Warten auf das Licht

Alltag Weihnachtsbeleuchtung hatte damals anderen Glanz

Im Wohnhaus gegenüber haben die Leute ihre Fenster und Balkone geschmückt. Jedenfalls würden die Nachbarn, die das getan haben, dieses Verb für angemessen halten. Auf dem Balkon im Dritten hat sich jemand zu einer Weihnachtsorgie hinreißen lassen. An der linken Seite leuchtet es tausendfach in künstlichem Blau. Senkrechte Lichterketten blinken von oben nach unten, in unregelmäßigen Abständen wird das Blinken hektisch. Ein Plastikweihnachtsmann hängt über der Brüstung und weht leise im Wind. Rechts steht eine weißleuchtende Plastik-Gans auf der Balkonbrüstung. Dazwischen eine Kette mit leuchtenden Schmuckkugeln, kleinen Hirschen, Christkindern. Ein beunruhigendes Tohuwabohu. In den Fenstern gegenüber sind hier und da Schwibbögen zu sehen, auf der rechten Gebäudeseite hängen vier Rosetten in den Fenstern und blinken Amok. Die Folge dieser Lichtsignale weckt Assoziatonen ans Morsealphabet. Wahrscheinlich gab es die Weihnachtsrosetten dieses Jahr bei Lidl oder Aldi. Womöglich hat das alles sogar sein Gutes, nur dass ich mich eben nicht darüber freue.

Ich habe jemanden gekannt, der sich so über das Licht in der Weihnachtszeit freuen konnte, wie wir uns heute kaum vorstellen. Meine Urgroßmutter. Sie lebte mit uns unter dem Dach eines alten Fachwerkhauses in der Lüneburger Heide. Jedes Jahr in der Woche nach Totensonntag montierte der Elektriker der Kleinstadt Lichterketten, die quer über die Straße hingen. Meine Urgroßmutter war in Hochstimmung und fing uns schon nach der Schule ab. Wir sollten ab vier Uhr nachmittags zu ihr kommen. Sie hätte Grießbrei für uns und wenn wir wollten, gäbe es frische Kekse. Sie nahm uns an die Hand und ging in die Speisekammer. Das war ein sehr spezielles Reich. Gleich vorn stand ein alter Wäscheschrank, in den hatte sie ihre Geburtstagsgeschenke vom Fünfundachtzigsten einsortiert. 4711 in großen Flaschen und Schmuckkassetten, Handtücher und Taschentücher, Obstschalen, Blumenvasen, Pralinenpackungen, Kirschlikör flaschenweise, manches war noch in Geschenkpapier eingepackt, nichts war angebrochen. Wenn sie anderen Leuten zum Geburtstag gratulierte, holte sie einfach irgendetwas aus dem Schrank. Es roch leicht säuerlich und nach Geräuchertem in der Speisekammer. Einen Kühlschrank gab es nicht, stattdessen stand in der dunkelsten Ecke des Raumes ein Fliegenschrank, der hatte an den Seiten und in der Tür feinmaschigen Draht und schützte Butter, Käse, Würste und Schinken vor Insekten. Neben dem Schrank bewahrte sie eine Flasche Weizenkorn auf. Der hatte 40 Prozent und jeden Morgen nach dem Frühstück nahm sie einen Schluck aus der Pulle. Soll ich machen, hat der Arzt gesagt, erklärte sie uns Kindern, das ist gut für den Kreislauf. Wir hatten keine Ahnung was ein Kreislauf ist und fanden es lustig, dass unsere Uroma morgens schon Schnaps trank. Schließlich sortierte sie Butterspekulatius aus einer großen Bahlsendose auf eine weiße Untertasse mit abgesprungenem Goldrand. Auf dem mit Wachstuch verhängten Tisch standen frische Speisen, Klopse oder Braten im Kochtopf, in kleinen Schälchen, abgedeckt mit Untertassen, gekochter Pudding. Urgroßmutter versuchte meine Mutter auszustechen, indem sie uns immer schon vor den Mahlzeiten ein Süppchen kochte oder den Grießbrei mit selbstgemachter Marmelade vorsetzte. Das geschah heimlich, weil mein Vater ihr verboten hatte, uns mit Nahrungsmitteln vollzustopfen, wir sollten uns am Mittagstisch satt essen und nirgends sonst. Gerade das Verbot schien ihr den besonderen Thrill zu geben. Sie verpflichtete uns zur Heimlichkeit, beugte sich vor und flüsterte: und sag keinem was, das braucht niemand zu wissen. Dann sah sie uns tief befriedigt beim Essen zu. Jeder vertilgte Pudding ein Sieg, jeder Teller Suppe ein Triumph.

