Wenn Kinder in der Synagoge spielen

JÜDISCHE EINWANDERER IN AACHEN Soziale und Sprachprobleme beherrschen inzwischen die Gemeindearbeit. Und während die einen nach Deutschland kommen, denken andere darüber nach, auszuwandern. Kaum zu glauben, dass da keine Reibungen entstehen

Die Kette am eisernen Eingangstor hat keine Funktion. Noch nicht. Noch steht der Aachener jüdische Friedhof an einer der Ausfallstraßen nach Belgien jedem offen. Graffitis an der Außenmauer wie auf jedem Schulhof, und jugendliche Liebesgrüße auf den Eingangsstufen wie auf den Sitzen im Bus Linie 24, der aus der Innenstadt nach Kelmis hinter der Grenze hierher fährt. Auf dem Friedhof Stille. Alte Ulmen, efeuüberwucherte Steine, hebräische Schriftzeichen, verwaschen vom sprichwörtlichen Aachener Regen und von der Zeit; hier liegen Menschen, die keine Nachkommen haben. Das älteste Grab stammt von 1822 - in diesem Jahr wurde der Friedhof eröffnet -, und seitdem erzählt vor allem er vom Leben und Sterben der Aachener Juden. »Die wohnen im Lande der Todesschatten, Licht erglänzt über ihnen.« Der Grabstein von Henriette Meyer, kein Opfer der NS-Todesschwadrone; zitiert wird nur der alttestamentarische Prophet Jesaja. Gestorben ist Henriette Meyer 1867.

Schon ein paar Reihen weiter sind hebräische Inschriften rar. Engel zieren viele Grabsteine der Jahrhundertwende, die christliche Akkulturation der Juden war nie weitgehender als damals. Bis der Faschismus ihr auch in Aachen ein Ende machte. 1933 wurde Hitler hier wie in so vielen deutschen Städten zum Ehrenbürger gewählt - mit den Stimmen des Zentrums. Ob am Rathaus eine Gedenktafel angebracht werden darf, die an diesen vorauseilenden Gehorsam gemahnt, darüber führten die Christdemokraten Aachens in diesem Sommer monatelang einen peinlichen Provinzkrieg. Erst nach einem Ultimatum des SPD-Oberbürgermeisters einigte man sich auf eine Textfassung.

    Lea, 24, geboren in Aachen

    Ich lebe in einer Familie, wo jüdische Tradition gelebt wird. Das geht bei meiner Schwester so weit, dass sie sich Fleisch aus Antwerpen oder weiter her besorgt, um sich koscher ernähren zu können. Aachen ist in dieser Hinsicht nicht gerade eine Hochburg. Vielleicht liegt das daran, dass hier auch nicht sehr viele streng gläubige Juden leben. Mein Vater ist aus der Slowakei hierher gekommen. Meine Großmutter lebt noch dort. Sie hat Auschwitz überlebt. Zur Hochzeit meiner Eltern war sie hier - das erste und einzige Mal.

    Was mir besonders an der jüdischen Kultur gefällt, ist die Gemeinschaftlichkeit, die Gastfreundschaft, die bei uns sehr viel zählt. Das ist ein verbindendes Merkmal bei allen Juden, egal wo sie leben. Wenn ich - sagen wir - nach Brasilien oder Mexiko käme und dort eine Synagoge besuchen würde, wären mir eine Einladung zum Abendessen und ein paar neue Freunde sicher. Deshalb hätte ich auch keine Angst wegzugehen.

    Nach dem Anschlag in Düsseldorf habe ich darüber oft nachgedacht. Ich war sehr erschüttert, als ich die Nachricht hörte. Vielleicht ist es besser, mit gepackten Koffern zu leben, so dass man jederzeit aufbrechen könnte, wenn es überhand nimmt mit der Gewalt gegen Juden. Ich habe Hoffnung, dass es nicht so weit kommt. Aber ich habe auch Angst.

    Protokolle von Kurt Mura

Die Gräber von 1941/42 sind unauffällig. Wenn nicht ganz verrostet, geben kleine, aus der Erde ragende Blechschilder Name und Geschichte des Toten preis: Gestorben im Lager am Grünen Weg. Über tausend deutsche Bürger jüdischen Glaubens waren hier interniert, zur Deportation nach Auschwitz. Einige starben, bevor es in die Züge ging. An die Verschollenen, sprich Ermordeten, erinnern die Steine der Toten aus der Nachkriegszeit: »... und im Angedenken an meinen nach Auschwitz deportierten Onkel«

Seit den neunziger Jahren sprechen die Gräber eine andere Sprache. Wer Kyrillisch lesen kann, entziffert russische Namen. Einwanderer haben in den vergangenen zehn Jahren die jüdische Gemeinde stark verändert. 1990 zählte sie zirka 300 Mitglieder, heute hat sich die Zahl auf 1.400 fast verfünffacht.

