Wie reich ist Gott?

Medientagebuch Eine Sendung fürs Finanzamt: "The Fabulous Life of ..." auf MTV

Spätestens durch die Casting-Shows hat das Fernsehen seine Unabhängigkeit an die Außenwelt erklärt. Glanz und Ruhm werden nicht mehr aus anderen Zusammenhängen entliehen, sondern preiswert selbst hergestellt. Politisch gesehen liefe das auf eine Art totalitäre Demokratie hinaus, in der jeder mitmachen kann, solange er sich dabei zuschauen lässt.

Solche Transparenz hat gerade in der Star-Produktion große Vorteile. Die Notwendigkeit des Stars erklärt sich aus seiner Fähigkeit, unter uns Konsumenten Identität zu stiften. Das geschieht einmal über Sehnsuchtsbilder, die sein Dasein für uns entwirft. Zum anderen kommen wir im Gespräch über den Star zusammen; der Austausch von Klatsch und Tratsch hilft uns zumindest momentan aus unserer natürlichen Einsamkeit. Nur ein Ketzer wird anmerken, dass sich beide Momente von einer televisionär-selbstreferentiellen Star-Maschinerie kaum zugleich erschaffen lassen. Wer unterstellt, dass in dem allumfassenden Maße, wie wir über den Zustand der jeweiligen Aspiranten auf einen Posten im elitären Glitzerwesen informiert sind, unsere Bereitschaft zur Verklärung derselben sinke, vergisst, dass das Fernsehen auf solche Widersprüche noch immer kompromisslos reagiert hat: indem es sie einebnet. Wahrhaft anatomisch also breitet uns das Fernsehen das Leben unserer Lieblinge aus, noch ehe sie zu denen geworden sind. Der Hang zur frühen Biografisierung muss diesem aufklärerischen Unterfangen unbedingt hinzugerechnet werden.

Was aber fängt das Fernsehen mit jenen an, die sich ins Licht der Scheinwerfer retteten, bevor die Kameras sich an den Rändern auf dem Weg dahin postieren konnten? Die Antwort weiß MTV. Das Musikfernsehen hat sich von seinem ursprünglichen Programmauftrag als Dauerwerbesendung für die Plattenindustrie gelöst und zeigt derzeit neben verschiedenen Unterhaltungs-Shows eine Reihe von Filmbeiträgen, die unter dem Titel AAA - Access All Areas firmieren. In gewisser Weise könnte man von Society-Reportagen sprechen, die "Zutritt zu allen Bereichen" ermöglichen.

Mit AAA betreibt MTV die retrospektive Durchleuchtung bereits gewordener Stars. Wo in den Casting-Shows die klassische Klatschdomäne Wer-mit-Wem hinter eher sportreportagehaften Informationen über die harte Arbeit am glänzenden Selbst zurückstehen muss, ist die Sezierung fertiger Karrieren in AAA aufs Wesentliche reduziert. Das heißt: auf den Erfolg, wobei Erfolg gleich Geld plus Öffentlichkeit ist. Anders gesagt: Aus der Anekdote vom jungen Michael Jackson, der nach seinen ersten großen Hits den Ex-Beatle Paul McCartney fragt, wie er das damit eingenommene Geld am besten anlegen sollte, und McCartney ihm rät, in Songrechte zu investieren, woraufhin Jackson das Copyright an allen Beatles-Liedern erwirbt - schält AAA die bloße Zahl 500 Millionen Dollar. Soviel sind die Beatles-Rechte heute angeblich wert.

Erfahren kann man das in The Fabulous Life of..., der herausragenden unter den AAA-Rubriken. Das Beispiel von Michael Jackson könnte - vor seinem biografischen Hintergrund und den Pädophilie-Vorwürfen - gewisse Zweifel wecken, dass "fabelhaft" das beste Attribut für dieses Leben ist, aber für MTV gilt: Fabulous gleich Erfolg. Wie sich Erfolg zusammensetzt, ist bekannt, obwohl The Fabulous Life of... nicht müde wird, das recht einfache Rezept in jeder Folge zu wiederholen. Im Falle der "Hilton-Sisters" genannten Kinder der gleichnamigen Hotelbesitzer lautet die Formel etwa: "Wir zeigen euch, was es heißt, sexy zu sein, beliebt zu sein und später mal ein gigantisches Vermögen zu erben."

Der investigative Duktus von The Fabulous Life of... schließt die direkte Ansprache des Zuschauers als Adressaten der breit angelegten Recherche ein. Die Bilanzierung von Vermögenswerten ist in mehrere Kapitel aufgeteilt, etwa Schmuck, Kleidung und Accessoires, Fortbewegung, Unterkunft oder Jet Set, worunter alle performativen Akte von Reichtum fallen wie sechsmaliges Geburtstag-Feiern an verschiedenen Orten (Paris Hilton) oder Urlaub in der Bangkoker Hotelanlage Chiva-Son (Victoria David Beckham). Jeder bezifferte Geldwert wird in golden strahlenden Zahlen eingeblendet, begleitet von einem Geräusch, das dem Sie-haben-1-neue-Nachricht-Pling im Posteingang ähnelt. So wird permanent Vollzug gemeldet.

Wie auf dem Finanzamt arbeitet sich The Fabulous Life of... durch die komplexen Vermögensverhältnisse seiner Klientel, unterstützt allein durch die Zeugenschaft verschiedener Experten. Diese Bescheidwisser machen einen nicht unbeträchtlichen Reiz der Sendung aus, da sie in bewundernswerter Weise jedes Mal aufs Neue erstaunt sind, wie reich Reichtum sein kann und welche Spielarten er kennt. Ungekrönte Königin unter den informierten Claqueuren ist Veronica Hinman (Us Magazine), die zum Ort des Beckham-Urlaubs sagte: "Das Yoga-Training dort ist so, als würde man mit Gandhi Yoga machen." Ihr männliches Äquivalent ist Marc Malkin (ebenfalls Us Magazine), der über die Hilton-Sisters den schönen Satz äußert: "Sie haben mehr Geld als Gott."

Die erste Reaktion auf The Fabulous Life of... mag Entsetzen sein. Aber wer seinen Ekel überwindet, kann ein halluzinatorisches Stadium erreichen, in dem die von immer gleichen Bildern unterlegten tautologischen Beschreibungen einer pekuniären Dauererektion als rationale Poesie erscheinen.

Oder als höhere Mathematik. The Fabulous Life of... operiert mit vielen Unbekannten und erweist sich so als eine Spielart der bei Rätselfreunden beliebten Logelei. Ein Beispiel: David Beckham, der Michael Jordan hoch 10 ist und bei Manchester United spielte, die 100 Mal so bekannt wie die New York Yankees sind, schenkte seiner Victoria zur Verlobung einen Ring im Wert von 65.000 Dollar. Brad Pitt schenkte Jennifer Aniston zum gleichen Anlass einen Ring im Wert von 1 Million Dollar. Die Aufgabe lautet: Wieviel Mal lieber hat Brad Pitt Jennifer Aniston als David Beckham Victoria Beckham? Wer ist bekannter - Michael Jordan oder die New York Yankees? Und: Wie reich ist Gott? Sage noch einer, Fernsehen mache dumm.


00:00 12.12.2003

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