Wie sieht die Zukunft der Filmkritik aus?

Umfrage Dominik Grafs Porträt des verstorbenen Michael Althen handelt auch von der Suche nach einem anderen Schreiben über den Film. Wie könnte dieses Schreiben morgen aussehen?

In dieser Woche kommt „Was heißt hier Ende?“ ins Kino, Dominik Grafs Porträt des 2011 verstorbenen Filmkritikers Michael Althen. Die Dokumentation handelt auch davon, wie in den 80er Jahren junge Kritiker ein anderes Schreiben über den Film suchten. Wir haben den Filmstart zum Anlass genommen, verschiedene Menschen (keine Kritiker) zu fragen, wie dieses Schreiben morgen aussehen könnte – und ob eine Figur wie Michael Althen, der sich ein ganzer Film widmen lässt, überhaupt noch denkbar ist.

Rolf Aurich „Kürzel wiedererkennen“

Lektor an der Deutschen Kinemathek, Mitherausgeber von Film & Schrift

Ein Film über einen Filmkritiker – schön, dass man sich seiner erinnert. Die Erforschung der Filmkritik ist ein Orchideenfach. Häufig hat man es dabei mit unbekannten Kürzeln und Pseudonymen zu tun. Sie zu kennen ist aber notwendig, sonst weiß man in solchen Fällen nicht, wer eine Kritik verantwortet. Denn nicht das Blatt oder die Zeitschrift haben den Text autoritativ verfasst. Schon dass Siegfried Kracauer manchmal als „Raca.“, dann wieder mit „Kr“ gezeichnet hat, ist nicht wohlbekannt. Niemand weiß um sämtliche Sigel, doch das Bemühen darum sollte erkennbar sein. Hat es doch allein in Deutschland viele gute Autoren unter denen gegeben, die unerkannt Filmkritiken veröffentlicht haben und es verdient hätten, aus dem Dunkel befreit zu werden. Es ist nicht damit getan, sie namenlos zu zitieren. Ihre einzigartige Stimme bleibt dann auf der Strecke – das, was sie zum Dokument einer Zeit werden lässt. Es wäre wichtig, wenn es identifizierbare Filmkritiker auch morgen noch geben würde.

Matthias Elwardt „145 Millionen Menschen“

Geschäftsführer des Hamburger Kinos Abaton

Für Michael Althen war Kino ein Lebensmittel. In seinen Texten hat er herausragend und sehr persönlich die Magie des Kinos beschrieben. Sein 2002 erschienenes Buch Warte, bis es dunkel ist erzählt mit großer Leidenschaft von seiner Liebe zum Kino als kulturellem und sozialem Ort. So einen entschiedenen Fürsprecher für das Kino vermisse ich manchmal, aber es gibt vielversprechende Nachfolger. Ich würde mir wünschen, dass in den Chefredaktionen das Kino wieder mehr Gewicht bekommt. Denn das Kino bewegt immer noch und immer wieder Menschenmassen, jede Woche aufs Neue. Denn, sagt Michael Althen, das Kino „gibt Auskunft über das, was ist, und das, was möglich wäre, darüber, wer wir sind und wer wir gerne wären“. Wer daran zweifelt, sollte sich aktuell Sebastian Schippers Victoria ansehen. Da spürt man eine Energie auf der Leinwand und im Publikum, auf die ich sehr gern eine Eloge von Michael Althen gelesen hätte. In seinen Texten wie im persönlichen Gespräch hat Michael Althen nie hämisch oder pauschal abwertend über Filme geschrieben, auch im Scheitern hat er Poesie und Ideen entdeckt. In Deutschland sind es zwischen 120 und 145 Millionen Menschen im Jahr, die darauf warten, dass es dunkel wird, und die sich von Filmkritikern mit kraftvollen, eleganten Texten begleiten lassen wollen. Während Theater, Oper und Orchester 33 Millionen Besucher im Jahr haben und gerade mal 13 Millionen Fans zu Bundesligaspielen pilgern. Gute Filmkritiken, wie die von Michael Althen, lösen Vorfreude aus beziehungsweise lassen mich noch mehr sehen, hören, denken und fühlen.

