Wink mit dem Weltgericht

Milosevic-Prozess in Den Haag Warum sich die Serben inzwischen um das Tribunal nur noch wenig scheren

Serbien und Kroatien - zwei Länder so unterschiedlich, dass sie angeblich auf keinen Fall ein Staatsdach teilen können - haben sich seit ihrer Trennung verblüffend ähnlich entwickelt. Franjo Tudjman in Zagreb herrschte auch ohne orthodoxe Konfession nach byzantinischer Art und schusterte seinen persönlichen Freunden ebenso viele öffentliche Betriebe zu wie der Kollege Staats- und Parteichef in Belgrad. In Bosnien kämpften die verfeindeten Zwillingsbrüder eine Zeitlang sogar Schulter an Schulter, nachdem die Presse beider Länder über den gemeinsamen Feind - die Muslime - wortidentische Propaganda ausgegossen hatte. Die Ermittler des Haager Kriegsverbrechertribunals hörten aus Zagreb und Belgrad exakt die gleichen Verteidigungsreden, alle mit dem Tenor: "Wir nicht - aber die auch!" Im selben Jahr wurden Serbien und Kroatien ihre Kriegsregimes schließlich los, heute stehen sie vor den gleichen Problemen.

Erst neuerdings gibt es zwischen beiden Ländern einen wichtigen Unterschied: Kroatien reagiert angemessen verstört auf die beginnenden Kriegsverbrecherprozesse - Serbien reagiert so gut wie gar nicht. Die Anklagebehörde im fernen Holland ist daran nicht unschuldig.

In diesen Tagen hat vor einem Zagreber Gericht der erste Prozess gegen einen kroatischen Offizier begonnen - das Land macht eine Katharsis durch, ganz wie die Erfinder des Haager Tribunals sich das gedacht haben. Ende 1999 waren noch 80 Prozent der Kroaten der Meinung, Kriegsverbrechen der eigenen Seite hätten nicht nur nicht stattgefunden, sie seien vielmehr definitorisch ausgeschlossen. Schließlich hätten die eigenen Leute ja für die gute Sache gekämpft. Ein historisches Missverständnis: Erst im Krieg oder kurz zuvor hatte eine ganze Generation ihre kroatische Identität entdeckt - eine gute Gelegenheit, die Leerstelle mit aktuellen Inhalten zu füllen. Kroatisch wurde zum Synonym für pro-westlich, antikommunistisch, demokratisch. Alles, was im eigenen Land dem Ideal widersprach, war eben serbisch. Wären die Serben erst weg, wäre der paradiesische Endzustand erreicht, hieß es

Doch seit zwei Jahren lassen sich die Kroaten von Enthüllungen der Haager Ermittler über die Verbrechen der eigenen Seite nachhaltig irritieren. Zuerst hatte man sich nur gegen "die Herzegowiner" gewandt - Kroaten aus der Nachbarschaft, die den Präsidenten und das ganze Land in den Krieg in Bosnien hineingezogen hatten. In Zagreb tauchten Graffiti auf: "Wer die Herzegowiner kennt, wird die Serben lieben!" Der neue Präsident Stipe Mesic wurde denn auch als konsequenter Gegner des bosnischen Abenteuers und hingebungsvoller Herzegowiner-Hasser gewählt.

Aber es blieb nicht bei der Konstruktion eines neuen Feindvolkes. Tief verschreckt reagierte die Öffentlichkeit, als sie erfahren musste, dass auch die eigenen Leute im ersten Krieg um die Unabhängigkeit 1991 schwere Verbrechen gegen serbische Zivilisten begangen hatten. Mitten im paradiesischen Kroatenland - in Gospic - hatten Spezialpolizisten seinerzeit unschuldige Serben aus ihren Wohnungen geholt, in den Wald gefahren und erschossen. Eine kleine Einheit des Innenministeriums entführte eine serbische Familie aus Zagreb ins Ausflugsgebiet auf dem Slijeme und brachte Vater, Mutter und Tochter in einer Höhle um. Man konnte sich von diesen Dingen nicht so einfach distanzieren: Was man als "serbokommunistische Propaganda" abgetan hatte, war offenbar wirklich passiert.

