Wagners Walküren-Ritt in der Kasbah

Kabul im Winter (III) Amerikaner und Afghanen wissen, dass sie eigentlich nichts gemeinsam haben - am wenigsten den Phantomschmerz des 11. September 2001

Ein altes afghanisches Sprichwort sagt: »Solange du etwas nicht mit eigenen Augen gesehen hast, glaub´ es nicht.« Ich habe Kabul mit eigenen Augen gesehen und mich nicht blenden lassen vom betörenden Licht des Orients mit seinen verblassten Farben, seiner trügerischen Idylle, seinen sanftmütigen Gesten und stolzen Armutszeugnissen. In Kabul, der einst blühenden Karawanserei auf der Seidenstraße, die ihren Namen vom persischen Wort Kabl herleitet, was soviel wie »Wassertropfen in einer Rose« heißt, sind nach 23 Jahren Krieg und vier Jahren extremer Trockenheit die »rosigen Zeiten« nur noch Legende. Von den fünf Neon-Buchstaben des Kabul Hotels leuchtet noch das U und verweist darauf, dass dieses Vier-Sterne-Domizil gegenüber dem Königspalast durch Granatbeschuss unbewohnbar wurde.

Rings um den Pushtunistan-Platz mit seiner monströsen Wasserfontäne aus blauen Betonschalen, an denen in den siebziger Jahren westliche Hippies zum Verdruss der Kabuler herumlungerten, sieht der gegenüber Drogen und Demagogen abstinente Beobachter jetzt nur noch einen Film von »schlimmer Vulgarität, Grausamkeit, Lautstärke und Hässlichkeit« (Guido Ceronetti). In dem für diese Reise von mir ausgewählten Gedichtband Mitleidenschaften und Verzweiflungen des italienischen Sprachasketen, finde ich die Worte, die Kabul treffender beschreiben als jeder Fernsehkommentar: »Die Katastrophe ist längst passiert, und wir sind alle nur Überlebende, ob bewusst oder unbewusst«.

In vollem Bewusstsein meiner gesamtdeutschen Beobachtungsgabe lasse ich mich durch die entsetzlich kaputte Stadt - sichtbar weniger in der Bausubstanz als in ihrer humanen Kondition - treiben und vermeide jeden Kontakt mit uniformierten Männern, verschleierten Frauen und bettelnden Kindern. Letzteres gelingt mir zunehmend weniger, weil ich, filmend und fotografierend, die neugierigen Niemandskinder anziehe wie das Licht die Motten. »Hello, Aleman!« rufen mir die Bettelknaben schon von weitem zu und nötigen mir mit ihrem Lachen ein sparsames Lächeln und reichlich Afghani ab. Mein Magen reagiert inzwischen störrisch auf Kebab-Spieße und begnügt sich mit Früchten aus Pakistan. Beim Anblick der fliegenumschwärmten Rinderfüße und Schafsköpfe auf dem Markt vergeht mir restlos der Appetit, und ich ernähre mich wie Karl Krauss nur noch von Skrupeln, die ich mir täglich zubereite, sowie kiloweise von Keksen und Nüssen.

Beim Gang durch das in fragwürdiger Schönheit und theatralischem Licht schwelgende Ruinenviertel Darulaman verliere ich die Angst vor Tretminen und Blindgängern. Denn dort spielen die Flüchtlingskinder mit Plastik-Kalaschnikows Krieg, der hier so fern und doch so nah scheint wie der tägliche Geschützdonner der ISAF-Einheiten im Pandschir-Tal. Unweit des Sprengplatzes, wo im März 2002 fünf Bundeswehrsoldaten beim Entschärfen von Lenkraketen der Taleban ihr Leben ließen, stehen oder liegen Hunderte Panzer, Lafetten und Geschütze sowjetischer Bauart. Ich fahre mit der Berliner Filmemacherin Helga Reidemeister und ihrem Team in die Wüste, um diese Hinterlassenschaft zu filmen. Der afghanische Fahrer schaut besorgt auf die blutroten Berge in der Abendsonne, von woher dauerndes Maschinengewehrfeuer die göttliche Stille stört. »It´s no Taleban, it´s the Americans who exercise, Uncle!« beruhigt Achmad, der 16-jährige Dolmetscher.