Juliane Leopold „140 Zeichen“

Chefin von Buzzfeed Deutschland

Das Kino ist der beste Ort, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, ohne sich ihr aussetzen zu müssen. Als ich mit 19 Jahren vor der Frage stand, was ich 40 Jahre acht Stunden am Tag arbeiten könnte, kam ich genau deswegen zur Filmwissenschaft. Tagsüber in einem dunklen Raum zu sitzen, noch dazu in einem bequemen Stuhl und ohne Kollegen, Kohlrouladengeruch oder Topfpflanzen, und danach seinen Senf dazuzugeben, wie die Welt so läuft: So stellte ich mir das Paradies vor. Es kam dann anders. Ich wurde nicht Filmkritikerin. Ich ging stattdessen ins Internet. Sitzende Tätigkeit, Gott sei Dank. Und viel Kritik und Senfdazugeben, allerdings nicht gedruckt, sondern meist digital in 140 Zeichen. Und mit mehr Themen als dem Kino. Allerdings ähnlichen Gemengelagen: Auf Twitter erleben wir ja auch manch schöne Inszenierung und Charakterstudie. Hätte Michael Althen getwittert? Er hätte es sich mit Sicherheit mal angeguckt. Und eine Rezension in 140 Zeichen, die wäre eine Herausforderung für ihn gewesen.

Ines Walk „Das Feld ist viel zu heterogen“

Chefredakteurin von moviepilot.de, Betreiberin von film-zeit.de

Ich beobachte seit längerem eine feindliche Einstellung gegenüber Kritikern. Dies ist nicht nur ein Problem der Filmkritik im Internet, Ähnliches ist bei Literatur-, Theater- und Kunstkritik in allen Medien zu erkennen. Wir bei moviepilot.de versuchen trotz Gegenwehr, dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem wir auf die Möglichkeiten von Kritik verweisen. Sie kann neue Blickwinkel und subjektive Sichtweisen auf Filme eröffnen. Im Einzelfall haben wir wohl Erfolg, in der Masse nicht. Wahrscheinlich wird es in Zukunft einen Filmkritiker, auf den sich wie bei Michael Althen das deutsche Feuilleton und eine spezielle Leserschaft einigen können, nicht mehr geben. Dafür ist das Feld viel zu heterogen geworden. Aber es wird auch in Zukunft viele Kritiker geben, die gelesen werden. Sie müssen es in den verschiedenen Medien nur schaffen, mit ihren Lesern so zu kommunizieren, dass sie über das, was beide aus beruflichen und/oder privaten Gründen so sehr lieben, anregend, sensibel und provokant nachdenken.

Andrea Hanke „Von großer Bedeutung“

Redakteurin in der Redaktion Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR

Wie die Zukunft der Filmkritik aussehen wird und welche Bedingungen damit auch für Kritikerpersönlichkeiten entstehen, vermag ich nicht einzuschätzen. Allerdings weiß ich, was ich vermissen würde, wenn es die Filmkritik nicht mehr gäbe: Den Blick des Kritikers, der eben nicht involviert in die Produktionsprozesse ist und dadurch auch mich zu einem frischen, anderen Blick auf die Filme verleiten kann, an denen ich als Redakteurin beteiligt war. Das kann manchmal schmerzhaft sein, aber immer wieder auch inspirierend. Für mich und meine Arbeit ist diese kritische Auseinandersetzung über das Medium Film und seine ästhetischen Möglichkeiten jedenfalls stets von großer Bedeutung. Was ich allerdings nicht vermissen würde, sind die oft zu einfachen Erklärungsversuche für Scheitern wie Erfolg.

Ulrich Höcherl „Zu wenig Respekt vor der Arbeit“

Chefredakteur Blickpunkt:Film

Die Filmkritik hat in den letzten Jahren dramatisch an Bedeutung verloren. Das hat sie sich zum einen selbst zuzuschreiben, es liegt aber auch in der Meinungsflut im Internet begründet. Ob es sich lohnt, einen Film oder eine neue Serie anzusehen, das erfahren die Zuschauer heute viel schneller aus ihrem sozialen Netzwerk, von Freunden, die dort schon den Daumen gehoben haben und denen sie mehr trauen als jedem Kritiker. Zusätzlich hat sich die Feuilletonkritik längst vom tatsächlichen Filmgeschehen verabschiedet, träumt vom Autorenfilm und sehnt sich nach Zeiten zurück, als ihr Filme lange vorab zur Begutachtung vorgelegt wurden. Ob ihr Bannstrahl den neuen Film von Til Schweiger trifft oder ihre dringende Empfehlung einem neuen Werk der Berliner Schule gilt, wirkt sich auf die Besucherzahlen jeweils nicht aus. Der gängigen Filmkritik mangelt es an Respekt vor der professionellen Arbeit der Filmemacher und am Verständnis für die veränderten Lebenswelten ihrer Leser, vor allem aber an der Liebe zum Film, seinen Machern und seinem Publikum, die einen Michael Althen ausgezeichnet hat. Das heißt aber nicht, dass sich im Netz nicht neue glaubwürdige und authentische Stimmen bilden können. Mit ihnen hat die Filmkritik auch wieder eine Zukunft.

06:00 01.07.2015

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