Wassermusik, Welle für Welle

Durchflutet Wie die Saxofonistin Matana Roberts ihre amerikanische Gegengeschichte fortschreibt
Wassermusik, Welle für Welle
Liefert das Soundmaterial der Südstaatengegenwart: Matana Roberts

Foto: Matthew Eisman/Getty Images

Jazz, schwarze Kulturgeschichte, Bürgerrechtsbewegung: Im Elternhaus von Matana Roberts wurde auf die Vermittlung des kulturellen Erbes großen Wert gelegt. „Sun Ra war ein wichtiger Teil meiner Kindheit“, sagte die Saxofonistin einmal über diesen Mythos des Jazz, „als Jugendliche konnte ich den Namen irgendwann nicht mehr hören.“ Als Akt der Rebellion gegen ihre Herkunft befasste sich Roberts, geboren 1978 in Chicago, mit klassischer Musik, aber auch mit Punk, Postrock und Riot Grrrl. Sie musste feststellen, dass schwarze, weibliche Role Models in diesen Szenen nicht vorkamen. So begab sie sich schließlich doch auf die familiär vorgeprägte Spurensuche.

Coin Coin Chapter Three: River Run Thee ist nun das dritte Album eines auf zwölf Kapitel angelegten Zyklus: Matana Roberts’ amerikanische Gegengeschichte, ihre Erzählung von Sklaverei, Bürgerrechtsbewegung, afroamerikanischer Tradition und Musikgeschichte von Blues über Jazz bis hin zum HipHop.

Dem klassischen Jazz-Fan wird River Run Thee wenig sagen, das Album basiert hauptsächlich auf Field Recordings, die Roberts 2014 während einer einmonatigen Reise durch die Südstaaten aufzeichnete, aus Interviews, Sounds der Landschaften und historisch besetzten Orten, ergänzt um Improvisationen auf ihrem Altsaxofon und ihrer Stimme.

Sklavenschiffertagebuch

Gens de Couleur Libres (2011), das erste Kapitel, beschrieb afroamerikanische Sklaverei-Erfahrungen, die sich aus dem familiären wie auch dem kulturellen Gedächtnis speisten, musikalisch zwischen Free Jazz und Spiritual, während das zweite Kapitel Mississippi Moonchile (2013) sich musikalisch wie auch inhaltlich der Nostalgie hingab und in kleiner Jazzbesetzung vom afroamerikanischen Leben in den Südstaaten in der Mitte des 20. Jahrhunderts erzählte.

Mit River Run Thee, ihrer ersten reinen Soloarbeit im Coin Coin-Zyklus, begibt sie sich über die Arbeit mit dem Soundmaterial der Südstaatengegenwart weit zurück in die Geschichte und tief hinein in das, was der britische Theoretiker Paul Gilroy als den „Black Atlantic“ bezeichnet hat: der Atlantik als Metapher für ein historisches, kulturelles und politisches System, das im Prozess der Versklavung von Afrikanerinnen und Afrikanern entstanden ist. Gilroy versucht damit, den hybriden Charakter schwarzer Kultur zu beschreiben, der sich durch permanenten Austausch auszeichnet und sich im Gegensatz zur Vorstellung einer nationalen Kultur nicht mehr an Landesgrenzen festmachen lässt. Die sich überkreuzenden Erfahrungen und Geschichten, auf die Gilroy abzielt, stehen auch bei Matana Roberts im Mittelpunkt. Sie schichtet ein eingesungenes, 200 Jahre altes Tagebuch eines Sklavenschiffkapitäns über Fragmente bekannter Melodien wie Star-Spangled Banner oder All the Pretty Horses, Samples aus einer Rede von Malcolm X über ein Interview, das sie mit der Obdachlosen Gertrude aus Jackson, Mississippi, geführt hat.

Unterlegt ist dieser Strom an Geschichten von wellenartigen Sounds, herannahenden Fluten aus Saxofonimprovisationen und Samples, die sich im Finale zu einer bedrohlichen Kakophonie steigern. Eine Erlösung will Roberts ihren Zuhörern nicht anbieten, ihre Alben bleiben eine Herausforderung, ein Gesamtkunstwerk, das man sich Schicht für Schicht oder Welle für Welle erschließen muss.

Album

Coin Coin Chapter Three: River Run Thee Matana Roberts Constellation 2015

06:00 25.02.2015
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