Wie man ist, was man wird

Im Kino Andres Veiels Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" folgt vier Schauspielschülern, die gegen alle Widerstände heute beweisen müssen, was sie morgen zu leisten im Stande wären

Wie man wird, was man ist, hat sich der Dokumentarfilmer Andres Veiel bislang erst gefragt, wenn das Werden an sein Ende gekommen war. Seine biographischen Spurensuchen galten Toten, Selbstmördern und Ermordeten. Aus diesem Umstand, der plötzlichen Zäsur, bezogen die protokollierten Lebensläufe ihr dramatisches Potential. In Die Überlebenden (1996) forschte Veiel der Entwicklung dreier Klassenkameraden nach, die sich das Leben genommen hatten. Black Box BRD (2001) parallelisierte die Geschichte des RAF-Opfers Alfred Herrhausen und des RAF-Mitglieds Wolfgang Grams, die beide gewaltsam zu Tode gekommen waren.

Mit Die Spielwütigen ändert Veiel nun die Stoßrichtung seiner Lebensbeschreibungen, indem er das retrospektive Verstehen-Wollen in die perspektivische Beobachtung verlagert. Sechs Jahre, von 1997 bis 2003, hat der Dokumentarfilmer vier Schauspielschüler der Berliner Ernst-Busch-Schule mit der Kamera begleitet, von der Probe für die Aufnahmeprüfung bis zum ersten Engagement. Die Hinwendung zum Theater vollzieht sich in Veiels Filmographie als Rückkehr zum Anfang: Balagan hieß sein Debüt von 1994, in dessen Mittelpunkt drei junge israelische Akteure standen, deren Spiel geprägt war vom Zwiespalt zwischen einem mächtigen Gestern, dem Holocaust, und dem Heute, in dem sie lebten.

Das Bleigewicht der Vergangenheit, wie die Geschichte des systematischen Völkermords eines ist, fehlt in Die Spielwütigen. Was nicht bedeutet, dass die vier jungen Mimen ein voraussetzungsloses Leben antreten. "Genauso wie die Zarah Leander", sagt die verzückte Großmutter von Karina Plachetka nach deren Gesangsdarbietung im elterlichen Frisiersalon. "Ich hoffe, ich werde mal eine Karina Plachetka werden, eine ganz selbständige Person", wendet das keck-sanfte Mädchen ein, und an dem leisen Widerspruch kann man erkennen, wo für Veiel der Ort einer Tragik des Alltäglichen liegt: in der Familie, dem Grund, aus dem der Mensch kommt. Was eine Karina Plachetka ist und wird, was eine Constanze Becker, ein Prodromos Antoniadis oder eine Stephanie Stremler - das wird ausgehandelt gegen die Vorsehung, die das Elternhaus mehr oder weniger deutlich formuliert. Sieht man Constanze in der ersten Szene vor den interessiert-kritischen Blicken ihres Zwei-Personen-Publikums im großbürgerlichen Landhaus spielen, so hat man wenig Zweifel, dass sie erfolgreich den vor ihr liegenden Weg beschreiten wird. Die Sorge der Eltern, Schauspiel sei kein seriöses Gewerbe erscheint in ihrer bildungsbürgerlichen Überkommenheit entsprechend läppisch. Bei Karina, die bei der Probe selige Bewunderung erntet, liegt der Fall des Talents ebenso klar; problematisch an den an sie gerichteten Erwartungen ist allenfalls, dass sie so diffus sind. Schauspiel heißt für die Oma der eingewanderten Familie eben Zarah Leander und für den liebevollen Vater alles, was im Fernsehen kommt, inklusive Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Prodromos und Stephanie verlangt der Berufswunsch dagegen ein großes Maß an Selbstbehauptungswillen ab. In der griechischen Familie findet im Spiel der Generationenkonflikt statt, wenn die Eltern mit distanziertem Staunen auf den Sohn schauen, der seine Vorsprechrolle verinnerlicht hat: Robert de Niros Taxi Driver, "ein Mann, der sich wehrt". Stephanie, der Prüfer "Koordinationsstörungen" bescheinigen werden und die ob ihres naiven Sprechens als Hoffnungsloseste unter den vieren wirkt, wird mit den - kleinbürgerlichen - Ängsten ihrer Eltern konfrontiert, die eine Ausbildung ihrer Tochter gern durch die Verbindung mit etwas Bodenständigerem abgesichert sähen. Dass auch sie es schafft, trotz unzähliger Vorsprechen und langer Krankheit, ist die vielleicht schönste Geschichte, die der Dokumentarfilm erzählt.

Das Studium, verbunden mit dem Weggang aus dem Herkunftsort, der Abnabelung vom Zuhause, markiert die zeitliche Schwelle zur Eigenverantwortung, von der aus Veiels Film beide Seiten im Auge behält. Die Erwartungen der Eltern, die Möglichkeiten des Milieus werden in Berlin ersetzt durch die Ansprüche der Lehrer, von denen sich schwer sagen lässt, was an ihnen Psychologie und was Eitelkeit ist. Wenn Constanze in einer Szene abgekanzelt wird, bis Tränen drohen ("Constanze schlafft schon wieder ab"), dann mag man darin im ersten Moment eine Ungerechtigkeit sehen, im zweiten aber ein Mittel zur Motivation, das letzte aus sich herauszuholen. Diese Ambivalenz des Rechthabens, die das existentielle Ringen um sich selbst der vier Spielwütigen umgürtet, macht den Reiz von Veiels Film aus. Der liefert so reichhaltige Indizien für die Entwicklung eines Lebenslaufs, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, zuzusehen, um sich daraus Urteile zu formen. Für die Lust des Zuschauers spricht auch, dass Die Spielwütigen den Panorama-Publikumspreis auf der diesjährigen Berlinale erhielt - eine passendere Auszeichnung kann man sich nicht denken.

Die Dichte von Veiels Beobachtungen verdankt sich der Wahl des Metiers. Schauspiel ist die Druckkammer des Biographischen, das den Prozess von Suchen und Wachsen beschleunigt und vervielfältigt, weil jede Rolle ein neues Leben bedeutet. Verknappt auf das Mantra der Lehrer heißt das: "Wissen, wo ihr herkommt, wissen, wo ihr hinwollt." Liest man im Abspann, was aus den vier Spielwütigen bislang geworden ist, gewinnt man allerdings den Eindruck, dass die biographische Bewegung keine lineare ist, sondern ein Rundlauf. Von Stephanie vielleicht abgesehen, ist das Erreichte die Verlängerung der ersten Gehversuche ins Professionelle. So gesehen ist Veiels Dokumentation ein Film, der davon erzählt, wie man ist, was man wird.


00:00 04.06.2004

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