Heute wird in Kroatien wütend über die Vergangenheit gestritten. Auf der einen Seite stehen militante, oft rechtsradikale Veteranenverbände, die Komitees zur Verteidigung der Würde des Vaterländischen Krieges gegründet haben, auf der anderen Seite junge, liberale Bürger, die kahl geschorene Disco-Schläger mit dem Nimbus des Volkshelden schon wegen der eigenen Zukunft gern so rasch wie möglich hinter Gittern sähen. Beide Lager befehden einander, jedes Auslieferungsbegehren aus Den Haag führt zu einer neuen Staatskrise. Eine gemeinsame Formel für die Geschichte der neunziger Jahre existiert nicht mehr. Die junge Nation muss ihr Selbstverständnis erst neu finden.

Serbien hat da keine tiefer gehenden Probleme. Slobodan Milosevic war jahrelang wie ein nationaler Messias gefeiert worden, aber als er vergangenen Sommer ausgeliefert wurde, demonstrierten nur ein paar Hundert alte Leute. Wenn jetzt der Prozess beginnt, sollen gleichzeitig andere Vertreter des alten Regimes nach Den Haag geflogen werden, doch die Resonanz ist noch geringer als im Sommer. "Die Kooperation mit dem Haager Tribunal ist der Preis, den wir zahlen müssen, um EU-Kandidat zu werden", sagt Regierungschef Zoran Djindjic und spricht damit die Formel aus, auf die sich alle einigen können: Wiederaufbau und Westorientierung sind das neue nationale Projekt, dem wiederum alle folgen. Für die Vergangenheit interessiert sich nur ein Häuflein Belgrader Menschenrechtler. Das neue Serbien dürfe sich "nicht zur Geisel" einzelner, womöglich unschuldiger Volksgenossen machen lassen, pflegt Djindjic zu sagen. Eine streng nationale Argumentation: Wer freiwillig nach Den Haag geht, bringt sich dem serbischen Volk als Opfer dar, wer sich weigert, ist ein Feigling und Egoist.

Kroatien fühlte sich nach dem Krieg als Sieger, Serbien als Verlierer: So wird die unterschiedliche Haltung in beiden Ländern gern erklärt. Man meint, den Fall zu kennen. Die kollektive Verdrängung und die Flucht in die Ökonomie, moserndes Desinteresse für die "Siegerjustiz", die Gleichgültigkeit gegen die Opfer und die Identifikation mit dem Gegner lassen an Deutschland nach 1945 denken.

Aber der Gedanke führt wie die meisten Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen der neunziger Jahre in die Irre. Den Haag ist nicht Nürnberg - als sichtbares Zeichen für den Unterschied stehen vor dem UN-Tribunal bisher Täter aus drei Kriegsparteien; auch die vierte, die albanische, wird kaum ungeschoren bleiben. Die Frage der Kriegsschuld ist im "Fall Jugoslawien" lange nicht so eindeutig wie im "Fall Deutschland". Deshalb ist es nur zum kleineren Teil die natürliche Reaktion des Verlierers, wenn die Serben sich für die juristische Verfolgung ihrer jüngsten Geschichte nicht interessieren. Wichtiger ist die Art, wie die Weltöffentlichkeit, besonders die Haager Anklagebehörde, serbische Verbrechen behandelt.

In Kroatien verhält sich die internationale Anklage gegenüber der Kriegsschuldfrage streng neutral. Sie weist nur unerbittlich darauf hin, dass die Ermordung unschuldiger Zivilisten im Interesse gleich welcher Sache nicht statthaft sei. Die zurückgenommene Haltung tut große Wirkung. Über die vielen Einzelfälle drang eine Tag um Tag dazu lernende Öffentlichkeit von selbst zur Kriegsschuldfrage vor: War es nicht verständlich, dass die Serben in einem Kroatien, wo sie ihres Lebens nicht sicher waren, ungern leben wollten? Waren gut und böse vielleicht doch nicht so klar verteilt, wie man immer dachte?