Doch davon kann der Alltag der Gemeinde mehr erzählen als der Friedhof. Die Eingangshalle der Synagoge zeugt davon in jedem Winkel. Alle Verlautbarungen sind auf deutsch und russisch angeschlagen. Hinweise des Arbeitsamtes sowie Angebote für Deutschkurse hängen am Schwarzen Brett. Seit März dieses Jahres erscheint das Gemeindeblatt auf Deutsch und Russisch. Die Redakteurin Silva Krimerman ist Russin. Die »Kontingentflüchtlinge« seien fast ausschließlich Intellektuelle, erzählt sie: Lehrer, Ärzte, Künstler, Historiker. Aber da ihre Abschlüsse nicht anerkannt würden oder zu Beginn die Sprachprobleme eklatant seien, lebten viele von ihnen von Sozialhilfe. Für die Gemeinden ist damit zum einen ein finanzielles Problem verbunden, da, während die Aufgaben mehr werden, gleichzeitig der durchschnittliche Pro-Kopf-Betrag der Kultussteuer sinkt. Zum anderen vergrößert sich das Aufgabenfeld: Das Bedürfnis an Sozialarbeit ist inzwischen so groß, dass es nicht mehr auf ehrenamtliche Basis gestellt werden kann. Die Stadt Aachen bezuschusst deshalb gemeindliche Fachkräfte, und der Sozialausschuss hat die Unterstützung dafür von 5.000 auf 29.300 Mark erhöht.

Und natürlich gibt es auch enorme Unterschiede zwischen den deutschen und russischen Gemeindemitgliedern, vor allem in der religiösen Verwurzelung. Während die Deutschen mit der jüdischen Tradition aufgewachsen sind, war dies den Russen nicht erlaubt, Religion wurde, in den eigenen vier Wänden gelebt. Die Synagoge ist deshalb für die Einwanderer mehr ein Treffpunkt, denn ein ritueller Ort. Das Gebet ist weniger wichtig - die wenigsten können hebräisch - als das Gespräch mit den Freunden. Lange vor Beginn des Gottesdienstes erscheinen viele Besucher in der Synagoge. Kinder spielen. Auf Russisch, Deutsch oder Englisch tauscht man die Erlebnisse der vergangenen Woche aus. Auch während des Gottesdienstes. Dem mit christlicher Andächtigkeit Aufgewachsenen bleibt nur Staunen. Zu spät Kommende begrüßen herzlich den lange nicht Gesehenen, viele Frauen auf der Empore nehmen erst gar kein Gebetbuch zur Hand. Da wundert es nicht, wenn die kulturellen und sozialen Aktivitäten in der Gemeinde zunehmen. Silva Krimerman erzählt stolz, wie viele Ausstellungen und Konzerte inzwischen veranstaltet werden. Daneben gibt es eine Frauengruppe und Kinderbetreuung. Und auch im politischen Innenleben der Gemeinde, etwa bei den Vorstandswahlen im vergangenen Jahr, erkennen die Zuwanderer inzwischen, dass sie eine starke Fraktion mit Einfluss sind.

    Anton, 26, geboren in Leningrad

    Ich bin nicht sonderlich religiös, beherrsche nicht das Jiddische, auch kein Hebräisch. Meine Identität als Jude ist mehr ein Reflex. Als ich zur Schule ging - ich war 15 damals -, gab es Androhungen eines Pogroms. Die jüdischen Schüler meiner Klasse, die bis dahin eigentlich nicht so viel miteinander zu tun hatten, standen plötzlich ganz eng beieinander. Wie ein Reflex eben. Das ist für mich etwas Typisches für das Jüdische.

    Hier, in Aachen, oder in Bonn und Maas tricht, wo ich Kunstgeschichte und Kunst studiert habe, habe ich noch nichts Krasses erlebt. Streitereien, das schon, aber nicht so, dass ich Angst haben müsste, hier zu leben. Ich lebe gerne hier, lieber jedenfalls als in Russland. Dort herrscht zum Teil pure Aggression, du bist rechtlos. Hier ist das anders. Trotzdem gehöre ich nicht richtig dazu, es ist immer eine Distanz spürbar. Dass dies daran liegt, dass ich Jude bin, glaube ich nicht. Es hat wohl eher mit der Sprache zu tun: ich kann mich nicht so ausdrücken, wie ich es gerne würde.

    Meine Mutter und mein Stiefvater wohnen ganz in der Nähe des jüdischen Got teshauses in Düsseldorf, nur einen Steinwurf entfernt. Wenige Tage vor dem Anschlag hat irgend ein Dahergelaufener dort meinen Stiefvater als »Scheiß-Jude« beschimpft. Dabei ist der gar kein Jude. Meine Mutter ist Jüdin, er nicht. Eine komische Begebenheit, auf makabre Art komisch.

