Warum wir echte Kunstfreiheit brauchen

Gesellschaft Kommen Kulturschaffende in Deutschland noch ihrer kritischen Aufgabe nach? Unser Autor denkt über die Aktion #allesaufdentisch nach
Warum wir echte Kunstfreiheit brauchen

Collage: der Freitag, Material: Getty Images, iStock

Wer das „Theater am Rand“ im Oderbruch einmal besucht hat, weiß, dass es ein irgendwie magischer, aus Zeit und Raum gefallener Ort ist. Hinter dem Theater erstrecken sich endlos scheinende Felder. Die Oder ist nur einen Steinwurf entfernt. Der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann haben hier, am gefühlten Ende der Welt, im Jahr 1998 in einem Wohnzimmer begonnen, Theater zu machen. Bis heute hat sich etwas vom anarchischen Charakter ihres Projekts gehalten. Das „Theater am Rand“ verkauft keine Eintrittskarten, das Publikum bezahlt beim „Austritt“ das, was einem der Abend wert war. Für ihr Engagement sollten Rühmann und Morgenstern nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden. Doch das Bundespräsidialamt sagte die Auszeichnung kurzfristig ab. Eine Sprecherin erklärte, nach mehreren „Überprüfungsrunden“ habe es den „konkreten Hinweis“ gegeben, dass Morgenstern der „Querdenker“-Szene angehöre. Morgensterns Mitstreiter Rühmann wurde in Mithaftung genommen. Auch seine Würdigung wurde ausgesetzt. Alle anderen geladenen Künstlerinnen und Künstler erhielten dann wie geplant am 1. Oktober im Bellevue ihre Verdienstkreuze für ihr kulturelles Engagement während der Pandemie. Sie hatten die Gesinnungsprüfung offenbar gut überstanden.

Von Aktionen der Solidarität mit ihren beiden ausgeladenen Kollegen ist nichts bekannt. Aus Protest gegen die deutsche Pandemiepolitik, die der Kultur keinerlei Systemrelevanz attestierte, hatte die Münchener Künstlerin Hito Steyerl schon im September auf ein ihr zugedachtes Bundesverdienstkreuz verzichtet.

Zeitgleich zu dieser Ordensposse gingen andere KünstlerInnen mit der Initiative „Allesaufdentisch“ in die Öffentlichkeit, um mit Expertenvideos für die Idee eines Runden Tisches zu werben, der als interdisziplinäres Gremium die Corona-Politik der vergangenen Monate aufarbeiten soll. Rasch waren die Medien mit den üblichen „Querdenker“-, „Verschwörungstheoretiker“- und „Antisemiten“-Labels bei der Hand, um über die Aktion zu „berichten“, auch der Freitag fand in einem Kommentar auf der Titelseite wenig Gefallen daran. Ich selbst habe die Einladung zu einem Interview für die Aktion angenommen, weil ich das ehrliche Bemühen der Organisatoren, auf die Kunstkampagne „Allesdichtmachen“ eine Kampagne in konstruktiverer Form folgen zu lassen, schätzte und die Idee eines Runden Tisches bereits im Mai 2020 in dieser Zeitung ventiliert habe.

Zwei Tage nach der Aktion kamen in Berlin zahlreiche Filmschaffende zur Filmpreisgala zusammen. Spiegel Online berichtete, dass sich der Schauspieler Ulrich Matthes in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Filmakademie „überschwänglich bei der an seiner Seite auftretenden Kulturstaatsministerin Monika Grütters“ bedankte, „weil sie finanzielle Hilfen für viele aus der Branche auf den Weg gebracht“ habe. Mehr Stockholm-Syndrom ist kaum möglich. Da bedankt sich eine arg gebeutelte Berufsgruppe mit Ergebenheitsadressen bei der zuständigen Ministerin dafür, dass sie ihrer Aufgabe insoweit nachgekommen ist, als von dem riesigen durch die Corona-Maßnahmen verursachten staatlichen 650-Milliarden-Schuldenberg zumindest ein paar Steinchen, nämlich weniger als ein Prozent, in die klammen Hosentaschen der KünstlerInnen abgezweigt wurden. Zugegeben, 5 Milliarden Euro zusätzlich für die Kultur klingen recht eindrucksvoll, aber bei den besonders betroffenen Freischaffenden kommen davon nach meist aufwendigen Antragsverfahren oft nicht mehr als ein paar tausend Euro an. Doch Matthes’ Rede erinnerte im Duktus an eine wenige Tage vor der Berlin-Wahl geschaltete Zeitungsanzeige von 100 KünstlerInnen, die unter dem anbiedernden Motto „Den besten Kultursenator, den wir je hatten“ zur Wahl von Klaus Lederer aufrief.

Die Regisseurin Doris Dörrie nutzte ihren Auftritt als Laudatorin bei der Filmpreisgala für eine Breitseite gegen die KollegInnen, die es wagen, immer noch Kritik an den Mächtigen zu üben. Nein, es müsse eben „nicht alles auf den Tisch“, erklärte sie, um apodiktisch und sich selbst in einen logischen Widerspruch setzend zu ergänzen: „Niemand hat ein Recht, ein Virus zu verbreiten.“ Denn man muss kein Virologe sein, um festzustellen, dass das Risiko der Virenverbreitung während einer Pandemie in einem Saal mit 1.200 Menschen, selbst wenn diese geimpft und getestet sind, viel höher ist, als wenn man sich allein vor dem Bildschirm über das Internet mit einer anderen Person austauscht, wie es das Prinzip der „Allesaufdentisch“-Aktion ist. Spiegel Online meldet „keinerlei Widerspruch und heftigen Applaus“ für Dörries „Ansage“.

Fragt sich: Wer kommt hier eher der kritischen Aufgabe der Kunst in einer offenen Gesellschaft nach? Wer füllt die im Grundgesetz festgehaltene und garantierte Kunstfreiheit eher mit Leben? Die Akteure der Aktion „Allesaufdentisch“ oder die Claqueure der Filmpreisgala? Und wem ist das nächste Bundesverdienstkreuz wohl sicher?

René Schlott ist Publizist und Historiker. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Holocaustforschung

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06:00 17.10.2021

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