Mit Serbien geht dieselbe Anklagebehörde ganz anders um. Statt in einem einzelnen Mordfall die Täterschaft des Angeklagten Slobodan M. exakt nachzuweisen und so seinen Landsleuten den Heros als Verbrecher vorzuführen, plant die Anklage ein Stück Weltgericht. Gerade die Kriegsschuld des Angeklagten soll im Mittelpunkt stehen. Die drei Anklagen gegen Milosevic - wegen des Kosovo, wegen Bosnien, wegen Kroatien - sollen nach dem Wunsch der Chefanklägerin del Ponte gemeinsam verhandelt werden, um zu zeigen, dass es "um ein einziges kriminelles Unterfangen" ging: die Schaffung von Großserbien. Historisch ist das fragwürdig: Plausibler denn als Schöpfer eines großen nationalen Masterplans ist Milosevic als ordinärer Taktiker, der immer alle Optionen offen hielt und sich von den Umständen vom Jugoslawen zum Großserben und wieder zurück zum Jugoslawen konvertieren ließ.

Auf der wichtigsten, der volkspädagogischen Ebene erreicht so die Strategie der Haager Anklage das Gegenteil des Erwünschten. Die Serben müssen erst einmal die Gerechtigkeit ihrer nationalen Sache in Frage stellen, wenn sie lernen sollen, dass ein Mord einfach ein Mord ist. Die Kroaten dagegen hatten die Chance, peu à peu von selbst drauf zu kommen.

Den Haag, Belgrad und der »Fall S. M.«

Anklage Am 27. Mai 1999 erhebt der Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien in Den Haag Anklage gegen Mitglieder der Belgrader Regierung – im Einzelnen gegen den jugoslawischen Präsidenten Milosevic, den serbischen Staatschef Milutinovic, Serbiens Innenminister Stojiljkovic, den jugoslawischen Vizepremier Sainovic und Generalstabschef Ojdanic. Chefanklägerin Louise Arbour wirft ihnen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« im Kosovo vor.
Abwahl Am 24. September 2000 verliert Milosevics die Präsidentschaftswahl gegen den Herausforderer Kostunica, auch wenn die Wahlkommission zunächst dessen Niederlage bekannt gibt.
Sturz Massenproteste am 5. Oktober 2000 führen in Belgrad zum Sturz Milosevics, einen Tag später wird Vojislav Kostunica als Staatschef vereidigt.
Verhaftung Unter dem Vorwurf der Korruption und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt wird Milosevic am 1. April 2001 in seiner Residenz Dedinje verhaftet und in das Zentralgefängnis von Belgrad eingeliefert.
Auslieferung Die Regierung Djindjic entscheidet sich am 28. Juni 2001 für eine vollständige Kooperation mit Den Haag, noch am gleichen Tag wird Milosevic an das Tribunal überstellt.
Anhörung Bei seiner ersten Anhörung vor den Haager Richtern, am 3. Juli 2001, bezeichnet Jugoslawiens Ex-Präsident das Tribunal als »illegal«und verweigert jede Aussage zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen.
Anklageschrift Am 30. Oktober 2001 wird vor dem Tribunal die Anklageschrift verlesen, mit der Milosevic für 600 Morde im Kosovo, die Vertreibung von 740.000 Albanern sowie »Gräueltaten im Kosovo« verantwortlich gemacht wird. Auf Antrag von Chefanklägerin del Ponte wird die Anklage später auch um die Milosevic in Bosnien und Kroatien zu Last gelegten Tatbestände – ethnische Säuberung, Mord und Vertreibung – erweitert.

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00:00 08.02.2002

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