Wie Chinas Medien über die olympischen Wettkämpfe berichten

Medientagebuch Die bittere Schönheit der Spiele

Innerhalb von einer Minute hat De Yongjian seinen BigMac vertilgt. Während der Olympischen Spiele bleibt dem Journalisten der Nachrichtenagentur China News kaum Zeit zum Essen. Manche Kollegen witzeln, er esse schneller, als Chinas Weltklasse-Hürdenläufer Liu Xiang laufen könne, erzählt De. "Aber seit Lius verletzungsbedingtem, wirklich tragischem Rückzug am Montag hat keiner mehr diesen Witz riskiert." Zu ernst sei nun jedes Detail um den geplatzten Traum der wichtigsten chinesischen Goldhoffnung. Das Schicksal von Liu bleibe bis zum Ende der Spiele das Top-Thema in der eigenen Olympia-Berichterstattung, meint der Journalist. Das sei sicher.

Schließlich hat Liu 2004 bei den Spielen in Athen geschafft, was noch keinem Asiaten gelungen ist: Er kämpfte sich beim 110-Hürdenlauf, eine der Paradedisziplinen der Leichtathletik und eine Domänen der Amerikaner, in der Weltspitze ganz nach vorn. Dabei war er genau so schnell wie der amtierende Weltrekordler Colin Jackson. Im eigenen Land sollte Liu - und wollte mit ihm die Bevölkerung Chinas - den Triumph perfekt machen und den Anspruch erhärten, eine sportliche Großmacht zu sein. "Unsere Öffentlichkeit sollte ihre Enttäuschung jetzt nicht an Liu auslassen und ihn beschimpfen", sagt der 28-jährige De, "viel entscheidender ist für mich die Frage, warum das Team hinter ihm die Verletzung so lange verschwiegen hat."

Seine Agentur kann dies freilich kaum so schreiben oder fragen. Dies sei noch zu brisant, das Thema zusensibel, meint De. Dennoch versuchten er und seine Kollegen nicht nur mehr über technische oder über private Hintergründe von Lius Ausscheiden zu recherchieren. Auch an den olympischen Geist der Toleranz und der Menschlichkeit wollten sie bei den Lesern appellieren. Wenn China einmal keine Goldmedaille hole, sei das schließlich kein Untergang.

Der Abgang ohne Wettkampf von Liu Xiang war der erste tragische Test für die chinesische Medienberichterstattung während der Spiele. Bis dato ließen sich die Titelseiten immer mit erwarteten oder überraschenden Erfolgsgeschichten füllen: eine enthusiastisch gelobte Eröffnungsfeier und dann täglich strahlende chinesische Goldmedaillengewinner. Enttäuschte Titel- oder Treppchenhoffnungen gab es entweder nicht oder gingen im Jubel einfach unter. Unangenehme Themen wie Internetzensur oder Protestaktionen von ausländischen Aktivisten ignoriert Chinas Presse in diesen Tagen sowieso. Für ihre Regierung sind es Tabu- und für die Leser Neben- oder nervende Themen. Aber Lius Schicksal bewegte die Nation und musste deshalb Titelgeschichte sein.

Das chinesische Fernsehen, das täglich auf mindestens vier Sendern die Spiele überträgt, setzte den in Tränen aufgelösten Liu-Coach auf der Pressekonferenz immer wieder in Szene. Reporter sprachen mit getragener Stimme von der "bitteren Schönheit der Olympischen Spiele" und den "Helden jenseits der Medaillen". Die Printmedien titelten fast ausnahmslos neutral: Liu Xiang zieht sich wegen Verletzung vom Wettkampf zurück. Nachdenklich kommentierte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua: Blutgetränkter Kampf - muss das sein? Reflexionen zum Beispiel Liu Xiang. Im Internet konnten Surfer von Beschimpfungen, über zynisches Selbstmitleid und das symbolische Pech aller Chinesen in der ganzen Welt bis hin zu tröstenden Worten für Liu Xiang alles zensurfrei schreiben.

Facettenreiche Texte oder Subtexte sucht man bei einer überwiegend patriotischen Berichterstattung der offiziellen Presse derzeit vergeblich. Aber es gibt sie. Die Nachrichtenagentur China News hat am Tag nach Lius Rückzug einen kontemplativen Artikel zur überzogenen Heroisierung von Sportlern im Angebot. Dazu zitiert Reporterin Wei Qun Lob und Tadel zum Verhalten der chinesischen Zuschauer in den Olympiastadien, wie sie der nordamerikanischen, südkoreanischen und europäischen Presse zu entnehmen sind.

"Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, schauen wir sehr genau, was die ausländischen Kollegen schreiben", meint Journalist De. Er lese oft Reuters oder die New York Times, auch um sich Anregungen zu holen. Etwas enttäuscht sei er, dass die amerikanischen Kollegen die gigantische Leistung des Schwimmers Michael Phelps so gar nicht hinterfragten. "Der kritische Journalismus kommt erst wieder beim Alter unserer Turnerinnen zum Vorschein."

Aber da unterscheide sich die westliche gar nicht so sehr von der chinesischen Berichterstattung. Letztlich schimmerten immer nationale Interessen durch. Gern hätte er noch mehr über ausländische Sportler, auch über ihren Kontakt mit China und der chinesischen Kultur geschrieben. Aber der Nachrichtenmarkt im Land mache das nicht mit. Wieder eine Gemeinsamkeit zwischen Journalisten aus aller Welt. "Bei Ihnen wollen die meisten Leser ja auch nicht zweieinhalb Wochen lang nur etwas über Politik und Proteste lesen", sagt De, "sondern möglichst viel über Erfolge und Misserfolge Ihrer Sportler."

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