Was kann Frau K. noch tun?

Arbeitslosengeld II und die Würde der Schutzlosen Ein Staat, der gebetsmühlenartig beteuert, in die Zukunft zu blicken, sollte seine Kinder nicht aufgeben

"Das Schlimmste an der Armut ist die Verachtung der Anderen", sagt Frau K. in Berlin-Lichtenberg, eine alleinerziehende Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Die Anderen sind die Nicht-Armen. Dabei nimmt die Zahl derer, die unter der Armutsgrenze, das heißt, mit weniger als der Hälfte des bundesdeutschen Durchschnittseinkommens auskommen müssen, beständig zu. Nach Zahlen des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) leben derzeit knapp 1,5 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Haushalten mit zumindest einem arbeitslosen Elternteil, der von Arbeitslosengeld II (ALG II) leben muss. 55 Prozent dieser Mütter oder Väter sind Alleinerziehende.

Besonders betroffen sind Kinder in Berlin, Bremen und Hamburg und den ostdeutschen Ländern. Dort ist fast jedes vierte Kind arm, in Berlin mit der schlechtesten Quote leben 27,9 Prozent aller Kinder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften mit ALG II. Die Zahl steigt, wenn man die Heranwachsenden hinzu rechnet, die weiterhin mit Sozialhilfe auskommen müssen, und diejenigen in Haushalten mit Arbeitslosengeld I (ALG I). Von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind immerhin 25 Prozent der Migranten. Rund 30 Prozent der türkischen Staatsbürger in Deutschland leben nach Angaben des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) unter der Armutsgrenze - weitere 35 Prozent nur knapp darüber.

Der Kinderschutzbund geht davon aus, dass bundesweit inzwischen 14,9 Millionen Kinder an der Armutsgrenze leben. Für die Kinder von Frau K. bedeutet dies, nach dem Schulsport nach Hause zu gehen, während die anderen noch zusammen Eis essen. Wandertagen fern zu bleiben, weil das Fahrgeld zu teuer ist. Oder Einladungen zu Geburtstagen auszuschlagen, weil ein Geschenk zu teuer wäre. Wenn sie krank sind, erst einmal abzuwarten und lieber nicht zum Arzt zu gehen. Und dankbar das warme Essen im Kinderklub anzunehmen - heute Kartoffeln mit Senfeiern für 20 Cent. Es bedeutet für die Kinder von Frau K., an den Rand der Gesellschaft geraten zu sein.

Studien über die Auswirkungen von Armut auf Kinder gibt es genug: Sie beklagen den Mangel von unterstützenden Netzwerken für eine soziale Integration, fehlende Bildungsmöglichkeiten, gesundheitliche Beeinträchtigungen, Vernachlässigung in Familien, Gewalt in Familien. Auch wenn den Armen von den "Anderen" recht gern die Defizite der Gesellschaft angehängt werden, zeigen die erwähnten Studien im Übrigen auch sehr klar, dass Gewalt und Vernachlässigung Kinder jeder sozialen Schicht treffen.

In der neuesten Ausgabe des Grundgesetzes, das landesweit in allen Schulen als Lehrmittel kursiert, schreibt der Bundespräsident a.D., Johannes Rau, im Geleitwort: "In Artikel 1 heißt es nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar, es heißt auch nicht, die Würde des Gesunden oder des gut Verdienenden, sondern es heißt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist (...) ein bleibender Auftrag und eine ständige Aufgabe für das Handeln aller politisch Verantwortlichen in unserem demokratischen und sozialen Rechtsstaat."

Aber gilt es nicht auch, die Würde der Schutzlosen zu schützen, besonders der Kinder? Politiker mögen noch so oft eine so genannte Versorgungsmentalität in Teilen der Bevölkerung beklagen - Kinder müssen versorgt, beschützt und ausgebildet werden. Wenn das die Eltern nicht können, sollte ein "sozialer Rechtsstaat" dafür einstehen und sich nicht damit abfinden, dass Kinder armer Eltern immer häufiger auch arm und von höherer Bildung verbannt bleiben. Dann darf nicht gespart werden an Schulen, Lehrerstellen, Lehrmitteln, dann müssen wieder kleine Klassen her und nicht Klassen mit über 30 Kindern, dann dürfen Kinder- und Jugendklubs, Beratungsangebote, Bibliotheken, Sportstätten, Schwimmbäder nicht geschlossen werden. Wirtschaftsverbände klagen über schlechte Bildung und Sprachdefizite von Auszubildenden - das zu ändern aber kostet Geld. Politiker neigen dabei in Verkennung der Realitäten häufig zu affektähnlichen Reflexen. Franz Müntefering - im Fernsehen nach den Ursachen für das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der PISA-Studie befragt - antwortet, ohne zu zögern: Die Eltern und die Schulen müssen mehr Leistung bringen.

Welche Mehrleistung aber soll der 14-jährige Paul bringen, der morgens allein aufsteht, weil die Mutter schon zur Arbeit gefahren ist, und nach der Schule bis zum Abend allein ist, weil die Mutter erst dann zurückkommt? Wann erhält er Hilfe in seiner Entwicklung? Und was kann Frau K. nach drei Fortbildungen noch tun, als sich immer wieder zu bewerben?

Und wo kommen die versprochenen Arbeitsplätze her? Weshalb verspricht man, was nicht gehalten wird? Zum Beispiel jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Nach Berechnungen des eingangs zitierten Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe waren im Januar 2005 635.017 junge Leute unter 25 Jahren arbeitslos - 27 Prozent mehr als im Vorjahr!

Ein Staat, der gebetsmühlenartig beteuert, in die Zukunft zu blicken, sollte seine Kinder nicht aufgeben. Junge Menschen sind sensibel für Stimmungen. So kursiert in den Schulen der wohlhabenderen Viertel Berlins ein neues Wort als Synonym für dumm: arm.


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00:00 15.04.2005

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