Wenn der seidene Faden reißt

Feindbilder 2009 wurde die Ägypterin Marwa El-Sherbini in Dresden während einer Gerichtsverhandlung ermordet. Terroristin, nannte ihr Mörder sie - doch der einzige Terrorakt war seine Tat

Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1819 in seiner Gedichtesammlung West-östlicher Diwan.

Scheinbar kennen wir weder uns noch die „Anderen“. Zwischen dem „Osten“ (als Oberbegriff für die arabisch-islamischen Staaten) und dem „Westen“ (Europa und die USA) hat eine Spaltung stattgefunden, aus der ein bisweilen blutiger Konflikt entsteht. Jeder betrachtet den „Anderen“ mit Argwohn, weil das Verhältnis von Verschwörungstheorien belastet ist, die von den Regierungen in die Welt gesetzt werden und in der Bevölkerung auf offene Ohren stoßen. Ein solides Feindbild ist der beste Garant für die Loyalität der Untertanen.

Für den Osten bleibt der Westen der gewissenlose Imperialist, der in fremde Länder einfällt, um dreist deren Rohstoffvorräte zu plündern – ein Machiavelli, der rigoros alles Mögliche kauft und verkauft. Zweifellos hat der Westen einiges zu diesem Klischee beigetragen und durch Arroganz oft verhindert, dass Brücken gebaut wurden. Aus Sicht des Westens fehlt im Osten der ordnende Intellekt, der den Wert der Dinge kennt. Die Menschen des Ostens, heißt es, hätten sich hoffnungslos einer gewalttätigen, ignoranten Religion verschrieben, die zulässt, dass Andersgläubige niedergemetzelt, Frauen unterdrückt und Tiere gequält werden. Dieses Klischee lässt die Toleranz der Muslime gegenüber Nicht-Muslimen und die hellen Seiten der islamischen Kultur unter den Tisch fallen. Es wurde leider oft genug bedient, weil der Osten sich weigerte, zwischen Vor- und Nachteilen des Westens zu unterscheiden und die Weisheit zu beherzigen: „Was nicht gänzlich erreicht werden kann, sollte trotzdem nicht gänzlich fahren gelassen werden.“ Beide Seiten halten unbeirrt an ihren Rastern fest und lassen dem Radikalismus guten Gewissens freien Lauf.

Nehmen wir ein Ereignis vom Juli 2009 – die Ermordung der Ägypterin Marwa El-Sherbini während einer Gerichtsverhandlung in Dresden. In einem zivilisierten Land wie Deutschland, wo Demokratie und Menschenrechte so groß geschrieben werden, wo es so viele Konferenzen über den interkulturellen und interreligiösen Dialog gibt, wird eine ägyptische Pharmazeutin, die mit ihrem Mann ins Ausland gegangen ist, um sich dort der Wissenschaft zu widmen, angegriffen, beschimpft und schließlich getötet, nur weil sie durch ihre Kleidung als Muslimin zu erkennen ist. „Terroristin“ hat sie ihr Mörder genannt. Als sei das, was er ihr angetan hat, nicht der reinste Terrorakt gewesen.

18 mal zugestochen

Marwa El-Sherbini war im dritten Monat schwanger, als sie erstochen wurde. Anstatt den Täter zu überwältigen, schoss ein Polizist, der im Gericht anwesend war, auf Marwas Ehemann. Der kleine Sohn der beiden musste alles mit ansehen. Mehr Schmerz, mehr Hilflosigkeit, aber auch mehr Unfähigkeit sind wohl kaum vorstellbar.

Fragen blieben unbeantwortet: Wie konnte es dazu kommen, dass der Täter sein Opfer in einer öffentlichen Anlage wüst beschimpft und offenbar sogar versucht hat, ihr das Kopftuch vom Kopf zu reißen? Wie konnte er bei der Gerichtsverhandlung, zu der Marwa El-Sherbini als Zeugin geladen war, trotz vermeintlich größter Sicherheitsvorkehrungen mit einem Messer bewaffnet in den Gerichtssaal gelangen? Warum sahen alle tatenlos zu, als er 18 mal zustach? Hätte man ihn nicht beim zweiten oder fünften Stich überwältigen können? Wie lange mag es wohl dauern, 18 mal zuzustechen? Wie konnte es passieren, dass der Polizist auf den Ehemann des Opfers anstatt auf den Angreifer schoss? Warum blieben die Richter regungslos sitzen, während vor ihren Augen ein Mord geschah. Waren wir Zeuge für einen unbewussten Akt des Hasses nach dem Motto: „Wer keine weiße Haut hat, wird als erster umgebracht!“?

Millionen von Ägyptern aus aller Welt haben diese Fragen gestellt und die Tat verurteilt. Der Mörder war zuvor noch nie von einem Muslim auf irgendeine Art diskriminiert oder angegriffen worden. Woran lag es also? Schuld waren vor allem die Regierungen und Ideologen, aber auch die Medien. Sie haben die öffentliche Meinung über den Islam manipuliert und dafür gesorgt, dass sich Wut anstauen konnte. Durch den Mord an Marwa El-Sherbini hat sich nun noch mehr Wut angestaut. Die Kluft zwischen Ost und West ist tiefer geworden. Womöglich riss der seidene Faden, an dem die Beziehung zwischen beiden Seiten noch hing. Marwa El-Sherbini starb, um die Schuld vorangegangener Generationen auf sich zu nehmen und für deren Fehler zu büßen.

Nach dem Verbrechen haben sich Ägypter wie Deutsche klar gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen. Was nutzt es, wenn Arroganz auch künftig ihr Verhältnis überlagert? Für Goethe blieb es dabei: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Der britische Schriftsteller Rudyard Kipling hingegen glaubte: „Ost ist Ost, West ist West, sie werden nie zueinander kommen“. Mit wem wollen wir es halten? Mit Goethe oder Kipling?


Soad Abdel Rasoul
,37, arbeitet in Kairo als bildende Künstlerin und Autorin. Sie schreibt für die Tageszeitung Al-Dostor






Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt

Übersetzung: Andreas Bünger

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15:00 09.09.2011

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