Michael R. Krätke
20.05.2009 | 05:00

Wenn alle nützlich sind

Spanien Die Genossenschaft Mondragón ist der pure Anachronismus: Sie setzt auf Solidarität. Doch die Kooperative hat schon einige Krisen überstanden und ist auch nun erfolgreich

Kennen Sie Oppenheimers Gesetz? Es besagt: Auf lange Sicht gehen selbstverwaltete Genossenschaften pleite oder verwandeln sich in gewöhnliche kapitalistische Firmen. Formuliert wurde das Gesetz nach der Erfahrung der ersten Großen Depression Ende der zwanziger Jahre, als Genossenschaften massenhaft untergingen.

Eines der erfolgreichsten Genossenschaftsexperimente aller Zeiten kann man im Baskenland, etwa 50 Kilometer von Bilbao entfernt, besichtigen. Die Mondragón Corporacion Cooperativa (MCC) ist die größte Genossenschaft der Welt (mit 103.000 Beschäftigten, davon 84.000 Genossenschaftern), das siebtgrößte Unternehmen Spaniens und das mit Abstand wichtigste im Baskenland. Seit den Anfängen 1955 – noch unter Franco – hat die Kooperative viele Krisen durchlebt. Und sie wird wohl auch diese Weltkrise überstehen und Franz Oppenheimer erneut Lügen strafen. Für Mondragón gilt: Jeder, der die Prinzipien der Genossenschaft teilt und über die nötigen Qualifikationen verfügt, kann beitreten. Nicht alle Mitarbeiter müssen Genossenschafter sein, aber alle am Kapital der Genossenschaften Beteiligten sollten auch in einem der 88 Genossenschaftsbetrieben arbeiten.

Eigene Bank

Wer Genossenschaftsmitglied ist, hat bei Mondragón gleiche und volle Mitbestimmungsrechte sowohl im Betrieb als auch im Gesamtunternehmen. Ihm stehen Sitz und Stimme in der Vollversammlung der Genossenschaft zu, quasi der letzten Instanz. Mindestens einmal pro Jahr muss eine Hauptversammlung in jedem Betrieb stattfinden. Dabei kann jeder Genossenschafter in den Vorstand oder Sozialrat gewählt – oder abgewählt werden, denn unkontrollierbare Macht darf es nicht geben bei dieser Assoziation.

Die Hauptversammlungen sind im Moment der Ort, an dem über Krisenstrategien befunden wird. Die Rezession in Spanien lässt auch Mondragón nicht unberührt, doch wird Überleben gesichert, indem genau das nicht geschieht, was normale kapitalistische Unternehmen in Krisenzeiten für rational halten: Entlassen, Sparen, Streichen, Betriebe schließen. Denn im Großen wie im Kleinen bilden die Genossenschaften eine Solidargemeinschaft, sie verwenden ihre Gewinne, um einzelnen Betriebe wie das ganze Unternehmen zu stärken. In Krisenzeiten werden deshalb Arbeitsplätze erhalten, die erworbene Qualifikation der Mitglieder als höchstes Gut betrachtet, das man nicht einfach behandelt wie in der Vergeudungsökonomie des alltäglichen Kapitalismus üblich.

Unter dem Dach der Mondragón Corporacion Cooperativa gibt es einen Solidaritätsfonds und eine eigene Bank, die Caja Laboral, dazu eine Sozialversicherung, Berufsschulen, eine Universität. Derzeit ist im Statut fixiert, dass jede Einzelgenossenschaft 20 Prozent ihres Nettogewinns an den jeweiligen Branchenverband abführt. Zehn Prozent gehen an einen gemeinsamen Investitionsfonds von Mondragón, zwei Prozent an den Bildungs- und noch einmal zwei Prozent an den Solidaritätsfonds. Vom Rest werden zehn Prozent an den Sozialfonds abgeführt, 45 Prozent des Gewinns fließen in die Rücklagen und Reserven der Genossenschaft. Was bleibt, kann als Gewinnanteil den Kapitalkonten der Genossen gutgeschrieben, aber nicht individuell ausgezahlt werden, solange man Mitglied in der Genossenschaft ist.

Wie gesagt, von Anfang an galt das Prinzip, niemanden zu entlassen; wohl werden Mitarbeiter von einem Betrieb zum anderen umgesetzt, um Unterbeschäftigung zu vermeiden. Wenn irgendwo Arbeitsplätze verloren gehen, dann muss die Kooperative als Ganze dafür sorgen, dass die „freigesetzten“ Genossen in einem anderen Betrieb weiter arbeiten können. Im Gegensatz zur üblichen Praxis werden kriselnde Betriebe, die unter den Druck der internationalen Konkurrenz geraten, nicht geschlossen, sondern so umstrukturiert, dass sie weiter bestehen können. So ist Mondragón als Jobmaschine durchaus erfolgreich (auch bei Tochtergesellschaften im Ausland). In Spanien beträgt die Arbeitslosigkeit heute über zehn Prozent. Im Baskenland liegt sie – auch dank Mondragón – unter vier Prozent.