Als eine gewaltige Detonation die Luft erschüttert und als Rauchwolke im Tal aufsteigt, drängt auch der furchtlose »Kleine Prinz« zum Aufbruch. Lars, der Kameramann, den ich seit der Babelsberger Filmschule als Freund und erfahrenen Weltenbummler schätze, dreht in Ruhe weiter jenes Kriegsgerät, das von den Mudschahedin zwar erobert, aber nicht instandgehalten werden konnte. Die intakte Panzerreparaturwerkstatt hat die US Air Force im Herbst 2001 in Grund und Boden bombardiert, sie bietet heute ein Bild wie Stalingrad nach der Kesselschlacht. Derzeit wird das Gelände von US-Spezialeinheiten kontrolliert, die unweit davon eine Ausbildungsstätte für afghanische Anti-Terror-Einheiten unterhalten und nichts mit der ISAF(*) zu tun haben wollen.

Wir dürfen auf dem Werkstattgelände filmen, nachdem wir einem Wächter der neuen demokratischen Armee Afghanistans einige Hunderttausend Afghani in die Hand gedrückt haben. Er ärgert sich, dass wir nicht in Dollar zahlen und nervt uns mit seiner Angeberei. Einen Tag zuvor hatte uns derselbe Mann den Zugang zum Panzerschrottplatz mit der Begründung verboten, dass Filmen dort untersagt sei.

Als ich aus Langweile die Gegend filme und Lars im Auto ein Buch liest, rast plötzlich eine amerikanische Patrouille in Hummer-Panzern heran. Ehe wir, zwei Frauen und vier Männer, uns versehen, werden wir von zehn schwerbewaffneten Hightech-Rangern verhaftet. Widerwillig befolge ich den Befehl: »Don´t move! Show me your hands!« Ich versuche in unaufgeregtem Englisch, die Soldaten zum Sichern ihrer M16-Gewehre zu bewegen. Doch meine Stimme geht unter im Brüllaffenton der Westpoint-Kadetten. Sie sind nicht auf nice talking programmiert, sondern auf spy-catching und filzen unseren Kleinbus nach Waffen und Videoaufnahmen ihres Top-Secret-Trainingscamps.

Da uns verboten ist, miteinander zu reden, suche ich, mit den Bewachern ins Gespräch zu kommen. Es wird ein steifer Monolog gegen die Angst, aus Versehen erschossen zu werden. Diese Elite-Soldaten geben sich gar nicht cool. Nervös fummeln sie am Abzug ihrer Sturmgewehre und wechseln ständig die Position, um kein Ziel im freien Gelände zu bieten. Zwei MG-Schützen mit Brillen und Mundschutz halten von den Hummer-Panzern direkt auf unsere Oberkörper. »Rede mit ihnen, und du bleibst am Leben«, denke ich und komme mir vor wie Jean-Louis Trintignant im Film Under Fire im Angesicht des Erschießungskommandos. Lars weigert sich, als Hampelmann dazustehen, und verschränkt trotzig die Hände vor der Brust. Der Anführer der Wüstentruppe greift zu seiner Pistole und brüllt den sturen Erfurter an, to obey his order. Unser afghanischer Fahrer steht mit zitternden Knien da und wagt nicht, die »Befreier« anzusehen. Sie tragen keine Namen an der Uniform, nur Rangabzeichen und lauter elektronisches Gerät, mit dem sie ständig auf Empfang sind. Nachdem sie unsere Sachen durchwühlt und das Videomaterial inspiziert haben, holen sie ihre Plastikhandschellen hervor und wollen uns zum Verhör mitnehmen. Da kommt vom Camp Warehouse eine Patrouille der Bundeswehr angerast. Aus dem Jeep steigt Oberstleutnant Steffan und klärt die Situation mit dem US-Commander auf die nette süddeutsche Art. Froh, nach einer Stunde Power-Aerobic die Gliedmaßen ausschütteln zu können, frage ich den Amerikaner nach seiner Heimatstadt in den USA. »That´s none of your business!«, schnauzt er in texanischem Slang und gibt mir meinen Presseausweis zurück.

