Wer das lesen könnt’!

Deutungsstreit Eine neue Gesamtausgabe kann die Irrungen um Georg Büchners Werk aufklären helfen

Büchner ist immer noch für Kontroversen gut. „Dichter-Punk, Berserker der Gerechtigkeit, Ahnherren der Empörten“ nennt das Magazin Cicero den vor 200 Jahren am 17. Oktober 1813 im hessischen Goddelau geborenen Dichter und zeigt ihn auf dem Cover der Oktober-Ausgabe mit Irokesenschnitt, Muskelshirt und Tätowierungen, die zwei der bekanntesten Zitate wiedergeben, die ihm zugeschrieben werden. Zugeschrieben wohlgemerkt, denn im Gegensatz zu „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet“ aus Dantons Tod und aus dem Fatalismusbrief werden die Credits der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ aus dem Hessischen Landboten zu Unrecht Büchner angedichtet. Ursprünglich stammt sie vom französischen Schriftsteller Nicolas Chamfort (1741 bis 1794), der sie den Soldaten der Revolutionsheere als Wahlspruch vorgeschlagen haben soll.

Büchners Sprache und Figuren sind von ungebrochener Modernität. Vor 100 Jahren, seit der Uraufführung im November 1913, kommt Woyzeck immer neu auf die Bühne und die Leinwand. Mit seiner Figur haben die sozial Schwachen Raum auf der Bühne bekommen. Durch medizinische Experimente entkräftet, bringt Woyzeck seine kapriziöse Geliebte Marie, die sich zu Recht ein besseres Leben wünscht, aus Eifersucht um. Ein tiefer und zeitungebundener Konflikt, der wie die Ausbeutung und Verspottung Woyzecks, der heute wahrscheinlich an Medikamentenstudien teilnehmen würde, um den kärglichen Sold aufzubessern, tief berührt.

Glühendes Plädoyer

Der spinnerte Prinz Leonce, der dem Wahnsinn verfallende Lenz, die träumerische Lucile aus Dantons Tod, die Celan in seiner Büchnerpreis-Rede würdigte, sie alle sind so lebendig, wie Büchner es Lenz wünschen ließ: „Ich verlange in allem Lebendigkeit, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sey, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sey das einzige Kriterium in Kunstsachen.“

Neben der Begeisterung kochen im Gedenkjahr aber auch die Differenzen hoch. In Hermann Kurzkes Biografie Georg Büchner – Geschichte eines Genies erscheint der Dichter, der vor allem durch den 1834 mit dem Butzbacher Pfarrer Weidig herausgegebenen Hessischen Landboten lange Zeit als Ikone der Linken galt, als ein metaphysisch und romantisch gestimmter Autor, der die Mitautorschaft an der Streitschrift als Fehler begriffen und daraus gelernt haben soll.

Kurzkes glänzend geschriebene, aber ausgewiesen spekulative Interpretation steht nicht nur der Lesart des Düsseldorfer Büchner-Forschers Jan-Christoph Hauschild entgegen, der mit Georg Büchner, Verschwörung für die Gleichheit im Jubiläumsjahr bereits seine zweite Büchner-Biografie vorlegt, und sich für die Rolle des nach gesellschaftlichen Umwälzungen strebenden Systemkritikers stark macht. Kurzkes Deutung dürfte vor allem auch für Büchner-Leser irritierend klingen, die aus seinem Werk den Wunsch, die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, herauslesen. Hatte Büchner nicht schon als Schüler in der Cato-Rede die Willkür von Despoten angeprangert? Ist nicht der Hessische Landbote in seiner Wendung gegen die repressiven Zustände im Lande Hessen, wo Ende des Jahres 1833 ein Totalverbot über die freiheitliche Presse verhängt worden war, bis heute mit seinem an die Sprache der Bibel angelehnten und damit den einfachen Leuten vertrauten Duktus ein Meisterstück politischer Agitation, das immer wieder mit dem Kommunistischen Manifest in Verbindung gebracht worden ist?

Mehr als eine bittere Fußnote zum Landboten ist übrigens, dass Weidig, anders als Büchner, der über mehrere Grenzen und Umwege nach Straßburg fliehen konnte, nach dem Verrat durch einen Spitzel im Darmstädter Gefängnis inhaftiert wurde. Er brachte sich in der Nacht zum 23. Februar 1837, also nur wenige Tage nach Büchners Tod durch Typhus am 19. Februar 1837, um und schrieb, Kämpfer mit dem Worte, in Ermangelung von Tinte mit dem eigenen Blut seine Initialen an die Wand der Zelle. Selbst wenn Büchner nach seiner Flucht mit Skepsis auf die Publikation geblickt haben sollte – die weit ausstrahlende Wirkung des Landboten ist bis heute ein glühendes Plädoyer für Gerechtigkeit und das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Jenseits der Diskussion um die ideologischen Implikationen von Büchners Werk, ist in diesem Jahr eine zunächst philologisch trocken klingende Sensation zu vermelden: der Abschluss der Historisch-kritischen Ausgabe Sämtlicher Werke und Schriften Büchners, die 1987 im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz begonnen worden ist.

