Wie Stummfilmproduzenten

Elektromobilität Die deutschen Autobauer halten am Verbrennungsmotor fest – wider die Vernunft
Andreas Knie | Ausgabe 05/2016 2
Wie Stummfilmproduzenten
Antrieb wird elektrisch. Nur bei deutschen Autobauern ist das noch nicht angekommen

Foto: DancehallCaballero/Photocase

Wenige Monate vor dem Dieselskandal zeigte sich die Automobilbranche noch mit Blick nach vorn. Hersteller, Zulieferindustrie sowie Vertreter von Wissenschaft und Politik trafen sich im vergangenen Sommer zur großen Konferenz der „Nationalen Plattform Elektromobilität“. Der Tenor der Industrie: Wir sind prinzipiell bereit für einen Wechsel – weg vom Verbrennungsmotor, hin zur Elektromobilität. Allerdings forderten die anwesenden Vorstände von der Politik veränderte Rahmenbedingungen: Kaufprämien für Elektrofahrzeuge und Sonderabschreibungen für gewerbliche Fahrzeugflotten. Einige Hersteller, allen voran BMW, gingen sogar so weit, nicht nur elektrische Antriebe zu präsentieren, sondern ebenso andere Nutzungskonzepte für Automobile, etwa Carsharing-Modelle.

Damals war viel Optimismus zu spüren, verändert hat sich bis heute gar nichts. Die Politik diskutiert zwar eifrig über Kaufprämien, doch in den Konzernen bleibt alles beim Alten. Wer dieser Tage mit Volkswagen-Vertretern zu tun hat, versteht die Welt nicht mehr. Statt mutig neue Wege in der Antriebsentwicklung zu gehen und auf die bereits realisierten Entwicklungsprojekte zurückzugreifen, verteidigen sie geradezu trotzig den Dieselmotor. Als Argument dafür dient ausgerechnet, dass die angestrebten Ziele zur CO2-Reduktion nur mit dem Diesel zu schaffen seien.

Der Abgasskandal scheint in Wolfsburg die Welt eingefroren zu haben. Zwar gibt es kleine Projekte wie elektrische Antriebe für den Phaeton und eine Porsche-Baureihe oder den neuen Budd-E, eine elektrifizierte Neuauflage des Bullis. Doch von einem Ruck, einem echten Paradigmenwechsel in Sachen Antriebs- und Verwendungsphilosophie oder gar von einer „Neuerfindung“ des Autos kann keine Rede sein. Das konzerneigene Carsharing-Angebot „Quicar“ in Hannover dampfte VW vor kurzem ein. Bei dessen Start 2011 war noch von der Expansion in andere Städte die Rede, jetzt wird Quicar zu einem niederländischen Anbieter abgeschoben, an dem ein VW-Händler Anteile hält.

Zeichen des Wandels

Die anderen Hersteller sind ebenso wenig für eine echte Transformation zu haben. Daimler-Chef Dieter Zetsche lobt öffentlich gern die Vorteile des Elektroautos und wird nicht müde zu betonen, dass sein Konzern bereits attraktive Fahrzeuge im Angebot habe. Doch an der Hochschule Nürtingen, beim dortigen Tag der Automobilwirtschaft im vergangenen November, verkündete Zetsche, gefragt nach Konsequenzen aus dem Dieselskandal: Die Welt der Autos könne er als „Petrol Guy“ sich gar nicht ohne Verbrennungsmotoren vorstellen. In dieser Welt werde der Diesel seinen ganz prominenten Platz auch in Zukunft behaupten.

Dabei sind die Zeichen des Wandels nicht zu übersehen. Wer die Menschen in Deutschland nach der Zukunft des Autoantriebs fragt, erhält überall die gleiche Antwort: Der Elektromotor kommt! Auf die Frage, was die Menschen in den Städten am meisten stört, heißt es stets: zu viele Autos, Lärm, schlechte Luft. Befragungen zeigen einen klaren Trend zu einer kritischeren Haltung gegenüber Verbrennungsmotoren.

Wer an der Zukunft interessiert ist, geht nach Kalifornien. Auf den ersten Blick kaufen die US-Amerikaner des billigen Öls wegen wieder mehr Geländewagen oder andere Spritschlucker. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch einen Wandel. Wer sich modern und innovativ inszenieren will, fährt elektrisch, also einen Tesla oder zumindest japanische Plug-In-Hybride. Es handelt sich dabei keinesfalls um ein Massenphänomen, aber um Vorzeichen. Wer sie verkennt und den Zeitpunkt verpasst, von dem an die Ausnahme zum Standard wird, sieht alt aus. Produzenten von Schreibmaschinen, Plattenspielern und Großkraftwerken können davon Lieder singen.

Die Menschen wollen sich individuell bewegen, aber dabei keine schweren Gesundheitsschäden davontragen. Immer weniger benötigen große Fahrzeuge im Privatbesitz, um ihre gesellschaftliche Bedeutung zu demonstrieren. Gesellschaftlicher Status bemisst sich längst nicht mehr an der Zahl der Zylinder oder an Höchstgeschwindigkeiten. Es gibt so viele Modelle – die Markenbindung an Autos verliert praktisch täglich an Bedeutung. Autos sind wie Gas, Wasser, Strom: einfach da. Man nutzt sie, sie sind aber kaum mehr ein Symbol des Besonderen.

Zunehmend interessieren sich Menschen auch für andere Verkehrsmittel. Das Fahrrad erfreut sich großer Beliebtheit, erlebt eine wahre Renaissance. In den Städten ist es schick, die U-Bahn zu benutzen oder sich auf Leihrädern fortzubewegen. Drei Trendlinien werden den Mobilitätsmarkt der Zukunft prägen: Der Antrieb wird elektrisch, das Eigentum am Auto verliert an Bedeutung, und die Verkehrsmittel werden stärker digital vernetzt – je nach Bedarf, Neigung und Gelegenheit.

Und die deutsche Autoindustrie? Hält bockig an Althergebrachtem fest. Feiert fahrlässig weiter das Verbrennerauto wie das Goldene Kalb, setzt mit Otto und Diesel störrisch auf deutsche Erfindertradition. Dabei gibt es so viel Positives. Das Bekenntnis von BMW zur Elektromobilität, die Car2go-Flotte und die Mobilitäts-App „moovel“ bei Daimler: All diese zarten Pflänzchen bleiben im Schatten des Alten.

Die Chefs in den Vorstandsetagen wähnen sich auf dem richtigen Weg, weil sie um die Macht der Branche wissen. Alle verhalten sich wie Stummfilmproduzenten am Vorabend der Einführung des Tonfilms.

Andreas Knie ist Verkehrsforscher in Berlin und leitet das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ)

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