Wachstum schmerzt

Debatte Eine humanistische, demokratische Linke, die den Kosmopolitismus aufgibt, hat (sich) schon verloren

Die allfällige Rückwendung von Menschen, Gesellschaften, Kulturen und Staaten auf das Eigene, das es gegen das Fremde zu verteidigen gilt, der Rekurs auf Begriffe wie „Volk“, „Nation“ und gar „Rasse“, und, nur ein wenig sanfter, auf „Identität“, „Kultur“ und „Heimat“, scheint gerade zum Leitmotiv für ein Jahrhundert zu werden, das kommende Generationen, wenn es sie denn noch gibt, als ein „verlorenes“ beschreiben werden, jedenfalls in Bezug auf ein Werden des Menschen und des Menschlichen. Gründe dafür scheint es zuhauf zu geben: der gnadenlose Wettbewerb im Turbokapitalismus mit seinen neuen Verteilungskämpfen, der Rückzug der Staaten aus ihren sozialen Pflichten, die Komplexität des globalen Geschehens, die nach Vereinfachungen verlangt, der Aufstieg autoritärer, terroristischer und fundamentalistischer Staaten und Bewegungen und so weiter. Und dann sind da noch sie: die Fremden. Arbeitsmigranten, Elendsmigranten, Luxusmigranten. Vor allem aber, und als würde sich in ihnen das ganze Dilemma dieser verlorenen Epoche ausdrücken: Geflüchtete.

Die Herzländer jener Verbindung von Kapitalismus und Verfassungsdemokratie, die anscheinend das stabilste, vorteilhafteste und menschlichste System von Regierung, Versorgung und Alltag erzeugten, das es je gab, so perfekt und langweilig, dass es gar „das Ende der Geschichte“ bedeuten sollte, werden „überschwemmt“ und „destabilisiert“, ihre Gesellschaften geraten „an den Rand der Belastbarkeit“, die Sozialsysteme können die Neuankömmlinge „nicht verkraften“, und außerdem funktioniert es mit der Integration nicht. Denn unter diesen Neuankömmlingen sind nicht wenige, die sich zwar auf die Segnungen des Kapitalismus einrichten (einschließlich der Idee, man könne sich vom Ausgebeuteten zum Ausbeuter emanzipieren), mit Demokratie, Liberalismus und Bürgerrechten aber herzlich wenig anfangen können oder wollen. Sie treffen freilich auf eine Kultur, die ihre großen Ideale längst verloren hat, auf zerfallende, entsolidarisierte, prekarisierte und in endlosem Krisenmodus weiterwurstelnde Staaten, auf Gesellschaften in Auflösung und Niedergang. Hier und da sind die Fremden ein Problem; ihr größeres Vergehen aber liegt darin, dass sie die Probleme der Länder sichtbar machen, in denen sie Schutz und Heimat suchen.

Leute, die sich von den Fremden bedroht fühlen, sagen gern, sie fühlten sich fremd im eigenen Land. Das Blöde ist nur, dass sie das auch ohne die Fremden täten. Nur würden sie es sich dann nicht zu sagen trauen.

Der Traum bleibt

Indem sie „Solidarität“ zu verlangen scheinen, machen die Fremden darauf aufmerksam, dass das Konzept der Solidarität in den Ländern Europas und in der EU mehr als nur gescheitert ist, nämlich abgeschafft wurde. Und zwar gemeinsam mit zwei anderen Projekten, die nach den Erfahrungen von Faschismus und Weltkrieg auf der Tagesordnung standen. Zum einen: Dem „Kosmopolitismus“ als Grundlage einer Politik, die nicht am Wohl einzelner Staaten, Ökonomien und Gesellschaften orientiert ist, sondern am Wohl aller Menschen und eines Weltverständnisses, das nicht auf „Heimat“ und „Fremde“, sondern auf Neugier und Offenheit aufgebaut ist. Man darf gewiss nicht unterschlagen, dass sich auch im Kosmopolitismus zu Zeiten des Wohlfühlkapitalismus ökonomische, ideologische und politische Interessen verstecken ließen. Und doch gab es diesen kosmopolitischen Traum auch in der linken, demokratischen und humanistischen Form, nämlich indem er sich untrennbar mit dem Konzept der Solidarität verband. Und mit der dritten, von der Reaktion besonders beargwöhnten Kraft der Veränderung, mit einer prinzipiellen kulturellen Offenheit, der Bereitschaft, eigene Codes an anderen kulturellen Sprachen zu reiben, die Gaben anderer Länder nicht als Beute, sondern als Geschenk anzunehmen, sich durch Begegnung zu verändern und aus den unterschiedlichen Elementen etwas Neues zu erschaffen. Nennen wir es, damit es nicht nach unverbindlichem Souvenir-Austausch klingt: Kreolisierung.

So wie die bürgerliche Revolution einst Freiheit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit als innere Ziele ausrief, konnte ihr Verhalten nach außen nur durch diesen Dreiklang bedingt sein: Solidarität, Kosmopolitismus, Kreolisierung. Dass daraus nichts geworden ist, hat wohl damit zu tun, dass diese bürgerliche Gesellschaft lieber kapitalistisch, nationalistisch und imperialistisch wurde. Aber es blieb ein Traum, ein linker, demokratischer, humanistischer Traum. Eine Hoffnung auf eine andere Zukunft. Verlieren wir gerade auch die?

