Wem die Stunde schlägt

Nicht in Berlin Im Viertel Gulou treffen sich das alte und das neue Peking. Nun soll dort queeres Kino gezeigt werden
Merle Groneweg | Ausgabe 38/2015

In der Gulou Dongdajie, der „großen Straße östlich des Trommelturms“, hängen an manchen Geschäften noch die roten Nationalflaggen Chinas. Ein verordneter Patriotismus anlässlich der Militärparade Anfang September. Kleidungs- und Musikläden reihen sich an Restaurants und Cafés. Es gibt hier vegane Hot Dogs, E-Gitarren, japanisches Geschirr und südkoreanische Mode. Nachts spielen chinesische Punkrock-Bands im „Mao Livehouse oder der Temple Bar, heruntergekommene Orte jenseits des glamourösen Peking. Getanzt wird auch im Club Dada. Zwischen Wänden aus Beton und Metallrohren an der Decke legen DJs elektronische Musik auf. Wer dann im Morgengrauen heimfährt, sieht bereits die lao beijingren, die alten Pekinger, durch ihre Gassen laufen und den Tag beginnen.

Die zweispurige Gulou Dongdajie läuft durch jenes historische Peking, das auf Postkarten abgebildet wird und als Kulisse dient für den Konsum der wachsenden urbanen Mittelschicht. Von beiden Seiten der Straße aus kann man sich in hutongs, den engen Gassen mit ihren traditionellen Wohnbauten, verlieren. In die siheyuan, die einstöckigen Häuser mit Innenhof, ziehen Cafés und Bars ein. Wo in anderen Vierteln nur noch Shopping Malls, Airbnb-Penthouses, gläserne Hochhäuser und riesige Wohnanlagen stehen, ist hier das alte Peking samt seiner Bewohner noch nicht verdrängt.

Lieber erst mal kein Festival

Denn in den hutongs wohnen vor allem jene, die von der Privatisierung des Wohnraums Ende der 1990er verschont geblieben sind und noch immer eine niedrige Miete an den Staat zahlen – mitten im Zentrum einer der teuersten Städte der Welt.

Das kosmopolitische Peking wird jedoch längst im alten spürbar: Bei Zarah, einem Café im schicken hutong-Grau auf der Gulou Dongdajie, kostet der Milchkaffee 45 Yuan, 6,30 Euro. Fast alle Plätze sind belegt, locals wie expats sitzen beieinander oder an ihren Laptops. An den Wänden hängen die Bilder junger Künstler. Hier treffe ich Jenny Man Wu, Filmemacherin und Direktorin des Beijing-Queer-Filmfestivals. Sie ist gerade zurück vom Helsinki-Festival, dort wurde ein von ihr kuratiertes Programm gezeigt. Man merkt der 31-Jährigen in Jeans und T-Shirt aber weder Jetlag noch Stress an.

Sie erzählt von den Vorbereitungen für die queere Filmwoche in Peking: Wenn alles gut geht, läuft der erste Film am 17. Oktober. Tatsächlich hätte das Festival bereits Anfang September stattfinden sollen – aber dann wurde jene Militärparade angekündigt, mit der Chinas Präsident Xi Jinping das 70-jährige Ende des „antijapanischen und antifaschistischen Krieges“ feierte. Die Filmaufnahmen von Soldaten und Panzern laufen weiter in Dauerschleife auf den U-Bahn-Fernsehern.

Für Großveranstaltungen dieser Art wird die Hauptstadt regelmäßig lahmgelegt – und der Alltag der Bewohner massiv eingeschränkt. Zu den offiziellen Restriktionen im Straßenverkehr kommt ein diffuses Gefühl der Unsicherheit. Was in der Stadt politisch ohnehin schon als mingan, als „sensibel“ gilt, wird in den Wochen vor und während solcher gigantischer Ereignisse besser gänzlich unterlassen. Und auch ein queeres Filmfestival ist ein Politikum.

Grüner Tee mit Regenbogen

Die Veranstaltungen des Beijing-Queer-Filmfestivals werden in sozialen Netzwerken unter dem Namen „Love Queer Film Week“ angekündigt. Was das für einen Unterschied mache? Schon das Wort „Woche“, erklärt Jenny Man Wu, klänge weniger nach organisierter Zusammenkunft als der Begriff „Festival“, der im Chinesischen auch „entfalten“ und „offenlegen“ bedeuten könne. Als Orte für die Filmvorführungen dienen mitunter die Räume ausländischer Botschaften und Kulturinstitute.

Die Geldgeber des Festivals seien vor allem ausländische Organisationen, was die Situation nicht vereinfache: Der Vorwurf des Fremdsponsorings wird von den Behörden so vermengt mit der Behauptung, queer sei nichts Chinesisches. Dabei demonstrieren viele Gulou-Bewohner das Gegenteil. Im Fangjia Hutong, zehn Gehminuten von Zarah entfernt, bietet das Lesecafé Shuangcheng Ruhe vor dem Lärm der Stadt. Zu klassischer Musik wird grüner Tee serviert. Kleine Regenbogenflaggen liegen neben Flyern, die über Aids-Vorsorge informieren. Hier möchte Jenny Man Wu während der Festivalwoche eine Art queere Videothek installieren, also einen Computer, mit dem man Zugriff auf das gesamte Filmprogramm hat.

„Gulou ist ein guter Ort dafür“, sagt sie, „es ist mitten in Peking, und hier hängen junge Leute herum, die anders leben wollen.“ Sie beklagt zugleich die nicht aufzuhaltende Kommerzialisierung. Vor ein paar Jahren gab es sogar Pläne, das Viertel abzureißen. Man Wu betrieb damals selbst eine kleine Galerie, einen Ort für Theater und Kunst, doch dafür gäben die Leute hier dann doch kein Geld aus – und die Miete sei zu teuer. Nur Cafés, Bars und Geschäfte könnten sich heute noch halten. Ich laufe durch die Gassen, bis der rote Trommelturm in Sichtweite ist, der Gulou, der dem Viertel seinen Namen verleiht. Zu Kaiserzeiten wurde hier die Uhrzeit verkündet.

Um die Ecke betreibt Xiaomi ihre Boutique Equal, seit April verkauft die 30-jährige Transfrau hier Vintageschuhe und -kleider. Früher hat sie als Maskenbildnerin gearbeitet, nun möchte sie anderen mit ihrer Mode ermöglichen, sich auf individuelle Weise auszudrücken. Und das in einer Stadt, die von Ketten wie Zara, H&M und dem japanischen Uniqlo dominiert wird. Gulou aber mit seinen Alteingesessenen befriedigt nicht nur die Sehnsucht nach Alternativem, sondern bewahrt das Vergangene. „Es vereint das moderne und traditionelle Peking“, sagt Xiaomi. Wenn sie Ruhe suche, gehe sie in einen Tempel in der Nähe. Im Gebäude gegenüber ihres Geschäfts werden gerade große Fenster angebracht, ein Tresen zusammengeschraubt, noch eine Bar entsteht. Und an der Straßenecke spielen alte Männer Karten, eine chinesische Variante von Poker.

06:00 30.09.2015

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