Vormittag

Kehrseite III Er öffnete die Schiebetür der Duschkabine und tastete nach dem Badetuch. Er schlang es um seinen Oberkörper und rieb sich Brust und Rücken trocken. ...

Er öffnete die Schiebetür der Duschkabine und tastete nach dem Badetuch. Er schlang es um seinen Oberkörper und rieb sich Brust und Rücken trocken. Er summte leise eine Melodie vor sich hin. Seit er vor einer Viertelstunde aufgewacht war, hatte er diese Melodie im Kopf. Er musste sie gestern Abend gehört haben, irgendwo hatte er sie sicher aufgeschnappt. Er summte die Melodie etwas lauter, es störte ihn, dass er sich nicht erinnern konnte, was für ein Lied das war. Er rieb sich die Beine trocken. Diese Melodie, das war etwas Bekanntes, da war er sicher, ein Ohrwurm, ein Klassiker wahrscheinlich. Er rieb sich die Haare mit einem Handtuch. Es lag ihm auf der Zunge, was für ein Lied das war. Er summte laut die Melodie, er musste jetzt wissen, was das war. Er wischte die nass gewordenen Bodenfliesen trocken. Er zog den Bademantel an, schlüpfte in die Schlappen. Auf dem Weg in die Küche stockte er, er erschrak bis ins Mark, da weinte jemand, es war ein lautes Weinen, beinah ein Schreien. Er hatte vor dem Duschen alle Fenster und Türen in seiner Wohnung geöffnet, um durchzulüften. Er stand im Flur, im Zentrum seiner Wohnung, und horchte in alle Richtungen. Das Weinen kam aus südlicher Richtung. Er betrat das Wohnzimmer. Er näherte sich dem offenen Balkonfenster. Das Weinen kam von unten. Er trat auf den Balkon. Vorsichtig, um von unten nicht gesehen zu werden, blickte er über das Geländer.

Sie mochte achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Sie trug ein dottergelbes Kleid. Ihre Beine waren nackt, auch ihre Schultern und Arme, ihre Haut war blass. Ihre Haare waren schulterlang, dunkelbraun. Sie war schlank, ein schlankes großes knochiges Mädchen. Sie stand einfach nur da, die Arme hingen leblos an ihrem Oberkörper herab, und sie weinte, mit weit geöffnetem Mund, sie schrie. Vier fünfstöckige Wohnblocks standen hier im Kreis, und auf der freien Fläche dazwischen stand das Mädchen wie in einer Arena. Und an den Fenstern standen die Menschen, verborgen hinter Gardinen, und starrten hinab auf das schreiende Mädchen. Er wich zurück ins Wohnzimmer. Er kannte dieses Mädchen, vom Sehen, sie musste in einem der Wohnblocks hier wohnen. Er war im Flur, er hob den Telefonhörer, er wählte die Nummer der Polizei. Die Polizei? Warum die Polizei? Er unterbrach die Leitung. Er war in der Küche. Er schraubte die Espressomaschine auseinander. Er goss Wasser in den unteren Teil der Maschine. Er gab den Kaffee in den kleinen Filtereinsatz. Er schraubte die Espressomaschine zusammen. Er stellte sie auf den Herd. Er zündete die Gasflamme an. Er war im Flur. Das Mädchen weinte noch immer. Er hob den Telefonhörer. Er wählte die Nummer der Rettung. Eine Frau war am Apparat. Ein Mädchen, sagte er, da sei ein Mädchen, das weine. Nein, kein Kind, eine Erwachsene, eine junge Frau, aber... Nein, verletzt sei sie nicht, nicht sichtbar, aber die sei verzweifelt, psychisch krank vielleicht, oder misshandelt worden, oder, was wisse er, man müsse ihr helfen. Er nannte die Adresse. Er war im Bad, er reinigte seine Ohren mit einem Wattestab. Er war im Flur, das Mädchen weinte noch immer. Er war in der Küche. Er schob zwei Toasts in den Toaster. Er deckte den Tisch. Er trank ein Glas Milch. Der Kaffee kam mit einem gurgelnden Geräusch hoch. Er drehte die Gasflamme ab. Er war im Flur. Das Mädchen weinte nicht mehr. Die Vorhänge bauschten sich im Wind. Man hörte das Rauschen des Verkehrs von der Schnellstraße. Die Melodie in seinem Kopf hatte noch immer keinen Namen.

Peter Oberdörfer, 1961 geboren, lebt als Autor und Schauspieler in Meran. Das Wunder - Groteske 1991, Don Röschen 1993.


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00:00 15.04.2005

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