Lena Gorelik
Ausgabe 0117 | 07.01.2017 | 06:00

Wenn der alte Mann zweimal klingelt

Weihnukkilvester Wie geht Weihnachten? Feiertagsüberlegungen unserer in Deutschland aufgewachsenen russisch-jüdischen Autorin

Wenn der alte Mann zweimal klingelt

Nicht immer nüchtern: der Weihnachtsmann

Foto: Gali Tibbon/AFP/Getty Images

Meine Kinder haben den Weihnachtsmann getroffen. Er war angetrunken, vom Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, aber meine Kinder interpretierten seine leicht zittrige Stimme als Charakteristikum eines alten Mannes und die wackeligen Schritte als Magie. Der Weihnachtsmann sei mit dem Schlitten gekommen, erzählten sie mir, und sie zeigten auf einen Holzschlitten, der auf einem Marktstand angebracht war. Sie glauben fest daran: Sie haben den Weihnachtsmann getroffen. Den echten.

An Heiligabend war der Weihnachtsmann da. Er kam mit Schlitten und Rentieren und Geschenken, und das Youtube-Video, das diese Geräusche aus der Lautsprecherbox aus dem verschlossenen Weihnachtszimmer abspielte, hieß Santa Claus Noises Soundtrack. Dass das „Oh ho-ho-ho“ amerikanisch klang, fiel den Kindern nicht auf, und später strahlten die Augen, wie es sich für Weihnachten gehört.

Für Weihnachten gehört? Was weiß ich schon von Weihnachten, ich armes russisch-jüdisches, in Deutschland aufgewachsenes Kind? Weihnachten kenne ich aus Filmen, die ich schaute, wenn meine Freunde Weihnachten feierten, und die alle immer gut endeten. Später organisierte ich in einem Versuch, anders – und ich – zu sein, mit meinen jüdischen Freunden Anti-Weihnachts-Feiern. Als ich, wiederum etwas später, endlich dachte, ich wüsste, was oder wer ich bin, schrieb ich Geschichten, wie ich Weihnukkilvester feiere (eine Mischung aus Weihnachten, dem jüdischen Chanukka und dem russischen Silvester), und die Geschichten fand man gut, humorvoll, multikulturell, unbeschwert schön. Ich bekam dreimal Geschenke, das fand ich gut.

An Heiligabend versuche ich, meinen Kindern die leuchtenden Augen in die Gesichter zu zaubern, die ich einst in Filmen sah. Weil der erste Tag von Chanukka, des achttägigen Lichterfests, dieses Jahr auf den Heiligabend fiel, zündeten wir zwischen Bescherung und Weihnachtsgans Chanukkahkerzen an, und die Männer und Jungs legten sich zusätzlich zur Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, grüne Weihnachtsservietten auf die Köpfe. Das fanden die Kinder lustig. Amen, sagten sie, aber sie wissen nicht, was das heißt. Dann war Weihnachten vorbei, und die Kinder fuhren zu den Großeltern, und wir Eltern ruhten uns aus, schmissen das Geschenkpapier weg und saugten die herabgefallenen Tannennadeln auf.

Die Großeltern sind russisch-jüdisch, und sie würden gern das große, russische Silvester feiern, ein Familienfest mit Verkleidungen, Theateraufführungen, Geschenken von Väterchen Frost und ganz viel russischer Liebe. Die Tochter der Großeltern bin ich, und sosehr ich mich nach dieser Geborgenheit sehne, so sehr verweigere ich mich ihr, in der Angst, in eine Kultur verschluckt zu werden, die vielleicht für nichts mehr Raum lässt. Als die Kinder zurück waren, kam Väterchen Frost, am fünften Tag Chanukka, und er sah aus wie der Weihnachtsmann – aber nicht wie der echte, und die Kinder waren verwirrt. Aber Väterchen Frost brachte den Zauberkasten mit, also freuten sie sich. Die Kinder sagten Amen und Danke schön und erzählten, dass sie den Weihnachtsmann kennen – aber den echten. Bei Silvester denken sie an Raketen und Knaller, bei Verkleidungen an Fasching statt an das russische Fest, und es kann sein, dass meine Mutter in solchen Momenten leise eine Träne vergießt. Ich dagegen sammle schon mal Geld für den Therapeuten der Kinder, für später. Und hoffe, dass ihnen Weihnukkilvester gefällt.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/17.