Wem nützt eine neue Weltspaltung?

Einschwörung auf ein islamisches Feindbild Die Pressefreiheit ist nicht erdacht worden, um die Kränkung religiöser Gefühle zu legitimieren

Als nach dem 11. September 2001 eine neue Spaltung der Welt nach derjenigen des Kalten Krieges drohte, meldeten sich sofort besorgte Ratgeber mit Vorschlägen, dieser Gefahr entgegenzuwirken. Psychologen, Sozialforscher und Politikwissenschaftler aus Kanada, den USA und Europa beschworen Washington, zwar die al-Qaida-Terroristen und ihre Helfershelfer unnachsichtig zu verfolgen und zu bestrafen, aber um Himmelswillen keinen Kampf der Kulturen in Gang zu setzen. Weder sie fanden Gehör noch Ex-Bundespräsident Johannes Rau, der riet: "Wir sollten im Westen mehr als bisher bereit sein, die kulturellen Identitäten anderer Völker zu achten. Wir sollten uns bemühen, deren Vorstellungen und Forderungen an uns zu akzeptieren."

Noch sehr viel deutlicher wurde damals der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2005. Er schrieb: "Der Westen hat leider keine Vorstellung von dem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen." "Heute" - so fährt Pamuk fort - "ist das Problem des Westens weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse, welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr, die seelische Verfassung der Armen, Erniedrigten und stets im ›Unrecht‹ stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt."

Die verschiedenen Mahner verkannten, dass der Bush-Regierung gar nicht an einer Eingrenzung des Konflikts, vielmehr umgekehrt an einer umfassenden Offensive gegen islamische "Schurkenstaaten" gelegen war. So kam es zur Proklamierung des Kreuzzug-Krieges und zu dem Desaster im Irak, wo der islamistische Terrorismus, den es dort gar nicht gab, erst durch den Krieg entfesselt wurde. Auch im Iran, wo sich bereits eine reformwillige Opposition rührte, lebte der anti-amerikanische Hass wieder verschärft auf, der dort seit 1953 schwelte, als die CIA das demokratische Mossadegh-Regime in Teheran gestürzt hatte.

Nun aber kommt den Islamisten der Karikaturenskandal wie gerufen. Natürlich sind bei den Ausschreitungen in der gesamten islamischen Welt Inszenierungen im Spiel. Aber funktionieren können diese Inszenierungen nur, weil reichlich aufgestauter Hass bereit liegt. Tatsächlich war im Westen seit dem 11. September nichts geschehen, um die interkulturelle Spannung in der von Johannes Rau und Orhan Pamuk gewiesenen Richtung zu entschärfen.

Alle wissen um die zentrale identitätsstiftende Rolle der Religion für die islamischen Völker und deren Idiosynkrasie. So war diesbezügliche Rücksichtnahme aus Anstand und politischer Zweckmäßigkeit angesagt. Nun kam es zu dem Eklat durch die Karikaturen. Empfohlen hätte es sich, dem korrekten Hinweis auf die Pressefreiheit ein deutliches Bedauern voranzustellen. Stattdessen konnte das vielfache Nachdrucken der Mohamed-Karikatur doch in der islamischen Welt nicht anders gedeutet werden als ein trotziges Auftrumpfen: "Nun erst recht!" So als wäre die Pressefreiheit geradezu erdacht worden, um die Kränkung religiöser Gefühle zu legitimieren. Aber es geht hier nicht um Rechthaben, sondern um Deeskalation oder Anheizen der interkulturellen Spannungen. Die Redaktionen haben getan, was sie durften, dennoch besser unterlassen hätten. "Es gibt bessere Wege, Pressefreiheit zu demonstrieren", schreibt der Londoner Independent. Der Guardian nennt die Veröffentlichungen "eine falsche Entscheidung. Sie sind provozierend und spielen in die Hände islamistischer Extremisten und Hassprediger."

Der ganze Aufwand an geheimdienstlicher, polizeilicher und technischer Prävention von Terroranschlägen wird zur Farce, wenn diesen gleichzeitig psychologisch alle Wege geebnet werden. Dennoch konnte die gerade abgelaufene Münchener Sicherheitskonferenz nicht den Eindruck vermeiden, dass manche einer neuen Kulturspaltung und Einschwörung auf ein islamistisches Weltfeindbild doch einiges abgewinnen können - die Aussicht auf eine diesmal geschlossene transatlantische Kriegsfront und nebenbei die weitere Ablenkung von den ungelösten Problemen der ungerechten neoliberalen Globalisierung. Auf der anderen Weltseite gäbe es künftig nicht mehr Tausende von Atomraketen, dafür Zigtausende von rekrutierten menschlichen Bomben.


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00:00 10.02.2006

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