Fatales Schwefelammoniak

Um sich die Bedeutung der kurz MBA genannte Ausgabe in 18 Teilbänden klar zu machen, muss man wissen, dass die Überlieferung der Quellen von Büchners Werk so spannungsreich und widersprüchlich ist, wie sein Leben und seine Schriften. Viele Manuskripte sind verloren gegangen, vernichtet worden, vieles wurde nachträglich bearbeitet. Teilband 7.1. der Marburger Büchner-Ausgabe veranschaulicht das besonders gut. Der Band enthält auch die Faksimiles „der schonungsbedürftigsten Papiere der Welt“, wie der Weimarer Büchner-Experte Henri Poschmann die Textzeugen des Woyzeck-Fragments einmal genannt hat. Es handelt sich dabei um Doppelblätter aus billigem Papier, mit billiger Tinte beschrieben in unterschiedlichen Formaten. Sie waren sämtlich nicht in Lagen geheftet, keines numeriert und gingen durch viele Hände, was ihnen nicht gut bekommen ist.

Die Abdrucke der Faksimiles, die zu den wenigen noch im Original erhaltenen Quellen des Woyzeck zählen, zeigen nicht nur Büchners Handschrift, in ihrer Hastigkeit und der Tendenz zum Verschleifen ganzer Silben und Endungen, eine echte Sauklaue. „Wer das lesen könnt’!“, sagt Woyzeck einmal, als blickte er geradewegs auf seines Schöpfers Hand. Die Faksimiles zeigen Büchner auch als Zeichner, er hat den Doktor und den Hauptmann, „Sargnagel“ und „Exercirnagel“, wie sich die zweifelhaften Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft einmal anreden, im Profil an den rechten Rand eines Bogens gekritzelt.

Schrift und Kritzeleien veranschaulichen eindrücklich, weshalb es von Anfang an ein schweres Unterfangen war, Büchner zu verlegen. Zusammen mit der lückenhaften Quellenlage und dem unabgeschlossenen Charakter des Werks führte die schlechte Handschrift nicht nur zu seltsamen Verschreibern. Karl Emil Franzos, der für die Erste kritische Gesammt-Ausgabe Georg Büchner’s Sämmtlicher Werke 1879 die Dramenfragmente in eine ihm plausibel scheinende Reihenfolge brachte und ganze Szenen zum Woyzeck dazudichtete, hantierte mit destilliertem Wasser und Schwefelammoniak, um die Schrift besser entziffern zu können, was kurzzeitig deren Leserlichkeit verbesserte, sie langfristig aber verschlechterte. Bis heute geistern nachträgliche Modifikationen der Originalhandschriften und Kontaminationen von Quellen und Werk im Gedächtnis von Büchner-Lesern herum.

Im Studium erlebte ich, wie eine Professorin meine Ausführungen zum Woyzeck im Rahmen einer Prüfung mit dem Satz beenden wollte: „Und am Ende geht er in den Teich.“ Ich entgegnete, dieses Ende stamme nicht von Büchner und erntete Erstaunen. Schön und gut, konterte die ansonsten als philologisch gründlich bekannte Professorin, bei ihr ginge der Woyzeck seit über 40 Jahren in den Teich, daran könne sie jetzt unmöglich noch etwas ändern.

Es mag dauern, bis die MBA, die neben dem philologischen auch einen konservatorischen Zweck erfüllt, solch irrige Lesarten beseitigt. Der Raum für Deutungen und produktive Auseinandersetzungen mit Büchners Werk steht mit dem Abschluss dieses gigantischen Editionsprojekts jedenfalls auf gesicherterer Grundlage. Packte man es heute in die viel zitierte Weltraumkapsel, sollte es schon eine Leseausgabe auf der Grundlage der MBA sein.

Georg Büchner. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentationen und Kommentar (Marburger Ausgabe)
Hrsg. von Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000 ff.

Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit Jan-Christoph Hauschild Hoffmann und Campe 2013, 352 S., 19,99 €

Georg Büchner. Geschichte eines Genies Hermann Kurzke C. H. Beck Verlag 2013, 591 S., 24,99 €

Empfohlen sei auch das umfrangreiche Katalogbuch aus dem Verlag Hatje Cantz zur Ausstellung Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell, die bis zum 16. Februar 2014 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zu sehen ist

06:00 31.10.2013
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