Wasserball taucht nicht auf

Sportplatz Kolumne

Die ZDF-Sportreportlegende Harry Valerien brachte es auf den Punkt. "Wenn Wasserballer übers Wasser gehen könnten, dann wäre es eine tolle TV-Sportart". Seit Harry Valeriens legendärem Satz zur Beziehung von Wasserball und Fernsehen sind zwar nunmehr zehn Jahre vergangen. Doch geändert hat sich eigentlich nicht viel. Wasserball taucht im Fernsehen noch immer nicht auf. Allenfalls zu Olympischen Spielen oder auf Weltmeisterschaften kann man etwas von der mitunter recht hart geführten Ballsportart auf der Mattscheibe mitbekommen. Demnächst etwa, wenn ab Mitte März in Melbourne die Schwimm-Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Die deutsche Wasserball-Nationalmannschaft hat sich mal wieder für das Großereignis qualifiziert. In Australien strebt sie mit einem dritten Rang die direkte Olympiateilnahme in Peking 2008 an.

Wasserball ist eine heimliche Konstante im Deutschen Schwimmverband: Die Sportler sind irgendwie immer dabei, meistens auf den vorderen Rängen platziert, aber ohne echte Strahlkraft und Star-Power. Selbst bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen bestimmen fast ausnahmslos die Schwimmer die Schlagzeilen, auch abseits der Becken. Die beiden anderen im Deutschen Schwimmverband organisierten olympischen Sportarten, nämlich die Springer und Wasserballer, führen indes das klassische Leben einer Randsportart, medial wenig beachtet, mitunter sogar milde belächelt.

Nicht mehr als 20.000 Menschen betreiben in Deutschland Wasserball als Wettkampfsport. Zu Bundesligaspielen kommen oft nicht mehr als hundert Zuschauer. Dabei steckt eine Menge Handball im Wasserball. Im Handball wie im Wasserball fallen viele Tore in einem sehr schnell geführten Spiel zwischen meist überaus kräftig gebauten Männern und Frauen mit breiten Schultern. In beiden Sportarten wird zudem viel gefoult. Wenn Wasserballer nach ihren Matches aus dem Wasser steigen, schauen sie nicht viel anders aus als Boxkämpfer nach einem intensiven Zwölf-Runden-Fight. Sie sind förmlich angeschlagen.

Nun hat es der Handball zumindest während der WM in Deutschland geschafft, aus seinem TV-Schattendasein zu treten. Denn wenn eine Sportart in Deutschland sich nachhaltig etablieren möchte, muss sie im Fernsehen zu sehen sein. Zwar hat der Deutsche Schwimmverband die Übertragungsrechte exklusiv an die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF veräußert. Doch Wasserball wird deshalb noch lange nicht gesendet. Damit beginnt der Teufelskreis, den Bundestrainer Hagen Stamm einmal so beschrieben hat: "Ohne Fernsehen keine Sponsoren, ohne Sponsoren kein Erfolg, ohne Erfolg kein Fernsehen." Das klingt nicht gerade zukunftsträchtig. Und weil sich das Fernsehen nicht ändert, ändert man sich lieber gleich selbst. Oder besser, seine Spielregeln. Dadurch soll eine Sportart für die Zuschauer attraktiver gestaltet werden. Volleyball, Tischtennis und andere Sportarten haben in den vergangen Jahren ihr Regelwerk bereits umgeschrieben. Immer von der Hoffnung getragen, fernsehkompatibel zu werden.

Auch die Wasserballer waren nicht untätig. Statt in 35 Sekunden muss ein Angriff nun bereits fünf Sekunden früher mit einem Torwurf abgeschlossen werden. Einen Eckball gibt es nur noch, wenn der Torhüter einen Ball zur Seite abwehrt; befördert ihn ein Verteidiger ins Aus, kann heute sofort wieder angegriffen werden. Und Abwehrspieler dürfen lediglich mit einer erhobenen Hand einen Torwurf blockieren statt wie früher mit beiden.

Die ersten Hoffnungen der Wasserball-Verantwortlichen auf eine Veränderung des Spiels haben sich erfüllt; so fallen jetzt deutlich mehr Tore. Das Spiel ist wesentlich schneller und dynamischer geworden. "Es geht hin und her", würden Sportreporter im Fernsehen dazu sagen. Wasserball ist damit anderswo schon fernsehtauglich geworden. In Italien zeigt der staatliche TV-Sender RAI seit dieser Spielzeit jeden Mittwoch das Wasserball-Spitzenspiel der italienischen Liga. In den Wasserballnationen Griechenland, Spanien, Serbien und Ungarn ist der Sport ebenfalls im Fernsehen präsent. Diese Entwicklung gibt auch den deutschen Wasserballern berechtigten Anlass zur Hoffnung.


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