Zwei Tage später werde ich im Alleingang zur Bergfestung Kolola Pushta erneut beim Filmen russischen Kriegsschrotts verhaftet. Doch da habe ich schon Routine und trinke mit den afghanischen Wachsoldaten Tee. Der diensthabende Offizier schwärmt in gebrochenem Deutsch von Berlin, wo seine Familie ein afghanisches Restaurant betreibt.

Mit Begleitschutz kehre ich in die Stadt zurück und verspreche, fortan einen Bogen um militärische Objekte zu machen. Den Amerikanern gehe ich ebenso eifrig aus dem Weg wie die Kabuler. Wenn Patrouillen mit Blaulicht und schussbereitem MG durch den mörderischen Verkehr fahren, verziehen sich die Händler vom Trottoir in ihre Läden. Beim Souvenirkauf auf der touristenarmen Chicken Street bewegen sich die Yankees wie im vietnamesischen Dschungel. Zwei Mann sichern den Rückzug zum Jeep, während zwei andere im Laden alte Schlossflinten oder Teppiche mit brennenden russischen Helikoptern erhandeln. Nur die Straßenkinder amüsieren sich über die ängstlichen Fremden, die ihnen noch fremdartiger erscheinen, wenn sie eine schwarze Hautfarbe haben. Die Alten sitzen stoisch vor den Teestuben, als warteten sie nur darauf, dass ein verrückter al Qaida-Attentäter eine Granate schleudert. Ich frage mich, warum die Amerikaner es sich und den Afghanen so schwer machen, einander zu respektieren. Vielleicht wissen beide einfach, dass sie nichts gemeinsam haben, am wenigsten den Phantomschmerz des 11. September, an dem der Nichtafghane Osama bin Laden und seine Organisation al Qaida Schuld sein sollen.

Die Kinder sind die erste und letzte Hoffnung eines Landes. Afghanistan ist, wie mir ein tschechischer Gefreiter der ISAF sagt, »no predele« - im Arsch. Den Kabuler Straßenkindern geht das Gerangel um die neue Regierung Karsai am selben vorbei. Sie müssen den Tag mit Almosen überleben. Ich gebe einem Hazara-Mädchen mehr Afghani als den anderen. Es schaut mich mit seinen tiefblauen Augen an und hält mich für einen Freier. Nur mit grimmiger Miene und scharfem Ton kann ich die höchstens 15-Jährige davon abbringen, mir ins Hotel zu folgen.

Beim Gang durch die Kasbah traue ich meinen Ohren nicht. Aus einem billigen Kofferradio, das ein Straßenjunge im Arm hält, tönt der Walküren-Ritt von Richard Wagner. Ich frage den Jungen, weshalb er Wagner hört und nicht Britney Spears oder indische Schlager. In Englisch mit Peschawar-Akzent meint er, die Musik würde wie die Hubschrauber der Taleban klingen, die sein Viertel beschossen hätten. Den Vietnam-Film von Francis F. Coppola Apocalypse Now hat der Junge nie gesehen, aber Dinge, die sein kindliches Gesicht vorzeitig versteinerten. Nachdem sie den Taleban-Horror jahrelang im Interesse Pakistans finanziert hatten, behaupteten die Amerikaner nach dem 11. September 2001, die »Afghanische Apokalypse« aufhalten zu wollen.

Vorerst kann Kabul durchatmen und die Regierungsgeschäfte friedlich konsolidieren. In Kandahar und am Khyber-Pass gehen die Gefechte zwischen den Phantomkriegern Osama bin Ladens und den Robocops des Pentagon unterdessen weiter. Wenn der Krieg gegen Irak beginnt, wird Afghanistan Operationsbasis der USA gegen Iran, falls die geschwächten Mullahs den Dschihad ausrufen sollten. Dann wird Wladimir Putin wohl mit Bush gemeinsame Sache machen, um den Einfluss des Islam von der Kaukasus-Region bis zum Issyk-Kul einzudämmen. Die allliierte Waffenbrüderschaft wird im Mittleren Osten auferstehen und kann zum III. Weltkrieg führen, wie Peter Scholl-Latour schon 1996 prophezeite. Afghanistan und Deutschland mögen sich dann wegen ihrer verlernten Lust am Nationalismus verbünden, um nicht zwischen den Fronten des alten, neuen Imperialismus namens Global Economy aufgerieben zu werden.

(*) UN-Afghanistan-Korps

00:00 07.02.2003

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