Vorerst keine Kernschmelze

Herbsttagung IWF und Weltbank vermitteln den Eindruck, dass trotz der US-Budgetkrise das Weltfinanzsystem nicht auf die Intensivstation muss
Michael Krätke | Ausgabe 42/2013 3
Vorerst keine Kernschmelze
Wie lange müssten diese Druckplatten ihr Werk tun, um für ein Defizit von 16,7 Billionen Dollar aufzukommen? Jahre? Jahrzehnte?

Foto: Shawn Thew/ AFP/ Getty Images

Chinesen und Japaner konnten als größte Staatsgläubiger der US-Regierung schlecht verhehlen, wie nervös und gereizt sie waren. Als am Wochenende die Herbsttagung von IWF und Weltbank in Washington über die Bühne ging, stand eine erste Verlustbilanz der amerikanischen Haushaltskrise fest: mindestens drei Milliarden Dollar. IWF-Chefin Christine Lagarde und Weltbankpräsident Jim Yong Kim lasen Jacob Lew, dem US-Finanzminister, und Ben Bernanke, dem scheidenden Chef der US-Notenbank Fed, einmal mehr die Leviten. Könne man sich zwischen Kongress und Weißem Haus nicht einigen, werde die gesamte Weltwirtschaft erneut in eine tiefe Krise stürzen, das zweite Mal seit 2008. Das dürfe nicht passieren!

Über eines musste man sich im Klaren sein, wie auch immer dieser Haushaltsstreit endet: Es wird auf jeden Fall eine Straffung der expansiven Geldpolitik der Fed geben. Eine drohende Zahlungsunfähigkeit des US-Staates ist viel zu zinstreibend, als dass sie nicht die Kreditpolitik der Zentralbank tangiert. Mit dem Nullzins-Standard wird es vorbei sein, auch wenn gerade in fliegender Hast und mit demonstrativer Absicht Janet Yellen als Nachfolgerin von Ben Bernanke installiert wurde. Präsident Barack Obama persönlich gab bekannt, dass die 67-jährige Ökonomin nominiert sei und für Kontinuität an der Fed-Spitze bürge. Dass der Senat diese Personalie bestätigt, dürfte reine Formsache sein.

Extrem lockere Geldpolitik

Dennoch wird man sich darauf einstellen müssen, dass – angetrieben durch das US-Budget und die Nöte seiner Refinanzierung – allein die Langfrist-Zinsen bald stärker ansteigen als bisher angenommen. Darunter leiden werden vorrangig die Schwellenländer, auf deren Anleihemärkte seit Anfang 2009 etwa 1,1 Billionen Dollar geflossen sind. Wenn der US- und bald wohl auch der europäische Finanzmarkt mit steigenden Zinsen und Renditen locken, werden diese Gelder wieder abgesaugt. Schon als man Mitte September damit rechnete, dass die Fed den Leitzins anhebt – wozu es dann aber nicht kam –, zeigte sich die Verwundbarkeit von Brasilien, Argentinien, Südkorea oder Indonesien, deren Börsen im Vorgriff auf das als unvermeidlich Geltende die Kurse nicht halten konnten.

Der US-Finanzminister und die Fed-Spitze haben gegenüber IWF und Weltbank nur versichern können, einen behutsamen Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik der vergangenen Jahre einleiten zu wollen. Aber wie? Die Federal Reserve ist Teil des Debakels – über 90 Prozent ihrer Vermögensbestände sind durch US-Treasury-Bonds gesichert. Bei jeder Haushaltskrise schmelzen ihre Reserven dahin, je mehr und je schneller die US-Bonds an Wert verlieren. In einem ähnlichen Dilemma stecken ebenso US-Privatbanken, die Schatzbriefe der Regierung im Wert von mehr als einer Billion Dollar und eine weitere Billion in Form von Hypotheken-Anleihen halten, die ebenfalls vom amerikanischen Staat ausgegeben wurden.

Mit Kusshand

Je länger das Land am Rande eines administrativen 9/11 wandelte, desto mehr verloren diese Papiere zuletzt an Wert. Den betroffenen Geldhäusern blieb nichts anderes übrig, als die Verluste abzuschreiben und einen Großteil ihrer Vermögenswerte gleich mit. Als letzter Rettungsanker gilt in solcher Bedrängnis stets der massenhafte Verkauf von US-Staatsanleihen, was freilich mit Wertverlusten verbunden ist und den größten Teil des normalen Kreditverkehrs in den USA zum Erliegen bringt.

Mit der Nase wurden die guten Bürger weltweit während der zurückliegenden Tage wieder einmal auf eine unangenehme Wahrheit gestoßen: Hinter der Weltwährung Dollar – der Ankerwährung des internationalen Geld- und Kreditsystems – steht nichts sonst als der Kredit, den eine US-Regierung auf der Welt hat oder verspielt. Nicht das bunt bedruckte Papier der US-Treasury-Bonds ist dafür zuständig, sondern der Glaube von Banken und Investoren, dass die Weltmacht USA niemals pleitegehen kann. Wird der erschüttert, verliert der Kurs des Dollar – und mit ihm das Weltfinanzsystem – jeden Halt. Bei einem fallenden Dollar schießen überall die Kreditzinsen in die Höhe, während die Aktienkurse einbrechen.

So lastete über dem Treffen von IWF und Weltbank vor allem eine Frage: Wenn es zum Ärgsten kommt – was bleibt steuerbar an einem solchen Crash? Logisch, dass eine Antwort die Hauptgläubiger des US-Staates zuallererst interessierte. Allen voran Chinas Zentralbank, die gut elf Prozent der US-Anleihen hält. Sie hat 1,4 Billionen Dollar und damit ein gutes Drittel der chinesischen Devisenreserven angelegt. Da sich zeigt, welche Risiken das mittlerweile heraufbeschwört, dürfte die People’s Bank of China so oder so US-Bonds abstoßen, was deren Preisverfall nur beschleunigen kann. Wie die Chinesen werden auch Japaner und Brasilianer, Banken der ölexportierenden Länder und der karibischen Steuerparadiese, der Schweiz und Luxemburgs verfahren, die allesamt Milliarden an US-Papieren als Währungsreserve und „Wertaufbewahrungsmittel der letzten Instanz“ halten. So viel Gold und so viele gute Staatsanleihen gibt es auf der ganzen Welt nicht, um einen Absturz der US-Bonds als Basis der wichtigsten Weltwährung auszugleichen. Am Tropf eines ausgelaugten US-Staates hängen eben viele. Indirekt natürlich auch große Exportnationen wie Deutschland, aber ebenso die NAFTA-Partner Kanada und Mexiko wie die maßgebenden Schwellenländer in Asien. Die extrem ausfuhrabhängigen Deutschen träfe ein Wirtschafts-GAU in den USA besonders hart.

Was bedeutet ein permanent bankrottnaher US-Haushalt für die Eurozone generell? Der Euro kann seinen Kurs hochschrauben und profitiert von der Dollar-Schwäche, weniger von eigener Stärke. Auch sind in der Währungsunion die Zinsen bereits in der Erwartung gestiegen, dass aus der Kreditkrise in den USA in kürzester Zeit eine internationale Kreditkrise wird. Was die Bundesrepublik begünstigen dürfte, weil sich Bundesanleihen mit ihren hohen Sicherheiten dann erst recht flott verkaufen lassen. Eurobonds würden die Märkte ebenfalls mit Kusshand nehmen, wenn es sie denn gäbe.

Michael Krätke schrieb vor einer Woche über Folgen der US-Haushaltskrise für das US-Sozial- und Rentensystem

06:00 18.10.2013
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