"Wie bitte? Die Männer kochen?"

Gespräch Inci Bürhaniye und Selma Wels über die literarische Auseinandersetzung mit den Protesten vom Taksim-Platz und das orientalisch-rückständige Türkei-Bild deutscher Leser
"Wie bitte? Die Männer kochen?"
Ein Demonstrant schreibt auf dem Taksim-Platz Slogans an eine Häuserwand. Die Proteste haben ihre eigene Sprachkultur hervorgebracht.
Foto: AFP

der Freitag: Frau Bürhaniye, Frau Wels, Ende Mai begannen in Istanbul Proteste und Aktionen gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan, wie sie die Türkei in dieser Form noch nicht erlebt hat. Haben sie sich bereits auf die neueste türkische Literatur ausgewirkt?

Selma Wels: Es hat sich in der Türkei durch die Gezi-Bewegung eine neue Sprache entwickelt, die sehr humorvoll und intelligent ist. Ich nenne sie manchmal die „Gezi-Sprache“, die sich in Form von Graffitis und Sprüchen zu den Graffitis ausdrückt – in Bild und Text sozusagen. Allerdings wird beides immer rasch wieder weggewischt.

Wie in Ägypten während des sogenannten Arabischen Frühlings.

Wels: Es gibt verschiedene Webseiten oder Tumblrs, auf denen man die künstlerische Auseinandersetzung mit der derzeitigen Situation in der Türkei nachverfolgen kann.

Können Sie einige nennen?

Wels: Etwa Facebook-Seiten wie „Occupy Turkey Graffiti“, „Empati“ oder „Chapullers“. Da taggt einer etwas an die Wand und das geht an einen Pool von Grafikern, die innerhalb kurzer Zeit großartige Sachen daraus machen. Von unseren Autoren weiß ich, dass viele, die gerade ein neues Buch schreiben, es haben sein lassen, um das, was gerade passiert, einfach auf sich wirken zu lassen, und jetzt wieder anfangen, weiterzuschreiben.

Inci Bürhaniye: Es dauert einen Moment, bis es sich niederschlägt.

Das Herbstprogramm von Binooki ist fertiggestellt. Werden Sie im Frühjahr nächsten Jahres Bücher verlegen, die sich mit den Ausschreitungen beschäftigen?

Wels: Jetzt im September werden wir wieder nach Istanbul reisen und mit unseren Autoren sprechen. Die meisten waren ja von Anfang an mit auf der Straße. Zum Beispiel Emrah Serbes ist sehr aktiv. Die Idee ist, eine Art Anthologie herauszubringen, die unsere Autoren schreiben. Ob sie zum nächsten Frühjahr oder erst im Herbst 2014 erscheint, wissen wir noch nicht.

Türkischer Schimanski?

Haben sich die Proteste eigentlich auf Ihre Geschäftszahlen ausgewirkt? Auch wenn die Lage vor Ort ernst ist – wirtschaftlich gesehen, müssen Sie beide doch zufrieden sein.

Bürhaniye: Nein. Ich glaube, die, die sich für die Politik interessieren, bleiben dabei. Und für die Literatur gilt das gleiche. Das eine hat mit einem anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Wenn die Anthologie kommt, kann sich eine Verknüpfung ergeben. Aber dafür ist es einfach noch zu früh.

Wels: Die Behzat Ç.-Romane von Emrah Serbes wurden in Deutschland einmal mit Schimanski verglichen. Daher werden sie hier als reine Krimis gesehen. Es sind aber sehr politische Bücher. Oliver Kontny, der Übersetzer des ersten Behzat Ç.-Romans, hat auf unserem Verlagsblog dazu einen Text geschrieben.

Sie meinen Behzat Ç. – Der einzige Polizist, auf den wir stolz sind!?

Wels: Genau. Darin hat er aufgeschlüsselt, was an den türkischen Unis passiert und wie Serbes das in seinem ersten Behzat Ç. verarbeitet hat.

Kontny spricht von „so barbarischer, unverhältnismäßiger Polizeigewalt“ gegenüber Studierenden, „dass sich gar ein beträchtlicher Teil des Lehrkörpers mit ihnen solidarisierte“. Das Ganze geschah 2012 an der Elite-Uni ÖDTU in Ankara, wo auch Emrah Serbes studiert hat.

Wels: Stimmt. Serbes' Verarbeitung der Ereignisse ist sehr spannend, aber ich weiß nicht, inwieweit Behzat Ç. in Deutschland durch die Proteste in der Türkei besser verkauft wurde.

Sehen Sie sich derzeit in einer besonderen Verantwortung? Als „Aufklärer“ oder Vermittler eines anderen Türkei-Bildes, einer liberalen und kosmopolitischen Türkei?

Wels: „Aufklärer“ – ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist.

Wieso? Ist es falsch zu sagen, dass die deutschen Leser so gut wie keine Ahnung von der Türkei haben? Sie betreiben doch Aufklärung.

Bürhaniye: Unser Fokus liegt auf der Literatur. Wir sehen uns zuerst als Literaturvermittler. Dass nebenbei eine gewisse Aufklärung erfolgt, ist ein sehr schöner Effekt, den wir gerne fördern wollen. Das ist keine Frage.

Für die nächste Generation

Wels: Es wurde in den letzten Monaten in den sozialen Netzwerken viel auf Türkisch kommuniziert. In Deutschland hat keiner verstanden, was in der Türkei gerade passiert. Unsere Übersetzer, und teilweise auch wir, haben Texte ins Deutsche übertragen, Interviews und Kolumnen unserer Autoren. Zu finden auf unserer Facebookseite.