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel hat im Freitag (9/2018) Kosmopolitismus und Kommunitarismus gegeneinander aufgestellt, es ging um die so unangenehm offensichtlichen Verteilungskämpfe „im unteren Drittel“. Als wäre es der gleiche Kosmopolitismus, der für den freien Verkehr von Kapital, Waren und Arbeitskräften steht und der, welcher für die offenen Grenzen für Flüchtende und Hoffnung-Suchende eintritt. Und als wären jene Kommunitaristen, die sich gegen einen universalen Begriff der Gerechtigkeit und gegen eine für alle Menschen geltende Solidarität richten, friedlich und genügsam, wenn man sie nur in ihren Grenzen in Ruhe ließe und sie vor dem Fremden verschonte. Ein bizarrer Kreis schließt sich, wenn Merkel gegen die Gesten der kosmopolitischen Solidarisierung die „kontrollierten Grenzen“ und „maßvolle Kontingentierung“ (bei CSU-Stammtischen heißt das „Obergrenze“) setzt, da pragmatischer Kommunitarismus „auf stabile Kontexte, Nachbarschaft und Gemeinschaft angewiesen“ sei. Nun sagt aber ausgerechnet die Wortgeschichte von „Solidarität“, dass sie aus dem römischen Recht und der Vorstellung einer „obligatio in solidum“ hervorgeht, also gerade an einer Stabilisierung der Beziehungen orientiert ist. Sie bringt einander fremde Personen und widerstreitende Interessen zusammen und steht notwendig und gleichberechtigt neben dem Geflecht von Freundschaften, Familien, Nachbarschaften und ökonomischen oder kulturellen Gemeinschaften. Das Gegenteil davon ist ein provinzielles, dann auch „völkisches“ und nationalistisches Beharren auf eigenen Vorrechten und Beziehungen, das alles Fremde ausschließt. Das heißt im Übrigen nicht nur den Fremden als Person, sondern das („volks-“)fremde Denken an sich, für das global argumentierende „Eliten“ und eine liberale „Lügenpresse“ mitverantwortlich gemacht werden.

Gefängnis der Enge

Kosmopolitisch, solidarisch, kreolisch: Das war der Dreiklang, den wir uns erträumten, um aus dem Gefängnis der Enge, der Gewalt und der Dummheit zu entkommen. Die drei Dinge zusammen erst ergäben den, nun ja, utopischen Gehalt. Kosmopolitisch könnte man auch als Kolonialist, Investmentbanker oder Tourist sein, gäbe es nicht zugleich Solidarisierung und Kreolisierung. Es sind drei Aspekte der gleichen Bewegung, nämlich der Überwindung der Grenzen von „Rasse“, Nation, Religion und historischer Ideologie; man kann das eine nicht ohne das andere haben. Verständlich also, dass die „konservative Revolution“ und die „Neue Rechte“, von den alten und neuen Voll-Nazis ganz zu schweigen, stets gegen diese Dreieinigkeit Sturm laufen. Gelingt es ihnen, eines der drei Elemente aus dem Projekt zu brechen – die ökonomische Solidarisierung, den politischen Kosmopolitismus oder die kulturelle Kreolisierung – und zu isolieren, ist das Projekt als ganzes in Gefahr. Eine humanistische, demokratische Linke, die sich auch nur eines davon nehmen lässt oder gar freiwillig zu opfern bereit ist, hat (sich) schon verloren.

Die Wiedergewinnung des Kosmopolitismus kann nur durch eine gemeinsame Arbeit an einer kommenden Gesellschaft erfolgen. Denn die Hartnäckigkeit, mit der an „alten“ Werten und Traditionen festgehalten wird, hat auch mit dem Mangel an etwas Neuem zu tun. Die ewige Gegenwart des Turbokapitalismus bietet keine Heimat. Auch hier gibt es einen Widerschein der reziprok zur Entwicklung des globalen Kapitalismus und seiner politischen Folgen besteht, nämlich die Dezentralisierung, Regionalisierung und eben auch Kommunitarisierung der Ökonomie. Damit widersteht man der Versuchung, die ökonomische Restrukturisierung in Form von „Nähe“ an die Traditionen und Phantasmen von Volk und Nation zu binden. Regionale Ökonomie von unten, bedarfs-, nicht profitorientiert, für wirklich offene Märkte in kosmopolitischen, kreolischen und solidarischen Zusammenhängen.

Es ist wichtig, dass auch diese Konzepte nicht zu Ideologie, Dogma und Kategorie werden: Es handelt sich um ein nicht abgeschlossenes, ja um ein nie abschließbares work in progress, zu dem Zweifel, Kritik und Retardierung gehören wie Schmerzen zum Wachstum. Aber nur dieses Wachsen des Menschen bedeutet auch Zukunft haben.

Bei diesem Text handelt es sich um eine für die Printausgabe gekürzte Version. Die Langfassung ist hier zu lesen

06:00 14.03.2018

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