Welche Kulturrevolution?

Film China tut sich mit seinem Filmerbe schwer: Das Kino der Mao-Jahre soll vergessen bleiben – wie eine Gruppe Berliner Cineasten erfahren musste

Chinesisches Independent-Kino ist angesagt. Seit einigen Jahren finden diese Filme ihren Weg in die europäischen Kinos. Lou Yes Shouzou River etwa, eine Liebesgeschichte in Shanghai. Der Protagonist, ein Motorrad-Kurier, filmt mit einer Digitalkamera seine Umgebung: die anonyme Stadt, den verdreckten Fluss. Shouzou River erzählt mit seinen dokumentarischen Mitteln vom schlechten Leben in einer überbevölkerten und maroden chinesischen Großstadt, die an einem Fluss liegt, der der Industrie zum Opfer gefallen ist.

Der Film ist nicht gerade das, was man sich unter einem Propagandafilm vorstellt. Propagandafilme aber sind es, die man aus einem Land erwartet, von dem man immer liest, es sperre unter falschen Anschuldigungen seine dissidenten Künstler ein und verbiete ihnen hinterher darüber zu reden. Dem gegenüber machen auf europäischen Festivals immer wieder Dokumentarfilme, auch kritische, von sich reden. Prominent ist das „Village Documentary Project“, bei dem chinesische Landbewohner ihr Dorfleben portraitieren und alternative demokratische Organisationsformen diskutieren. Soweit so gut. Ein repressiver Staat allerdings muss irgendwo auch mal repressiv eingreifen. Solche Maßnahmen bleiben dann unverständlich.

So unverständlich wie die Vorsicht im Umgang mit der eigenen Filmgeschichte. Scheinbar scheint sich kein Offizieller daran zu stören, dass aktuelle chinesische Filme im Ausland nationale Probleme thematisieren. Umso erstaunlicher wirken die Probleme, die die Berliner Gruppe The Canine Condition bei der Vorbereitung ihrer Reihe „Ein Lied um Mitternacht“ zur chinesischen Filmgeschichte von den dreißiger Jahren bis zur Kulturrevolution im Arsenal Kino mit dem Pekinger Archiv zu erfahren hatte.

Die Planungen begannen im Sommer 2010. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass eine bestimmte Phase des chinesischen Kinos vollkommen aus dem Bewusstsein verschwunden war: das Kino des Bürgerkriegs und des Maoismus. Sowohl in China als auch im Rest der Welt wurde es vergessen. Womit kann das zusammenhängen? Das Kino der Mao-Jahre gilt allgemein als Propaganda. Doch der Begriff ist schwierig. Denn jedes gute Kunstwerk weist ästhetisch über seine Message hinaus. Beispielsweise Shui Huas The Lin Family Shop von 1959, ein programmatischer, antikapitalistisch intendierter Streifen, der Elend und Untergang eines Familienunternehmens zur Zeit der japanischen Invasion zum Thema hat.

„Wie weit die systemischen Probleme Probleme des Kapitalismus sind, ist eine Frage, zu der sich Shui Hua nicht wirklich verhält. Ganz im Gegenteil setzt er in den Verkaufsszenen die Lust am reinen, ‚marktradikalen‘ money making vor seiner Korruption durch Monopolisierung und Polizei mit erstaunlicher Sympathie ins Bild. Dass eine solche Unterscheidung einer marxistischen Kritik nicht standhält: klar. Umso interessanter, dass der Film sie dennoch trifft“, schreibt Lukas Foerster auf thecaninecondition.net. Wie erfährt man von der Existenz interessanter Filme, die seit geraumer Zeit nicht mehr präsent sind? „Einige von uns haben auf einem Festival in Rotterdam solche frühen Filme gesehen. Darüber hinaus werden im Netz DVDs mit chinesischen Klassikern angeboten, eine Internet-Plattform für Kinoverrückte mit dem Namen karagarga.net hat auch geholfen, an diese Filme ranzukommen“, erzählt Cecilia Valenti von der Kuratoren-Gruppe.

Das Archiv in Peking

So sind die Filme, die in Berlin gezeigt werden, so etwas wie ein Kanon des chinesischen Kinos vor der Kulturrevolution. Canine Condition lag viel daran, für ihre Filmreihe Kopien in 35mm zu verwenden, keine digitalisierten Formate. Filmische Ästhetik verändert sich mit dem Format. Die Suche nach Filmkopien in 35mm erwies sich als äußerst schwer, denn keines der internationalen Filmarchive verfügte über diese Filme, nicht einmal die renommierten Archive in Rom und Bologna. Die chinesische Filmproduktion war national orientiert, für den internationalen Markt wurde nicht produziert.

Die einzigen auffindbaren Kopien aller gesuchten Filme befanden sich im China Film Archive Peking. Für die Kuratoren war das erst einmal ein Schock: „Wir mussten realisieren, dass in der Zusammenarbeit mit dieser Institution unsere einzige Chance bestand, die Reihe zu realisieren. Dass stellt eine riesige Gefahr dar, denn wenn die Zusammenarbeit mit dieser Institution nicht funktionieren sollte, kann man das Projekt begraben“, erzählt Valenti. Tatsächlich ließ das Pekinger Archiv monatelang auf eine Antwort warten, nachdem eine erste Anfrage nach den gesuchten Kopien gestellt wurde. Die erste Antwort fiel dann auch recht harsch aus: Man solle zunächst den Titel der Reihe ändern. Die hieß zu diesem Zeitpunkt noch „Before the Revolution“. Besonders Filme aus der Zeit der Kulturrevolution, so die klare Ansage der Archivare, würden auf keinen Fall verliehen. Angedacht war es, die Entwicklung des chinesischen Films bis zur Kulturrevolution und darüber hinaus zu zeigen. Über die Kulturrevolution allerdings möchte man im Ausland heute nicht mehr sprechen, aus Imagegründen. Denn das Bild, welches das offizielle China von sich zurzeit vermittelt, ist das eines wirtschaftlich erfolgreichen und innovativen Landes.

Das Projekt schien zunächst gescheitert. Auf weitere Nachfragen meldete sich das China Film Archive nicht mehr. Das Arsenal-Kino vermittelte schließlich den Kontakt zu Fang Yu, einem chinesischen Regisseur. Yu übernahm die Kommunikation, wodurch einiges leichter wurde. „Ich denke, es war eine psychologische Sache. Uns gegenüber waren sie misstrauisch. Sie fragten sich, was diese komischen Leute aus dem Westen von ihnen wollen und witterten antichinesische Propaganda“, glaubt Valenti. Trotz einer gewissen Offenheit verlief die weitere Auseinandersetzung schleppend, jeden Monat gab es eine Mail. Die Filmrollen sind mitterweile da. Am 1. März läuft die Reihe im Kino Arsenal an.

Mehr zum Programm von „Ein Lied um Mitternacht – Chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964“ auf arsenal-berlin.de Radek Krolczyk schrieb im Freitag zuletzt über das Westberlin-Buch von Wolfgang Müller

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

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01:00 14.03.2013

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