Gemessen an dem, was heute im real existierenden Kapitalismus so üblich ist, zahlen sich die Genossenschafter atemberaubend egalitäre Löhne nach dem Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ für Männer und Frauen (in Deutschland sind wir davon weit entfernt). Es gibt eine Lohnspreizung, über deren Ausmaß öffentlich diskutiert und entschieden wird. Zu Anfang war die Lohnspreizung – das Verhältnis zwischen niedrigsten und höchsten Löhnen – auf 1 : 3 beschränkt, in befristeten Ausnahmefällen auf 1: 4,5. In den neunziger Jahre wurde diese Relation auf 1 : 6 gebracht, in Ausnahmefällen auf 1: 8. Doch liegen bei alldem Niedriglöhne in den Genossenschaften deutlich über dem, was für vergleichbare Arbeiten in privatkapitalistischen Firmen gezahlt wird. Höher qualifizierte Arbeiter mit den schwierigeren Jobs erhalten dagegen um 20 bis 40 Prozent weniger als für vergleichbare Arbeiten in der so genannten „freien“ Wirtschaft.

Dennoch fehlt es keineswegs an fähigen Leuten für Leitungsfunktionen, auch ohne exorbitante Gehalts-Spreizungen wie bei der Deutschen Bank, wo sie 1 : 400 beträgt. Aufschlussreich ist der Vergleich zwischen einem „Leistungsträger“ wie Josef Ackermann und Jésus Catania, dem MCC-Generaldirektor. Über dessen bescheidenes Gehalt würde sich Ersterer totlachen. Während der Genossenschaftsmanager und seine Crew mit Hilfe der Genossenschaftsbank einige 10.000 Arbeitsplätze geschaffen, eine ganze Reihe von Unternehmen neu gegründet und ein gutes Dutzend durch Übernahme vor dem Untergang bewahrt haben, glänzte der Bankchef als Arbeitsplatz- und Kapitalvernichter, der in etwa das Doppelte dessen zerstört hat, was die MCC-Genossenschafter im gleichen Zeitraum aufgebaut haben.

12.000 Euro zum Einstand

Selbstredend gibt es auch bei Mondragón Mitarbeiter, die keine Genossenschafter sind. Zumeist handelt es sich um befristet Beschäftigte, deren Quote nie mehr als zehn Prozent der Belegschaft umfassen soll. Für alle Genossenschaften gilt die Regel, dass jeder Mitarbeiter – auch ein befristet Beschäftigter – die Möglichkeit hat, innerhalb von zwei Jahren Vollmitglied der Genossenschaft zu werden, nach einer Probezeit von sechs Monaten und bei einer persönlichen Einlage von 12.000 Euro. Zur deren Finanzierung vergibt die genossenschaftseigene Bank Caja Laboral günstige Kredite. Dabei gehen 20 Prozent der Einlage an die Genossenschaft, während 9.600 Euro das Einlagekapital jedes einzelnen Sócio bilden, das verzinst wird (im Moment mit 7,5 Prozent pro Jahr). Der Kapitalstock wächst jährlich durch Gewinnbeteiligungen, die jedem Mitglied gutgeschrieben werden – es sei denn, er schrumpft durch Verluste.

Was die Gründung von Genossenschaften im EU-Raum bis heute blockiert, das ist eine Steuer- und Sozialgesetzgebung, die diesen Betriebstyp nicht begünstigt, sondern deutlich schlechter stellt als alle anderen Unternehmen. Das gilt kurioserweise auch für China, wo Mondragón auf Joint Ventures ausweichen muss.

In Deutschland behaupten viele Experten nach wie vor, Demokratie habe in der Wirtschaft nichts zu suchen und könne nie funktionieren. Frei nach Oskar Wilde – Sozialismus sei zum Scheitern verurteilt, er brauche zu viele Versammlungen. Doch die spanischen Genossenschafter haben bewiesen, dass das Unsinn ist. Genossenschaften vergeuden trotz – oder besser – gerade wegen ihrer demokratischen Strukturen weniger Zeit, Geld und Energie mit überflüssigen Meetings, Geschäftsreisen oder Managergehältern als vergleichbare Privatfirmen. Sie sind effizienter, innovativer, ökologischer, sie können langfristig planen, auch unter den Bedingungen heutiger Weltmarktkonkurrenz.


Mondragón - kleines Glossar

Gründung: 1955 entstanden die ersten Genossenschaften, schon 1959 wurde die Genossenschaftsbank Caja Laboral Popular gegründet, die bis heute das finanzielle Kraftwerk von Mondragón und die zweitgrößte Bank im Baskenland ist.

Genossenschaftsbetriebe: gibt es 88 an der Zahl – darunter Baufirmen, Wohnungsbaubetriebe, Hersteller von Haushaltsgeräten, Maschinenfabriken, eine Fabrik für Autobusse, Zulieferfirmen für die Autoindustrie, Dienstleistungsunternehmen wie die Supermarktkette Eroski, Viehzucht- und andere Agrarbetriebe. Die meisten Produkte, die Produktions-genossenschaf­ten im Bas- kenland hervorbringen, sind High-Tech-Erzeugnisse. Einfache Standardfertigungen werden eher den ausländischen Tochterunternehmen (etwa in China) überlassen.

Standorte: Spanien, Belgien, Niederlande, Deutschland, China

Struktur: Oberstes Organ ist der genossenschaftliche Kongress mit 650 Mitgliedern, der sich aus Delegierten der einzelnen Genossenschaften rekrutiert. Die Jahreshauptversammlung wählt den „Regierenden Rat“ (Vorstand), der in jedem Fall die Verantwortung für das Tagesgeschäft trägt. Jede Einzelgenossenschaft hat einen Betriebsrat, der einen Vorsitzenden wählt und das Management des Betriebes berät.


Michael R. Krätke ist Direktor des Institute for Advanced Studies an der Universität Lancaster in Großbritannien