An diesen Wintertagen also, wenn es zu dämmern begann, machte sie sich in ihrem Lehnstuhl parat und wartete auf das Licht. Es war unklar an welchem Wochentag die städtische Weihnachtsbeleuchtung das erste Mal in Betrieb gehen sollte. Manchmal schon am Donnerstag, manchmal erst am Adventssonnabend. Ihr Lehnstuhl stand diesem Fenster, das vier Flügel hatte und jeder Flügel war wiederum in vier kleine Fenster unterteilt. Es zog ein bisschen. Jedes Jahr im Winter legte sie selbstgenähte flache Kissen auf die Fensterbänke und hängte schwere Decken davor, sie hat den teppichartigen Stoff mit Ösen etwa 20 Zentimeter seitlich über dem Fensterbrett befestigt. Bei starkem Frost wuchsen Eisblumen an den Scheiben.


Wir Kinder haben damals nicht recht verstanden, was so besonders an den einfachen Lichterketten der Weihnachtsbeleuchtung in unserer Stadt sein sollte. Aber wir haben nicht gefragt, sondern es so genommen, wie es eben war. Wenn wir mit Uroma am Fenster saßen, hüllte sie uns in Geschichten von früher ein. Sie wusste noch genau, wann elektrisches Licht in die Kleinstadt kam und wann das Telefon, wer das erste Auto hatte, das muss kurz vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein, und welche Familie das erste Radio hatte, wusste sie natürlich auch. Immer waren ihr Mann und sie unter den ersten fünf.


Kurz nach der Jahrhundertwende hatten sie ihren Kolonialwarenladen eröffnet. Sie wusste 70 Jahre später noch, wer der erste Kunde war, wieviel damals ein Pfund Butter oder Kaffee gekostet hatte und wieviel eine Zigarre. Urgroßvater war Raucher aber am Anfang hatten sie kein Geld. Deshalb rauchte er nur eine Zigarre pro Tag. Weil er ein Feinschmecker war, nahm er nur die teure Sorte. Morgens rauchte er eine Viertelzigarre, mittags das nächste Viertel und am Abend dann den Rest. Besonders gern mochte ich die Geschichten, in denen Dienstboten vorkamen, ein Hausbursche und ein Hausmädchen. Die Kinder spielten den Angestellten Streiche, nähten dem Hausmädchen die Schürze zu, rührten Klebstoff in die Bartwichse des Hausburschen. Der muss sehr gelitten haben damals, es war Kaiserzeit und da waren Bärte wichtig. Später richtete mein Urgroßvater eine kleine Kaffeerösterei ein. Wenn er den Kaffee frisch geröstet hatte, ging er mit einer großen Dose durchs Haus, schüttelte die noch warmen Bohnen durcheinander und lüftete immer wieder den Deckel. Im ganzen weitläufigen Haus und natürlich auch im Laden roch es nach frischem, kostbarem Kaffee. Nirgends gab es so guten und frischen Kaffee wie bei uns, sagte Urgroßmutter.

Ich hockte hinter den kratzigen Fensterdecken und fraß Kekse bis mir übel war. Urgroßmutter erzählte jetzt aus ihrer Kindheit. Wie sie als Kind mit Holzpantinen zur Schule laufen musste. Sie ist im Harz aufgewachsen und wenn Schnee lag, kam sie mit den glatten Holzsohlen kaum den Berg hoch. Nachmittags schlitterte sie über die überschwemmten Wiesen im Tal und träumte davon, einmal im Leben Schlittschuhe zu besitzen. Sie hat niemals welche bekommen. Sie sprach von Eisblumen am Schlafzimmerfenster, wie ihr Bruder das Holz hacken musste und dass in dem Winter, als ihr Vater nicht mehr wiederkam, selbst am Heiligabend die Stube ungeheizt geblieben war. Sie hatte so viele Geschichten. Ich erfuhr, dass Uroma und Uropa unser Haus erst 1928 gekauft hatten. Das verwunderte mich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal einer anderen Familie gehört haben soll. Sie erzählte, wie sie ihrer jüngsten Tochter Hilde einen kostbaren Goldring lieh, es war für ein Rendezvous mit dem Sohn des Pfarrers. Die beiden jungen Menschen haben eine Kahnpartie gemacht und müssen sehr aufgeregt gewesen sein. Natürlich ist es nicht gut ausgegangen. Der Ring ist dem zarten Mädchen vom zu dünnen Finger gerutscht, der Pfarrerssohn hat aufgeregt mit dem Ruder im Wasser herumgewirbelt und alles noch schlimmer gemacht. Es gab Tränen und ein Riesendonnerwetter vom Familienoberhaupt. Uroma trauerte eigentlich heute noch dem Ring nach und nannte den Pfarrerssohn einen dummen Esel. Ich versuchte mir Tante Hilde bei dieser Kahnpartie vorzustellen. Das war nicht so leicht, denn inzwischen wog sie fast zwei Zentner, hatte große Zähne, dicke Patschehändchen und schneeweißes Haar. Mit dem Pfarrerssohn war es nichts geworden, Hilde hatte dann ihre Pläne von einer Karriere als Kirchenmuskerin begraben müssen, einen Krämer geheiratet und sich fortan reichhaltig ernährt. Ich mochte die Geschichte von dem Unglück im Kahn ganz gern.

