Wenn keiner mehr Schiffe baut

Polen Die Werftenkrise treibt in Polen auch viele Zulieferer in den Ruin oder zu Massenentlassungen. Beim Motorenbauer von Cegielski/Poznan setzen sich dagegen zur Wehr

Als im September das Warschauer Statistikamt (GUS) die verbindlichen Wirtschaftsdaten für das Jahr 2008 vorstellt, kann die Regierung von Donald Tusk aufatmen. Bei einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von fünf Prozent lässt Polen die „baltischen Tiger-Staaten“ klar hinter sich. 2009 freilich ist die Realität vollends auf Krise eingestellt. Im Frühjahr muss die Szczecin-Werft schließen, das Chemie-Werk in Police die Produktion einfrieren, während der Konkurs des Schiffsbaus in Gdynia und die Rumpfexistenz der Werft in Gdańsk einen Dominoeffekt auslösen – davon betroffen ist besonders der Motorenhersteller Cegielski in Poznań.

Es spricht Bände, dass die ehemalige Lenin-Werft als Wiege der Solidarność nur aus politischen Gründen erhalten wird. Um einen Eklat zu vermeiden, musste die Feier zum 20. Jahrestag der ersten freien Wahlen vom 4. Juni 1989 aus der Arbeiterstadt Gdańsk auf die Königsburg Wawel in Krakau verlegt werden.

Bei Cegielski kostet das Werftensterben mehr als 500 Beschäftigte in der Traditionsfirma den Arbeitsplatz. Wenn an der Ostseeküste kaum noch jemand Schiffe baut, werden auch keine Schiffsmotoren mehr gebraucht, wie sie Cegielski herstellt. Gewerkschaftern, die den Sommer über bis zum letzten Moment um die 1846 gegründete Fabrik gekämpft haben, bleibt am Ende nur das Gefühl, verloren zu haben. Auch Jarek Urbański, Aktivist des Syndikats Inicjatywa Pracownicza (Arbeiterinitiative), der erzählt: „In manchen Brigaden, in denen die Hälfte entlassen werden sollte, kündigte die andere Hälfte aus Protest. Wir wollten die Entlassungen vor Gericht anfechten, doch die Entlassenen wollten keinen Widerspruch einlegen, weil dann anderen gekündigt worden wäre. Die Meister forderten niemanden auf, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren – aus Angst, größere Proteste zu provozieren.“ Der einst größte polnische Produzent von Motoren, und Waggons ist kaum mehr ein Schatten seiner selbst. Das Unternehmen beschäftigte im Herbst 1989 immerhin 25.000 Mitarbeiter – 20 Jahre später sind es 2.500, von denen nun noch einmal ein halbes Tausend auf die Straße gesetzt wird.

Neue Orte des Widerstandes

Wie man sich bei einem solchen Aderlass zur Wehr setze, das sei inzwischen mit erheblichen Unterschieden von Unternehmen zu Unternehmen verbunden, meint Urbański. Man müsse sich nur die Belegschaft des ebenfalls im Raum Poznań angesiedelten Zweigbetriebes von Volkswagen ansehen, da würden die Unterschiede schlagartig deutlich. Während seine Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza in den Cegielski-Werken mit Flugblättern kommuniziere, bedienten sich die VW-Angestellten, die kaum über 30 seien, vorrangig des Internet. „Es sind junge Facharbeiter, die oft eine bessere Bildung genossen haben als die Cegielski-Leute, und Studenten, die bei VW jobben. Von denen hat natürlich noch nie jemand an Protesten oder Streiks teilgenommen.“ Doch was für die Kommunikation gelte, treffe weniger auf die Gewerkschaftsstrategie zu.

„Wir haben 2005 und 2006 bei Cegielski vergeblich versucht, einen legalen Streik auszurufen“, erzählt Urbański. „Erst als dabei gezielt an genuine Traditionen der Arbeitskämpfe zu Zeiten der Volksrepublik erinnert wurde, kam es 2007 zu einer massenhaften Arbeitsniederlegung.“ – Die Konsequenz war, dass Marcel Szary, der Betriebsratsvorsitzende von Inicjatywa Pracownicza, zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Ausgerechnet Szary, der als Gewerk­schafter seit den achtziger Jahren in diesem Betrieb aktiv war. Mit Ausrufung des Kriegszustandes im Dezember 1981 ging er mit der Gewerkschaft Solidar­ność in den Untergrund, kämpfte um deren Legalisierung und für Arbeiterrechte in Polen. In Zeiten der kapitalistischen Demokratie hat ihn nun ein Gericht mit der Begründung verurteilt, er sei Anführer wilder Streiks, bei denen sich die Belegschaft an verschiedenen Plätzen auf dem Betriebsgelände während der Arbeitszeit versammelt und diskutiert habe. Eine Tradition, die bis ins Jahr 1956 zurückreicht, als es in Poznań erstmals zu einem Arbeiteraufstand kam.

Anders im VW-Werk. Als dort das Internetportal komentuj.pl ein Diskussionsforum zu neuen VW-Modellen ins Netz stellte, wurde das in kurzer Zeit von VW-Angestellten genutzt, um die herrschenden Produktionsbedingungen zu kritisieren. Auch Arbeiter anderer Betriebe schrieben Tausende von Postings, stritten leidenschaftlich und politisierten sich gegenseitig – bis das VW-Management die Entscheidung traf, das Portal zu schließen. In ähnlicher Weise hatte das Internet Ende 2006 zu Streiks bei der polnischen Post mobilisiert. Jarek Urbański sieht in diesem Phänomen keine neue Form des Arbeitskampfes, aber einen neuen Ort des Widerstandes, an dem sich eine längst ad acta gelegte Arbeiterklasse artikuliert.

Trotz des Misserfolgs

Von den einst zehn Millionen Mitgliedern und Sympathisanten der Solidarność sind heute noch 750.000 geblieben. Die postkommunistische Gewerkschaft OPZZ zählt 700.000 Mitglieder. Die entstehenden Lücken füllen kleine, kämpferische Syndikate wie die Inicjatywa Pracownicza oder Sierpień 80. Ihre Mission sehen sie – im Unterschied zu den über Mitgliederschwund klagenden Gewerkschaften in Deutschland – nicht in der Übernahme nordamerikanischer Organizing-Konzepte, sondern in einer Politisierung und Radikalisierung der Belegschaften wie im Rückgriff auf die Orte des neuen Widerstandes.

Trotz des Misserfolgs ist für Jarek Urbań­ski der Kampf um die Arbeitsplätze bei Cegielski keine verlorene Sache. „Die Solidarität der Belegschaft hat bewiesen, dass mit den Kollegen etwas passiert ist. Manchmal ist es so, dass aus einem Sieg eine Niederlage wird, während sich Niederlagen später als Sieg herausstellen.“

Kamil Majchrzak ist Redakteur der polnischen Edition von Le Monde Diplomatique

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13:30 18.10.2009

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