein starres System, sondern ein Prinzip", wie sich auch das "Buddy-Projekt" selbst beschreibt. Das Prinzip steckt in den immer wiederkehrenden Formeln rund um die "Selbstverantwortung", aus denen Konzepte und Weiterbildungen bestehen. Sie sind nicht formelhaft in einem nebulösen, sondern in einem technisch-mathematischen Sinn: Sie bilden zusammen einen Baukasten, mit dessen Hilfe eine Art Anordnung der Verantwortungsübernahme für jeden sozialen Raum maßgeschneidert werden kann - schließlich sollen das wiederum die Leute vor Ort immer selbst machen. (Worin selbst schon wieder die Formel zur Anwendung kommt, dass die unmittelbaren Beteiligten immer die natürlichen, also zuständigen "Experten" für das Problem sein sollen.)

Die globale Ausrichtung der Prävention als flexible Sozialtechnologie spiegelt sich auch in der Vagheit der präventiv anvisierten Ziele. "Gegen Sucht und Gewalt" sollen die verschiedensten Programme wirken. Am konkreten Erfolg können und werden sie nicht gemessen werden. Prävention hat aber sowieso die diesbezüglichen Kriterien verschoben und zielt nicht mehr auf das Verhalten des Einzelnen ab, wie die herkömmliche sozialpädagogische Straffälligenhilfe. Es geht stattdessen um einen statistischen Effekt in einer Gruppe oder einem Kollektiv, der sich etwa hinter jenem "sozialen Klima" verbirgt. Die Vagheit der Ziele stammt in diesem Sinne auch daher, dass sie sich überschneiden: In der Zusammenstellung der Formel wird etwa behauptet, dass das, was gegen "Gewalt" hilft, gleichzeitig auch "die Sucht" schwächt. "Starke" Kinder, darauf läuft die Argumentationsfigur als Ganze hinaus, setzen jedem Übel schon mal zumindest einen Widerstand entgegen.

Welches dieser Übel in der Kopfzeile des Projektkonzepts steht, ist daher weitgehend austauschbar. Es ist in der Branche üblich, die gleichen Programme immer unter dem Schlagwort anzubieten, hinter dem gerade die erreichbaren Fördertöpfe stehen. Dieser auf Seiten der Auftraggeber wechselnde Zuspruch findet sich seitens potentieller Teilnehmer wieder im Maß der moralischen Aufladung, dem sich die Ziele in der allgemeinen Öffentlichkeit erfreuen und das ein Indikator ihrer Fähigkeit zur Mobilisierung ist. Wer würde schließlich nicht wollen, dass der kleine Dennis ohne Angst oder Drogen zur Schule gehen kann?


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00:00 17.06.2005

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