Wichtiger als eine Million Worte

Hoffnung und Zweifel Die dringend nötige Inventur der US-Politik werden weder John McCain noch Hillary Clinton zustande bringen - Barack Obama vielleicht

Der Krieg ist eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man ihn dem Militär überlassen sollte", so Talleyrands unvergessliche Worte. Im gleichen Geist könnte man sagen: Die US-Präsidentenwahlen sind eine viel zu ernste Angelegenheit, um sie den Amerikanern zu überlassen. Die USA sind die allein verbliebene Supermacht, folglich gehen die Entscheidungen eines amerikanischen Präsidenten jedes Lebewesen auf der Erde etwas an. Leider ist es den Bürgern dieser Welt nicht erlaubt, an dieser Abstimmung teilzunehmen, aber sie dürfen wenigstens ihre Meinung dazu äußern. Ich mache von diesem Recht Gebrauch und sage: Ich bin für Barack Obama.

Als erstes muss ich bekennen, mein Verhältnis zu den USA ist das einer unerwiderten Liebe. Erst bewunderte ich Abraham Lincoln, der die Sklaven befreite, und Franklin Roosevelt, der sich beeilte, dem belagerten England beizustehen, als es allein gegen das Nazi-Monster stand. Dann half mir Senator McCarthy, meine Illusionen zu verlieren. Ich lernte, dieses Land wird in regelmäßigen Abständen von der einen oder anderen Hysterie ergriffen, um jedes Mal kurz vor dem Abgrund halt zu machen.

Zufällig war ich 1967 gerade in Washington und nahm an der legendären Demonstration gegen den Vietnamkrieg teil, als 500.000 Menschen zum Pentagon marschierten. Ich kam bis zum Eingang des Gebäudes und sah eine Reihe Soldaten mit eiskaltem Blick, die den Finger schon am Abzug zu haben schienen. Im letzten Augenblick fiel mir ein, es könnte für ein Mitglied der Knesset unpassend sein, da hinein gezogen zu werden. Also sprang ich vom Eingang weg - und verstauchte mir dabei mein Fußgelenk.

Lieber ein Risiko

Mein Freund Afif Safieh, derzeit PLO-Resident in den USA, meint, es gäbe zwei Amerikas: eines, das die Schwarzen zu Sklaven machte, für Hiroshima und McCarthy zuständig war - und das andere Amerika: das Amerika der Unabhängigkeitserklärung, das Land von Lincoln, Wilson und Roosevelt. Nach diesem Raster gehört George Bush zum ersten, Obama zum zweiten Amerika.

Und John McCain ist eine Fortsetzung von Bush. Attraktiver, wahrscheinlich intelligenter, was nicht viel besagt, doch bürgt er mehr oder weniger für dieselbe Politik, eine gefährliche Mischung von Machtrausch und Einfalt. Dieselbe Welt der Wildwestmythen, der guten und der bösen Kerle. McCain wird mit Kriegen weitermachen und vielleicht neue beginnen. Seine Wirtschaftsagenda ist derselbe "gemeine Kapitalismus" (nach Shimon Peres), der jetzt die US-Ökonomie abstürzen lässt.

Und Hillary? In der Tatsache, dass es sich um eine Frau handelt, die eine potentielle Kandidatin für die Führung des mächtigsten Staates ist, liegt etwas Positives. Ich glaube, dass die feministische Revolution bei weitem die bedeutendste des 20. Jahrhunderts war, da sie das soziale Muster von Jahrtausenden umwarf. Insofern wäre die Wahl einer Präsidentin ein Meilenstein. Aber es genügt nicht, eine Frau zu sein, es geht auch darum, um wen es sich handelt.

Ich verbrachte ein paar Jahre damit, gegen Golda Meir zu kämpfen, der schlimmste Regierungschef, den Israel je hatte. Sie führte den Yom Kippur-Krieg wie Margaret Thatcher den Falklandkrieg oder Indira Gandhi ihren Krieg mit Pakistan. Eine Erklärung dafür lautete: Um sich in einer Männerwelt durchzusetzen, müsse eine Politikerin beweisen, dass sie hart sei, Kriege führen und Armeen befehligen könne. Hillary hat schon gezeigt, wie hart sie sein kann, als sie für den verheerenden Irak-Krieg stimmte. Wenn McCain eine Fortsetzung von Bush ist, wäre Hillary eine Verlängerung des gesamten heutigen politischen Systems der USA, aber die Welt braucht ein anderes Amerika. Und dessen Name ist Barack Hussein Obama.

