Westost - Ostwest

Jubiläum X Gibt´s nichts Neues?

Krach der Deutschen

Im Frühjahr 1991 verfestigt sich der Eindruck, dass die steinerne Grenze zwischen Deutschland Ost und Deutschland West zusehends von einer gedachten abgelöst wird. Den Westlern geht der ewig klagende Ost-Typ auf die Nerven, den Ostlern der ewig alles besser wissende West-Typ. Da entschließt sich die Freitag-Redaktion, als Ost-West-Wochenzeitung dem "Krach der Deutschen" in einer Artikel-Serie Zeit und Raum zu geben. Wir erinnern daran, durch zwei Ausschnitte. Sie stammen aus den damaligen Texten zweier Protagonisten dieser Debatte: Mathias Wedel (Ost) und Norbert Mappes-Niediek (West) konnten von sich sagen, recht eindeutig plädiert zu haben.


"Kauf dir einen bunten Luftballon, hellblau, lila, rot oder grün ..." Als Kinder standen wir gern auf einer schmalen Brücke, unter uns die Autobahn. Da haben wir, pah!, auf die Westautos herunter gespuckt. Und dann ist unsere Spucke, boah geil!, mit nach drüben gefahren.

Nun nennt sich der Freitag schon so lange "Die Ost-West-Wochenzeitung", dass er sich die Frage gefallen lassen muss, ob das noch zeitgemäß ist. Ob es nicht bessere Justierungen gäbe. Die Zeile - davon gehen wir einmal aus - soll ernsthaft die Blick-Richtung des Blattes meinen und nicht nur eine hübsche Kopfnote sein. "Zeitung für Querdenker" etwa wäre eine alternative, smarte, die (damit unterstellte) Eitelkeit des Lesers streichelnde Headline. Aber würde sie treffen? Ein bisschen politisch präziser, denke ich, darf es sein.

Also: Ist eine "Ost-West-Zeitung" up to date? Stimmt die Optik noch? Worüber wünschen wir denn zu lesen, im Freitag dieser Tage?

Die gute alte Bundesrepublik, einst die beste aller Welten, ist nicht mehr, was sie war. Das hat sich weithin rumgesprochen und sogar die (nicht mehr ganz so) dicken Volksparteien haben inzwischen davon gehört. Zumal sie ja selbst genügend Urheberrechte an der Misere halten. Das Aufknüpfen der sozialen Netze verändert die Lebenswirklichkeiten hierzulande unumkehrbar, und die Eliten sägen - wir erleben es ja nun spätestens seit dem Kanzlermisstrauen Tag für Tag - kräftig am westdeutschen Vertrauen in die hauseigene Demokratie, obwohl es der Ast ist, auf dem sie selber sitzen. Die Ossis, die Weichbirnen, sind in Sachen Staat sowieso längst vom Glauben abgefallen. Da einst ein bombensicher gemauertes Haus über ihren Köpfen zusammenbrach, zweifeln sie an allen zukünftigen Bauten, da mögen ihnen die besten Konstrukteure versprechen, was sie wollen.

Aber auch im deutschen Westen ist angekommen: Die Bundesrepublik wird aufgemischt. Jeder Hauptschüler kriegt es von den Millionären Jauch Co. in die Ohren geblasen: "Du bist Deutschland!", und er übersetzt sich das ganz richtig in seine eigene Sprache: Ich hab sowieso keine Chance. Das ist der (bekannte) Stand. Was macht der Freitag daraus?

Ich denke, es muss in dieser Zeitung, will sie ihr gutes Renommee wahren, zunächst und vor allem darum gehen, zu sehen und zu beschreiben: was wirklich ist. Das ist viel! Dann kommt, natürlich, die Analyse. Misstrauen und Witz - die gute alte Tucholsky-Mischung - können dabei nicht schaden. Es dürfen meines Erachtens gern ein paar Reportagen mehr (Schickt die Schreiber auf die Straße!) und ein, zwei professorale Aufsätze weniger sein (wie gesagt: Schickt die Schreiber auf die Straße!). Noch weniger Berlin-Fixierung, noch mehr (junge) Autoren, die wachen Verstands dem Volke aufs Maul und der agilen Kultur- und Politik-Betriebsamkeit hinter die Kulissen schauen. Der Freitag muss ja - Gott sei Dank! - nicht im wöchentlichen, selbstreferenziellen Spiegel-Themenpark mit herumtollen. Da ist das Gedränge dicht genug, und wer den Freitag liest, liest ja auch andere Blätter. Nicht jeder medialen Blähung hinterherzuschnuppern, halte ich für einen bewahrenswerten Vorzug dieser Zeitung.

Was machen wir nun aber mit der Kopfzeile? Ist man nicht allein mit der Ost-West-Benennung schon wieder am Grabenschaufeln? Und haben sich nicht, seit es in Bremerhaven aussieht wie in Cottbus, auch die Bedeutungen verschoben, so wie das gute alte "links - rechts" längst ausgedient hat? Nein. Das Gefälle besteht, zumal, wenn wir unseren Blick nicht auf Deutschland bescheuklappen. Gerade ist schief und - Augen auf! - auf den Wegen wird nicht gestreut. Das noch immer beschworene deutsche und europäische Zusammenwachsen hat nicht stattgefunden und wird nicht stattfinden, denn - siehe oben - der Patient mutiert, und aus der nationalen ist längst die soziale Frage geworden.

In diesem Sinn interpretiert, steht sie richtig, unsere Headline. Westost - Ostwest, das ist keine schlechte Blickrichtung, um auszuspähen, was in den nächsten Jahren noch alles auf uns zukommt im Europa der Überraschungen.

Der Autor ist seit 2004 zusammen mit Margareth Obexer verantwortlicher Redakteur für die Freitag-Kehrseite.


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00:00 11.11.2005

Ausgabe 39/2020

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