    Wenn viel geredet wird - wie jetzt auch, nach den Vorfällen gegen Juden -, dann fühle ich mich ausgeschlossen. Die Deutschen stellen mich abseits und betrachten mich. Ich mag es nicht, wenn Deutsche, - Intellektuelle meistens - mir mit ihren Schuldgefühlen zu Leibe rücken. Ich mag es nicht, wenn man mich fragt: »Wie kannst du bloß in Deutschland leben?« Ich finde, das ist oft ein »naiver Antisemitismus«, einer mit umgekehrten Vorzeichen. Die Tatsache, dass ich Jude bin, will ich nicht als Joker einsetzen. Am liebsten würde ich hier leben wie andere auch - ganz normal.

Zur Zeit aber ist die Aachener wie alle jüdischen Gemeinden mit anderen als gemeindeinternen Problemen konfrontiert: die zwei Anschläge auf russische Zuwanderer und auf die Synagoge in Düsseldorf, aber auch die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Nahost. In Aachen demonstrierten zwar vor der Synagoge 200 Menschen gegen Morde an Palästinensern, bisher aber niemand gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland.

Und während die einen sich den Problemen der Einwanderer stellen müssen, denken andere schon darüber nach, ob sie selbst bald vor die Entscheidung gestellt sein werden, aus Deutschland wegzugehen. Das sind vor allem die jungen Leute. Ihr Kontakt zu Zuwanderern ist gering, dafür haben sie Verwandte in der ganzen Welt: den Onkel in Israel, Tanten in New York und Buenos Aires, die Großmutter, die Auschwitz überlebte, in der Slowakei, aber nur wenige in Aachen. Zum Beispiel Marc Neugröschel. Er ist Anfang 20, Student, aktiv bei den Grünen und in Aachen zu Hause. Die Synagoge ist ihm wichtig, aber nicht aus religiösen Gründen. Hier sei seine Kultur selbstverständlich, hier werde ihm zum jüdischen Neujahrsfest Glück gewünscht, auf der Straße nicht. Seit den Anschlägen herrsche jedoch Angst oder zumindest Verunsicherung, sagt er. Und Verunsicherung heiße zuerst einmal, die Überzeugung zu überdenken, Deutschland sei inzwischen ein »normales« Land, die er bisher »überall mit Zähnen und Klauen verteidigt hat«. In Aachen konnte man auch lange dieser Überzeugung sein. Seit die im Kreis Aachen ansässige rechtsradikale Wiking-Jugend 1994 verboten wurde, gab es keine spektakulären Aufmärsche oder antisemitischen Zwischenfälle mehr, wenigstens hat man davon in der Öffentlichkeit nichts erfahren. Auch Marc hat persönliche Beleidigungen nie erlebt. Aachen ist sein Zuhause, und er will, dass es so bleibt.

Lea Schneider*, 24, dagegen will sich demnächst erkundigen, ob ihr Pharmazie-Studium in den USA oder Israel anerkannt wird. Das sei keine Panik. Der sprichwörtlich gepackte Koffer, den Michel Friedman bei der Wahl von Paul Spiegel zum Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland im Frühjahr für »verschwunden« erklärte, an den denke man inzwischen wieder, sagt sie. Dabei ist Lea in der jüdischen Gemeinde aktiv, »seit ich denken kann«: Kindergarten, Religions- und Hebräisch-Unterricht, Feste, Ferienfahrten nach Israel, später Jugendgruppenleiterin. Aus Deutschland will sie nicht weg. Allerdings lässt die Vorstellung großer Gemeinden wie in New York oder Berlin ihre Augen leuchten. Manchmal falle ihr auf, wie alt die hiesige jüdische Gemeinde inzwischen sei, sagt sie.

Dem wieder aufflammenden Konflikt in Israel stehen Lea und Marc zwiespältig gegenüber. Auch sie verurteilen die Ermordung palästinensischer Kinder. Aber mit Demonstrationen wie der vor der Synagoge würden Aachener Juden in einen direkten Zusammenhang mit israelischer Politik gebracht. Weder Lea noch Marc wollen oder können die Politik Israels pauschal rechtfertigen. Sie sind Deutsche, nicht Israelis. Trotzdem ist der israelische Staat für sie eine unter Umständen lebensrettende Option, eine Option für den schlimmsten Fall. »Ich breche jede Diskussion ab, wenn jemand die Existenz Israels in Frage stellt«, sagt Marc. Über alles andere könne man reden. Ob sie sich jemals gezwungen fühlen könnten, von dieser Option Gebrauch zu machen, wissen sie nicht zu sagen. Freiwillig würden sie es jedenfalls nie tun.

* Name von der Redaktion verändert

00:00 10.11.2000

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