Allein der Umstand, dass diese Person überhaupt ein ernsthafter Bewerber um die Präsidentschaft sein kann, gibt mir den Glauben an Möglichkeiten zurück, die in Amerika stecken. Nach McCarthy gab es John F. Kennedy. Nach Bush könnte es Obama geben. Und das ist nur in Amerika möglich.

Die große Botschaft Obamas ist Obama selbst. Eine Person, die ihre Wurzeln in drei Kontinenten hat und die Welt aus der Perspektive Afrikas, Asiens und Nordamerikas sehen kann. Eine Person, die beides ist, schwarz und weiß. Ein Amerikaner des 21. Jahrhunderts.

Ich bin nicht naiv, auch wenn es so aussehen mag. In Obamas Reden stelle ich mehr Enthusiasmus als Inhalt fest. Wir wissen nicht, was er tun wird, wenn er einmal zum Präsidenten gewählt wurde. Trotzdem möchte ich lieber ein Risiko mit einem Obama eingehen, anstatt von vornherein zu wissen, was die beiden Routine-Politiker Clinton und McCain tun werden.

Ich weiß um die begrenzten Verbindlichkeiten von Wahlversprechen, aber jenseits all dieser Schwätzerei ist eine Sache wichtiger als eine Million Worte: Obama war von Anfang an gegen den Überfall auf den Irak, als dies Integrität und viel Mut verlangte. Hillary stimmte dafür, McCain unterstützt den Krieg bis heute. Wir in Israel kennen den großen Unterschied, ob man gegen einen Krieg in seiner ersten entscheidenden Stunde ist oder einen Monat oder fünf Jahre später. Auf der andern Seite wird sich vielleicht genau das gegen Obama wenden. Wähler mögen keine Person, die im Recht war, als sie Unrecht hatten. Es ist so, als würde man zugeben: Er war klug, als wir dumm waren.

Ist er nicht ein "Arab-Lover"?

Amerika benötigt eine Generalüberholung, eine Wäsche, nicht nur eine neue Wachsschicht. Es braucht einen Wechsel der gesamten Führung, eine Neubewertung seiner Position in der Welt. Kann Obama das vollbringen? Ich bin nicht sicher, nur ganz sicher, dass die beiden anderen es nicht können. An dieser Stelle wird ein Jude mit der klassischen Frage herausplatzen: Ist das für die Juden gut? Leute, die behaupten, für die amerikanischen Juden zu sprechen, die so genannten "Führer", die von niemandem gewählt worden sind, führen gegen Obama eine Kampagne gerissener Diffamierungen und schmutziger Andeutungen. Wenn sein mittlerer Name Hussein und er schwarz ist, dann muss er ein "Arab-Lover" sein!

Es sind die gleichen Führer, die mit den abscheulichsten Rassisten, den obskursten Fundamentalisten und Neo-Cons in einem Bett liegen. Die meisten amerikanischen Juden wissen, dass sie nicht dorthin gehören, sie sollten sein, wo sie immer gewesen sind: im progressiven Lager, das für Gleichheit kämpft und für die Trennung zwischen Staat und Religion. Natürlich wird auch gefragt: Ist Obama gut für Israel? Vor einem vorzugsweise jüdischen Publikum in Cleveland meinte er: "In der pro-israelischen Gemeinschaft gibt es eine Sorte von Leuten, die sagt, wenn man nicht eine beharrliche Pro-Likud-Einstellung gegenüber Israel habe, sei man anti-israelisch - das kann nicht der Maßstab für unsere Freundschaft mit Israel sein."

Wirkliche Freundschaft heißt: Sollte man den Freund betrunken sehen, wird man ihn nicht ermutigen, mit dem Auto zu fahren, sondern bietet an, ihn nach Hause zu bringen. Ich sehne mich nach einem amerikanischen Präsidenten, der den Mut und die Ehrlichkeit hat, unseren Führern zu sagen: Liebe Freunde, ihr seid betrunken, trunken von Macht. Ihr rast auf einer Schnellstraße dahin, die in den Abgrund führt! Sollte Obama ein solcher Freund sein, es wäre für uns alle ein Segen.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs.

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00:00 04.04.2008

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