Wer sind eigentlich Ihre Leser? Türken, die schon länger hier leben oder geboren sind? Oder Deutsche, die sich auskennen, asiatische Autoren wie Haruki Murakami oder Mo Yan gelesen haben, und jetzt auf der Suche nach anderer „exotischer“ Literatur sind?

Wels: Es hat mich überrascht. Ich hätte gedacht, dass es Leute, wie mich, aus der zweiten oder dritten Generation interessieren würde. Also, ich weiß jetzt nicht, wer im Laden unsere Bücher kauft, aber wir haben ja einen Online-Buchshop auf unserer Webseite. Und da kann man schon an den Namen erkennen, dass es deutsche Leser sind.

Bürhaniye: Es sind über 90 Prozent deutsche Leser. Das ist etwas, was uns besonders freut. Auch wenn wir sagen, wir machen das für uns, für unsere nächste Generation. Aber der Wunsch war natürlich schon da, die deutschen Leser zu erreichen. Und das hat von Anfang an gut funktioniert.

Wels: Ich glaube auch, dass die türkischen Leser, wenn sie zum Buch greifen, diese tatsächlich in der Originalsprache lesen.

Bürhaniye: Noch. Aber ich denke, dass die nächsten Generationen, in zehn, zwanzig Jahren, sehr wahrscheinlich die türkische Literatur auf Deutsch beanspruchen werden.

Außerirdische Katzen

Weil sie Türkisch dann nicht mehr so gut beherrschen?

Bürhaniye: Genau.

Was, glauben Sie, ist das Spannende an Ihren Büchern?

Wels: Unsere Leser sagen, dass sie so Überraschungsmomente haben. Es gibt anscheinend ein schon vorgefertigtes Bild, wie das Leben in der Türkei ist oder wie Türken sind. Der Roman Unsere große Verzweiflung von Barış Bıçakçı spielt in Ankara. Zwei Männer leben in einer WG und da zieht eine junge Frau mit ein. Die Männer kochen. Die deutschen Leser sind überrascht: „Was, die wohnen alle zusammen? Die Männer kochen?“ Ein anderes Beispiel ist Secret Agency von Alper Canıgüz. Da geht es um eine außerirdische Katze, die eine Agentur leitet. Ich glaube, viele Deutsche kriegen nicht hin, dass ein Türke so schreiben kann.

Der Blick auf die Türkei scheint wie vor hundert Jahren ein kolonialistisch-orientalistischer zu sein. Viele deutsche Leser können sich dort ein Leben wie hier nicht vorstellen.

Bürhaniye: Die meisten haben erwartet, in den Büchern Tausend-und-eine-Nacht-Märchen zu finden und nicht moderne Lebensweisen. Aber eben das ist der Überraschungsmoment, der sie auch anhält, weiterzulesen. Aber was die Leser auch schön finden, ist, was wir jetzt viel mit Secret Agency erlebt haben: Es gibt darin eine Passage, in der die Hauptfigur, ein Werbetexter, seiner Kollegin, die er zum ersten Mal sieht, eine Liebeserklärung macht, die über eine Seite geht. Die ist schon sehr orientalisch. Aber genau diesen ausladenden Stil nimmt er auf die Schippe, aber auf eine sehr schöne Weise. Das freut die Menschen...

...dass es doch noch ein bisschen Tausend-und-eine-Nacht gibt.

Bürhaniye: Richtig. Aber so sehr uns dieser Erfolg in Deutschland auch freut: Die deutschen Behörden in der Türkei sind unserer Arbeit gegenüber alles andere als entgegenkommend. Unsere Autoren werden nicht gut behandelt.

Kontoauszüge mitbringen

Wie meinen Sie das?

Wels: Sie werden hierher zu Lesungen eingeladen. Dafür müssen sie im deutschen Konsulat vorsprechen und ihre Bücher auf Türkisch und Deutsch vorlegen, damit sie nachweisen können, dass sie Schriftsteller sind. Sie müssen Auskunft geben, wo sie hier wohnen...

Bürhaniye: ...und ihre Einkommensverhältnisse offenlegen...

Wels: ...und ihre Kontoauszüge mitbringen. Ein Autor wurde über eine Agentur eingeladen. Das war kein Problem. Aber bei einem anderen, der das selbst organisiert hat, wussten wir bis einen Tag vor dem Flug nicht, ob er fliegen darf.

Bürhaniye: Die Autoren bekommen ein Visum für den Tag, vor dem die Veranstaltung stattfindet und für den Tag danach. Da gibt es keine Flexibilität. Die Behörden sagen nicht: Du bist Schriftsteller und häufiger in Deutschland. Darum geben wir dir ein Visum für drei Monate. Damit er ganz ungezwungen ein- und ausreisen kann. Davon kann man nur träumen.

Wels: Es ist jedesmal ein Krampf. Was in Herrgottsnamen ist das Problem?

Bürhaniye: Man spricht von Kulturaustausch. Die Deutschen können problemlos in die Türkei reisen, die Türken aber nicht nach Deutschland. Es gibt daher Autoren, die sagen: Ich habe keine Lust und reise nicht mehr nach Deutschland.

Behrang Samsami schrieb seine Dissertation über die Wahrnehmung und Darstellung des Orients in deutschsprachiger Reiseliteratur

11:27 23.09.2013

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