Was ein Leben wert sein kann

Crime "Homicide": Endlich liegt David Simons Report über den Alltag eines Morddezernats in Baltimore auf Deutsch vor, der viel mehr als die Keimzelle der Serie "The Wire" ist

Das Buch liegt gut in der Hand. 845 Gramm, auf fast ebenso viele Seiten verteilt. Ein geladener 38er-Revolver wiegt nur unwesentlich mehr: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen, ausgezeichnet in den Sachbuchkategorien der beiden wichtigsten US-Auszeichnungen für Kriminalliteratur.

Homicide ist die Keimzelle gleich zweier Fernsehserien, der gleichnamigen NBC-Serie und dem HBO-Flagschiff The Wire, ebenfalls von Simon entwickelt. Dabei schildert das Epos The Wire mit beachtlicher Komplexität und soziologischer Gründlichkeit den Niedergang einer US-Großstadt und stellt damit ein Politikum dar. Unterhaltsam ist es außerdem. Dank David Simons Tatsachenbericht als Vorlage schaffte es die davor wenig anspruchsvolle „Fernsehserie“ in höhere Dimensionen. Spätestens seit The Wire ist bewiesen, dass das Format eine literarische Dimension besitzen kann, etwas, das deutsche Fernseh-Verantwortliche sich dringend hinter die Ohren schreiben sollten. Vergesst doch endlich die werberelevante Zielgruppe, vergesst eure abgenudelten TV-Gesichter und Komödianten, vergesst die schottischen Klippen, Schafsherden und Landärzte; erzählt zum Beispiel von einem Dorf ohne Landarzt. Kümmert euch also endlich um das, was die Gesellschaft zusammenhält oder eben auseinanderdriften lässt.

Makabrer Humor

Wie in Homicide. Das Erstaunlichste daran ist, dass David Simon seinen Cops und Detectives bereits 1988 über die Schultern und dem Gewaltverbrechen in die Visage geschaut hat. Zum ersten Mal in der Geschichte des US-Journalismus ohne Beschränkungen. Einzig aus Sicherheitsgründen und ermittlungstaktischen Gründen musste Simon wenige Male außen vor bleiben. 1988, das klingt nach einer fernen Zeit, einer Zeit ohne Handys, Internet, GPS und all dem anderen die Dinge unnötig beschleunigenden Schnickschnack. Die Computer können nichts anderes, als die Namen von Verdächtigen ausspucken, und Filme werden auf VHS angeschaut. Einmal ist von einem „Pager“ die Rede, und ja, das gab es tatsächlich einmal: ein kleines Kästchen, das einem per Funk mitteilte, dass man schleunigst die angezeigte Telefonnummer anrufen sollte. In Baltimore beliebt bei Cops wie Drogendealern.

Dennoch wirkt dieses Baltimore des Jahres 1988 bei Simon ganz und gar nicht wie aus einer versunkenen Epoche. Sein unerbittlicher Blick in menschliche Abgründe – nie boulevardesk um Sensationen heischend, sondern beseelt von der besessenen Akribie des Wahrheit suchenden Chronisten – trifft vielmehr auf ein Bestiarium, wie es uns nur zu bekannt scheint. Simon beschreibt die Dumpfheit der Mörder, das Elend der Hinterbliebenen und die Qualen der Opfer mit hemdsärmliger Empathie. Auf der anderen Seite gelingt es ihm, jedem einzelnen Sergeanten und Detective ein kleines literarisches Denkmal zu setzen, so beschreibt er anschaulich deren Arbeitsmethoden und Charaktereigenschaften. Geschickt wird zwischen schnell gelösten Fällen („Dunkern“) und langwierigen, sich zum Teil über das ganze Buch ziehenden Untersuchungen („Whodonits“) gependelt. Wie nebenbei vermittelt er uns das Polizeihandwerk, wir wissen am Ende mehr über Verhöre (der Abschnitt über Verhörtechniken sei hiermit jedem Tatort-Autor ans Herz gelegt), Rechtsmedizin oder den alltäglichen Papierkrieg.

Und wir lernen den makabren Humor dieser Männer kennen. Der von feiner Lakonie wie von grimmigem Realismus durchzogene Text beschert uns dabei so schöne Sätze wie: „Er (der Detective) wird zum Vertreter, zum Hausierer, listig und sprachgewandt wie ein Gebrauchtwagenhändler oder ein Vertreter für Aluminiumverkleidungen, die er sogar in den Schatten stellt, wenn man bedenkt, dass er langjährige Gefängnisstrafen an Kunden verkauft, die eigentlich keinen Bedarf an diesem Produkt haben.“

Erfrischend auch, wie Simon neue Perspektiven für den an sich immer gleichen Vorgang findet, wenn ein Fall ins Rollen kommt; Morde im Drogenmilieu laufen fast schon nach einem rituellen Muster ab. Ein Streit um Geld oder Stoff, ein Wort gibt das andere, und schon blitzt eine Knarre oder ein Messer auf, und jemand bleibt auf dem nackten Asphalt liegen. Dann: Ein Telefon klingelt, ein Streifenpolizist ist dran, und eine Viertelstunde später stehen zwei Detectives um eine Leiche herum. Erst ab hier verästelt sich der Fall zu individuellen Tragödien.