Draußen schwankten die Lichterketten im Winterwind. Der wehte auch das Haus an, und dabei entstand ein sehr eigentümliches Geräusch. Die Wand war von außen mit Schieferplatten verkleidet. Der Wind fegte unter die Platten und ein vielstimmiges Klappern lief dann die Wand entlang. Draußen war es kalt und rau, wir saßen drinnen, Wind und Kälte konnten uns nichts, das Klappern der Schieferplatten schwoll zu einem Rauschen an. Ein Geräusch, nach dem man sich später sehnt.

Im dunkler werdenden Raum verschwammen die Fotografien ihrer beiden im Krieg gefallenen Söhne, wurden unwirklich, lebten vielleicht. Im Haus gegenüber ging das Licht in der Küche an. Die alte Nachbarin schlurfte herein, setzte sich an den Tisch, schmierte ein Brot und aß es mit langsamen Kaubewegungen, das weiße dauergewellte Haar fest wie Stahlwolle.


Die alten Frauen meiner Kindheit sind ausgestorben. Unsere Uroma hatte hüftlanges schneeweißes Haar. Sie flocht einen Zopf daraus und wickelte das ganze unter Zuhilfenahme eines dutzends Haarnadeln zu einem Nackenknoten auf. Eigentlich trug sie die Haare wieder so wie in ihrer Kindheit zur Jahrhundertwende, nur dass sie den kräftigen Zopf nun eben aufwickelte. Aber das habe ich damals natürlich nicht denken können. Als Uroma 85 wurde, ließ sie sich drei Trägerröcke schneidern. Einen blauen für Sonntags und zwei graue für den Alltag. Ich habe sie fortan in keinem anderen Kleidungsstück mehr gesehen. Den Kontakt mit der Gegenwart hatte sie irgendwann abgebrochen. Keine Zeitung, kein Radio, manchmal kam sie am Sonnabend zu uns ins Wohnzimmer und sah die Volksmusiksendung Der Blaue Bock an, mehr wollte sie vom heute nicht wissen.

Wenn die Lichterketten leuchteten, sagte sie uns wieder und wieder, wie schön jetzt unsere Straße wäre. Ich fand den Unterschied zu vorher gar nicht so groß und wusste nicht, warum sie sich so darüber freute.

Heute weiß ich, woran es gelegen haben kann. Sie war 1885 geboren. Da wird es in dem kleinen Dorf am Harz noch kein elektrisches Licht gegeben haben. Wahrscheinlich nicht mal Gaslicht. Die Winternächte müssen für das kleine Mädchen, das sie damals gewesen war, lang gewesen sein. Bei spärlichem Licht, stelle ich mir vor, nahm die Familie ihr Abendbrot ein. Wahrscheinlich war überhaupt nur ein einziger Raum beheizt. Die bedrohliche Winternacht fing nicht wie heute erst außerhalb der Orte, sondern schon auf dem Flur an. Kein warmes Wasser und abends schlüpften die Kinder in eiskalte Betten. Die Häuser ächzten und knarrten vom Frost und die Nächte hörten nicht auf. Vielleicht hat sie damals die Dunkelheit gefürchtet und auch das Frieren. Nach ein paar Jahren blieb unsere Urgroßmutter allein mit ihrer Liebe zur Weihnachtsbeleuchtung. Ich fand nämlich bald, dass Lichterketten ziemlich uncool sind.


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00:00 17.12.2004

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