In der Kampfzone

Je weiter Simon in den Moloch Baltimore eindringt, je genauer die Befehlsketten der Polizei und die Hierarchie der Straße durchleuchtet werden, je absonderlicher sich die Fälle entwickeln, desto deutlicher zeichnet sich eine genaue Milieustudie, mehr noch: ein überwältigendes Schlachtengemälde ab: Mit den Beamten stehen die letzten Vertreter eines gerade noch lebensfähigen Mittelstands den Heerscharen einer durch alle Netze gefallenen Unterschicht gegenüber. Wir befinden uns in einer Kampfzone, die sich seit 1988 beträchtlich ausgeweitet hat.

Aber David Simon kann uns vermitteln, dass ein Mord nicht einfach isoliert als singuläres traumatisches Ereignis über eine Gesellschaft hereinbricht. So wie er als Journalist „eingebettet“ war, sind die zuweilen schrecklichen und abscheulichen Ereignisse, über die er berichten muss, „eingebettet“ in eine erodierende Gesellschaft. Das Vakuum, das dieser Zerfall produziert, wird mit schlichter Barbarei gefüllt. 1988 ist eine Zeit des Übergangs. Der Kapitalismus wird härter, ein Jahr später setzt er sich schließlich weltweit durch. Hart ist auch Crack. Die Droge überschwemmt die Szene, und mit der Politik, die sich vorsätzlich aus der Verantwortung stahl, zementierte sie das Schicksal der überwiegend schwarzen Unterschicht. Denn selbstverständlich ziehen sich die Grenzen auch entlang der Ethnien. Drogenkriminalität und die damit verbundenen Gewaltdelikte werden überwiegend von Schwarzen verübt, die in den Getto-artigen „Project-Buildings“ leben.

Zwei Jahre nach Homicide wird sich David Simon mit The Corner dieser Neighbourhoods annehmen, indem er ein Jahr lang eine schwarze, von Drogenkonsum und -handel geprägte Familie begleitet (das Buch wird nächstes Frühjahr auf Deutsch erscheinen). Hier ist die Stimmung ständig an einem Siedepunkt. Bullen gegenüber (ob schwarz oder weiß ist dabei einerlei) ist man grundsätzlich misstrauisch, als Zeuge schweigt man beharrlich. Paradoxerweise wird also einerseits nicht mit der Polizei kooperiert, während man ihr jedoch andererseits vorwirft, sich keine wirkliche Mühe für die Aufklärung einer Mordtat zu geben, da es ja nur einen weiteren schwarzen Dealer erwischt habe.

Nicht mehr wert als ein wenig Bargeld

Kommt es zu einem polizeilichen Schusswaffengebrauch, kippt die Stimmung vollends. Der aufgestaute Hass bricht aus und erschwert die Arbeit der Ermittler, denen gegenüber Simon zwar die Distanz wahrt, die er jedoch spürbar bewundert für diese Arbeit. Ausgerechnet der in Baltimore einzige polizeiliche Schusswaffengebrauch mit tödlicher Folge für einen Schwarzen, der nie aufgeklärt wurde, bildet einen Hauptstrang in dieser Chronik und wird damit wenigstens dem Vergessen entrissen.

Uta Briesewitz, die Kamerafrau von The Wire, erzählte mir, dass sie nun, nach den Dreharbeiten, allergrößten Respekt für jeden empfindet, der es geschafft hat, sich aus dem Drogensumpf dieser (und jeder anderen) Stadt zu befreien. So wie man nicht einfach nur aus Schwäche oder einer pubertären Laune heraus drogenabhängig wird und zu dealen anfängt, so schwer hört man damit wieder auf. Es sind gesellschaftliche Mechanismen, die dich zwängen und nötigen. Und bestünde die Nötigung nur darin, dass es in deinem Umfeld keine Alternative gibt. Das gleiche gilt auch für die Gewaltverbrechen, die nicht direkt mit Drogen zu tun haben, Simons Panoptikum der Verrohung demonstriert es. In diesem Milieu ist Gewalt alltäglich und ein Menschenleben nicht mehr wert als das Bargeld, das einer gerade mit sich trägt, oder allenfalls die mickrige Versicherungspolice, auf die es abgeschlossen ist, wie einer seiner deprimierendsten Fälle offenbart.

Wenn für ganze Gesellschaftsgruppen über mehrere Generationen hinweg Gewalt zur gleichsam natürlichen Verkehrsform geronnen ist, ist etwas schiefgelaufen im viel beschworenen globalen Dorf. Ein Dorf, in dem an einem Ende an künstlicher Intelligenz gearbeitet wird, während am anderen barbarische Sitten herrschen. In so einem Dorf wird das Leben früher oder später für alle zur Hölle. Homicide ist die beindruckende Bestandsaufnahme der Kosten dieses Auseinanderdriftens und – gut getarnt unter einem von Sarkasmus durchtränkten Hardboiled-Style – ein Appell an uns Leser, diesen Prozess nicht einfach hinzunehmen. Zeichenhaft dafür steht die traurigste Geschichte des Buches, der Fall eines getöteten Mädchens, der bis heute ungelöst ist.

Homicide Ein Jahr auf mörderischen StraßenDavid Simon Kunstmann 2011, 800 S., 24,90

Marc Ottiker (geb. 1967 in Zürich) ist Regisseur (1/2 Miete) und Autor.

11:00 03.09.2011

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